Ein weiser Bach plätschert durch Weißenbach

Seit Jahr­tau­sen­den plät­schert er mur­melnd dahin, ergießt sich bei Wei­ßen­bach in das mil­chi­ge Gewäs­ser der Enns. Man­ches­mal scheint er bei­na­he zu viel zu mur­meln zu haben, man­ches­mal plau­dert er ganz ruhig und unter­halt­sam und man­ches­mal wirkt er so, als ob er Erleb­nis­se los wer­den woll­te, die sich in Tau­sen­den von Jah­ren gesam­melt haben, all das wor­über seit Jahr­hun­der­ten Bücher geschrie­ben wur­den und noch immer wer­den. Teil­wei­se wer­den Web­sei­ten damit gefüllt, teil­wei­se Publi­ka­tio­nen in ele­kro­ni­schen For­ma­ten. Was und wie auch immer, es geht dabei um Ereig­nis­se, die nicht nur Ein­hei­mi­sche, also Stei­rer oder gene­rell Öster­rei­cher beschäf­ti­gen, son­dern auch Men­schen inter­es­sie­ren und fas­zi­nie­ren, ganz egal, wel­chen Kul­tu­ren sie ange­hö­ren. Ich habe zum Bei­spiel im Dach­bo­den des Hau­ses vul­go Punz in Wei­ßen­bach eine ori­gi­nal Luther-Bibel gefun­den, von Feu­er ange­sengt und vom Schick­sal gebrand­markt. Auch die­ses Buch hat von Ereig­nis­sen erzählt, man hat ihm ange­se­hen, dass es oft­mals auf ver­schie­dens­ten Wegen geret­tet wur­de. Als ganz wich­ti­ges Klein­od. Es war Zeu­ge einer wil­den, unru­hi­gen Zeit. Ein Zeu­ge von Refor­ma­ti­on und Gegen­re­for­ma­ti­on, von Glau­bens­kämp­fen, ähn­lich wie es sich heu­te, im Jah­re 2017, im Nahen Osten abspielt, mit Aus­wir­kun­gen auf den gan­zen Pla­ne­ten. Ich wür­de sehr ger­ne wis­sen, was aus die­ser Punz’schen Bibel gewor­den ist.

Das Quellgebiet des Weißenbaches.
Ram­sau 1927 – die Ur-Ver­si­on der Gemein­de. Aus den Bestän­den der österr. Natio­nal­bi­blio­thek. Die Post­kar­te zeigt die Gegend in der der Wei­ßen­bach sei­ne Wäs­ser sam­melt.

Im Bett die­ses wei­sen Baches sam­meln sich die Ereig­nis­se aus der nächs­ten Umge­bung von Ram­sau, wie auch jene der gan­zen Vor­de­ren Ram­sau, sam­meln sich die Geschich­ten um die Sil­ber­kar-Gewäs­ser vom Dach­stein-Mas­siv, ergie­ßen sich in den Ram­sau­bach, wer­den zum Rös­sing­bach, plät­schern am berühm­ten “Loden­wal­ker” vor­bei, den sie in alten Zei­ten ange­trie­ben haben, und wer­den end­lich in einem der inter­es­san­tes­ten Fle­cken der Stei­er­mark, im “Knap­p­an­wald”, zum Wei­ßen­bach. Hier, zwi­schen Sat­tel­berg und Rös­sing­ko­gel, im Rös­sing­gra­ben, gab es bis­lang die bei Ein­hei­mi­schen und Geo­lo­gen berühm­ten Erd­py­ra­mi­den, die sich nur solan­ge behaup­ten, solan­ge die beschüt­zen­den Deckel­stei­ne dar­über blei­ben. Die­se Pyra­mi­den konn­ten bis vor Jah­ren noch von der Stra­ße auf die Ram­sau aus gese­hen wer­den. Die Deck­stei­ne dar­über hiel­ten es nicht aus und damit ver­schwan­den auch die Pyra­mi­den. Es waren die ein­zi­gen der Stei­er­mark. Um auf die Ram­sau oder zum Loden­wal­ker zu kom­men, muß­te im Rös­sing­gra­ben vor vie­len, vie­len Jah­ren schon gesprengt wer­den. An der Stel­le, wo sich beim Wei­ßen­bach der Find­ling fin­det. Ein fin­ger­ähn­li­cher Fels­rest an dem in gegen­wär­ti­ger Zeit so man­cher acht­los vor­bei­fährt, den man nach ein paar wei­te­ren Kur­ven bereits ver­ges­sen hat, von und um den älte­re Ein­hei­mi­sche der­zeit eini­ge intessan­te Geschicht­chen erzäh­len könn­ten.

Der alte Lodenwalcher. Wenige Meter weiter heißt der Bach Weißenbach.
Der alte Loden­wal­cher in der Ram­sau. Drun­ter treibt ihn der Rös­sing­bach an, der eini­ge Meter wei­ter bach­ab zum Wei­ßen­bach wird. Wegen der Hoch­was­ser-Gefahr gibt es heu­te den neu­en Loden­wal­ker.

Weil die­ser Bach mich an mei­nen ers­ten “Loden­jan­ker” erin­nert, bei des­sen Erwerb viel, sehr viel ori­gi­nal Schlad­min­ger Bier geflos­sen ist und vie­le, sehr vie­le ori­gi­na­le “G’stanzln” gegrölt wor­den sind, und das Plät­schern heu­te noch in mei­nen Ohren nach­klingt, hat es mich auch dar­an erin­nert, dass ich damals bis in den unters­ten Kel­ler des “Loden­wal­kers” auf der ergeb­nis­lo­sen Suche nach einer Toi­let­te vor­ge­drun­gen bin, mich rest­los ver­irrt hat­te und schliess­lich doch ganz, ganz drin­gend in der frei­en Natur gelan­det bin. Es war kalt und fros­tig dazu­mal und tiefs­ter Win­ter mit wah­ren Schnee­ge­bir­gen rund­um­her. Die Toi­let­ten befan­den sich übri­gens gleich gegen­über der Wirts­stu­be. Im ers­ten Stock. Auch heu­te noch. Sind kin­der­leicht zu fin­den, nicht zu über­se­hen  – im nüch­ter­nen Zustand.

Der neue Lodenwalker knapp vor der Ramsau in der Steiermarku
Der berühm­te neue Loden­wal­ker, in dem sich der Kauf mei­nes ers­ten blau­en Loden­jan­kers tat­säch­lich sehr blau abspiel­te.

Eine kur­ze Pau­se zu machen “baim Lod­n­wol­ka” lohnt sich. Da ser­viert man ger­ne die ori­gi­nal “Krai­ner” mit schar­fem Senf und ech­tem ram­saue­ri­schen Kren und – “is jo wui kloa” (“Ist ja wohl klar”) – Schlad­min­ger Bier. Die gut aus­ge­bau­te Stra­ße von Wei­ßen­bach hin­auf in die Ram­sau ist die bei Wei­tem schö­ne­re und roman­ti­sche­re Zufahrt. Und wird beglei­tet vom Mur­meln und Plät­schern des Bäch­leins, vom Plau­dern über die vie­len Ereig­nis­se die­ser Gegend, die alle noch dar­auf war­ten, auf­ge­ar­bei­tet zu wer­den. Anfän­ge wur­den bereits gesetzt. Von Dr. Gün­ther Cer­win­ka. Dan­ke für die Arbeit. Allen jenen wel­che nur mobil und schnell sein wol­len, sei die zwei­te Anfahrt zu emp­feh­len, die über Schlad­ming.

Rössinggraben und Hauser Kaibling
Der Blick vom Loden­wal­ker über den Rös­sing­gra­ben zum Hau­ser Kaib­ling. Das ist der Berg mit dem Funk- und Fern­seh­turm oben drauf.

In der Ort­schaft Wei­ßen­bach bei Haus im Enns­tal rauscht er bereits, der Weis­sen­bach. Er ist auch mehr­mals vol­ler Zorn dar­über, dass ihm nie­mand zuhör­te, obwohl er doch so viel zu sagen hat, über sei­ne Ufer getre­ten und mäan­drier­te kul­tisch hin und her, wie eine Rie­sen­schlan­ge. Und das direkt vor unse­rem Haus “vul­go Punz”. Gefähr­det aller­dings durf­te man sich nicht füh­len. Hoch­was­ser­ge­fahr bestand zu kei­ner Zeit. Es war nur so etwas wie laut­star­ker Pro­test, höchs­tens wie eine Dro­hung. Der höl­zer­ne Fuß­gän­ger­steg über das übli­cher­wei­se fried­fer­ti­ge Gewäs­ser muss­te stän­dig aus­ge­bes­sert wer­den. Solan­ge bis sich der aus­ge­wach­se­ne Bach doch als der Dau­er­haf­tes­te und Hart­nä­ckigs­te erwies. Heu­te lässt der Wei­ßen­bach die Wei­ßen­ba­cher “onglahnt” (“ange­lehnt” wie man auf gut schrift­deutsch meint). Das bedeu­tet, dass er mit­hil­fe der Enns, in die er sich ergiesst, jeman­den ande­ren sucht, dem er sich erklä­ren kann.
In Wei­ßen­bach direkt neben dem Wei­ßen­bach durf­te ich also in die­sem kusche­li­gen hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Holz-Block­haus mit Ori­gi­nal-Moos zwi­schen den Bal­ken einen Teil der Zeit bis zum Beginn der aka­de­mi­schen Lehr­jah­re ver­brin­gen. Es war eine Zeit, die mir die Chan­ce bot, vie­les zu ver­fes­ti­gen, vie­les in aller Ruhe rei­fen zu las­sen, und vie­lem die Mög­lich­keit zur Ver­fü­gung stell­te, aus­zu­bre­chen, zum Aus­druck kom­men zu las­sen, ohne Behin­de­rung zum Ist zu wer­den. In die­ser kur­zen wei­ßen­ba­che­ri­schen Zeit wur­de Ich. Onkel Ernstl, vul­go Punz, hat viel dazu bei­getra­gen. Fas­zi­nie­rend war nicht nur sein Wis­sen um Öko­no­mie und Öko­lo­gie der gan­zen Gegend und eines gro­ßen Teils des Enns­ta­les, um die Füh­rung des Hofes, der Höfe der gan­zen Gegend, um das Leben im tiefs­ten Win­ter ohne Unter­stüt­zung von damals noch uto­pi­schen Tech­no­lo­gi­en. Ich wur­de oben­drein höchst inter­es­sier­ter Mit-Leser der Zeit­schrift “Der Anblick”. Onkel Ernstl war näm­lich auch bewähr­ter Auf­sichts­jä­ger in die­sem Revier öst­lich des Dach­steins. Er hat mir schon Eini­ges bei­gebracht wäh­rend der zahl­rei­chen Pirsch­gän­ge. Beson­ders ein­ge­prägt hat sich das Bild der ver­schlun­ge­nen Rin­gel­nat­tern auf dem Weg zum Ahorn­see, die sich jäh aus Schlin­gen und Schlei­fen in einem grau­en Knäu­el zün­gelnd und glei­tend im Son­nen­licht ver­spiel­ten. Das Bild der Nat­tern beglei­tet mich bis heu­te: Immer wenn ich zu Trai­nings­zwe­cken “Jäh aus Schlin­gen und Schlei­fen schlüp­fen geschmei­dig schre­cken­de Schlan­gen” anstim­me, taucht es auf wie ein Fanal. “Woat Bua!” – die Stim­me von Onkel Ernstl gehört dazu. Sein Bücken nach einem Stein am Ran­de des Weges, der ziel­si­che­re Wurf, das Aus­ein­an­der-Stie­ben der Schlan­gen genau­so. “Schau, wie die sich davon­rin­geln, die Nat­tern!”, lächel­te Ernstl.
Wie oft bin ich die­sen Weg ganz allei­ne gegan­gen! Zu den Gams-Kitz­lein im Bett des Gra­den­ba­ches gleich unter­halb des Ahorn­sees. Sie haben mich gestos­sen, mit ihren noch nicht aus­ge­bro­che­nen run­den Horn-Ansät­zen, wie­der und wie­der, so lan­ge bis mich das wie­der­hol­te Stos­sen ehr­lich weh­zu­tun begann. Aber bis dahin war es ein Spiel und natür­lich auch ein wenig Wachs­tums­för­de­rung. Mama Gem­se stand sicher­heits­hal­ber eini­ge Meter wei­ter weg, über dem Bett des Baches, wahr­te die Über­sicht und hat­te immer die Bereit­schaft zum war­nen­den Pfiff. Ich konn­te ihre Auf­merk­sam­keit kör­per­lich spü­ren. Sie nahm jede mei­ner Bewe­gun­gen wahr, wehe ich hät­te mich ihrer Auf­fas­sung nach zu schnell bewegt! Nach einer lan­gen Zeit des Aus­pro­bie­rens, wie lan­ge die­ses Wesen da auf­recht auf den Hin­ter­läu­fen ste­hend oder auch auf allen vie­ren das Stos­sen gegen den Hin­tern oder die Hand­flä­chen durch­hielt, wur­de es ihnen lang­wei­lig und sie kehr­ten reu­mü­tig zu Mama-Geiß zurück. Wahr­schein­lich guck­ten sie täg­lich nach mir. War ich nicht da, war es auch recht. Aber wenn, dann star­te­te die ver­trau­te Stoss-Orgie. Manch­mal ver­spür­te ich das Bedürf­nis, Auf­sichts­jä­ger zu wer­den, die Tier­lein rund­um­her in den schnee­rei­chen und bit­ter­kal­ten Win­ters­zei­ten damals mit der lebens­not­wen­di­gen Nah­rung zu ver­sor­gen und jedes Jahr mit klei­nen Kitz­lein ers­te Erfah­rung zu spie­len. Ähn­li­ches wider­fuhr mir Jahr­zehn­te spä­ter mit Buch­fin­ken. Da gab es zwei bis drei Her­ren, die ihre Nach­kom­men immer von mir füt­tern lie­ßen. Natür­lich mim­ten die Papas Fut­ter­stel­len­kämp­fe, aber das war nicht schlimm. Da blieb der eine solan­ge weg, bis der ande­re nicht mehr zu hören und sehen war. Geschätz­te ein­hun­dert­zwan­zig Buch­fin­ken haben wir auf die­se Art groß­ge­zo­gen. Das Schöns­te dabei waren aber die som­mer­li­chen Bäder. Jedes Mal wenn wir uns in den Pool stürz­ten, kamen die Fin­ken­kü­ken ange­flat­tert und mach­ten es uns nach, stürz­ten sich in das Was­ser­be­cken davor, prit­schel­ten, flo­gen neben das Becken, wo es Son­nen­plät­ze genug gab, und lie­ßen sich mit aus­ge­brei­te­ten Flü­geln trock­nen.
Wei­ßen­bach bei Haus im Enns­tal wur­de eines Mit­ter­nachts für mich gebo­ren als ich sehr spät ange­kom­men und gleich ins Bett geschlüpft bin, ohne mich viel um mein Quar­tier zu küm­mern. Was ich zwar hät­te tun sol­len, aber viel zu müde dafür war. Am nächs­ten Tag blin­zel­te mir schon die Son­ne in die Augen. Ich öff­ne­te sie, die Augen. Und erblick­te einen Fuchs, der wie­der­um mir gera­de in die Augen blick­te. Treu erge­ben, so schien es mir. Schlag­ar­tig war ich mun­ter. Mei­nem Bett gegen­über stand ein Papier­korb, dienst­eif­rig mir ent­ge­gen­ge­hal­ten von einem Dachs. Auf einer Komo­de mach­te sich gera­de eine Eich­hörn­chen-Kapel­le mit ihren Mini-Instru­men­ten bereit, mir ein Mor­gen­ständ­chen dar­zu­brin­gen. Erst als sich mein Fuchs-Bett­vor­le­ger nicht rühr­te, begriff ich, wo ich war. Die vie­len aus­ge­stopf­ten Tier­lein – im Vor­zim­mer mei­ner Schlaf­statt waren in Schrän­ken noch jede Men­ge bun­te Vög­lein – stamm­ten von einem Wie­ner Tier­prä­pa­ra­tor, der wäh­rend der letz­ten Kriegs­jah­re oder ‑mona­te, hier in Wei­ßen­bach beim Punz gast­freund­lich auf­ge­nom­men wor­den war und sich mit dem Prä­pa­rie­ren von Tie­ren erkennt­lich gezeigt hat­te. Wohin die Prä­pa­ra­te ent­schwun­den sind, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Die Erin­ne­rung an die­se mei­ne ers­te Nacht mit den vie­len Tier­lein hat sich mir hin­ge­gen ein­ge­prägt. Genau­so wie mein ers­ter Ein­druck von Wei­ßen­bach, unmit­tel­bar nach mei­nem Erwa­chen, wie oben geschil­dert. Mein Schlaf­zim­mer hat­te zwei Fens­ter. Da lug­te ein strah­lend­blau­er Him­mel her­ein. Ein wol­ken­lo­ser Him­mel! Instink­tiv riss ich bei­de Fens­ter auf. Frische,beste ober­stei­ri­sche Berg­luft ström­te her­ein. Unglaub­lich. Mein gan­zer jugend­li­cher Kör­per atme­te tief. In weni­gen Sekun­den war die ein­ge­at­me­te Gra­zer Luft ver­drängt. Sauer­stoff­rei­che, erfri­schen­de Alm­luft erfüll­te mich und damit begann  auch neu­es und kräf­ti­ges Leben in mir zu rotie­ren. Da waren die Augen­bli­cke, Sekun­den, der Erfül­lung und der Ruhe. Unend­li­che Ruhe. Die Wär­me der Son­ne ließ den Geruch der uralten Holz­blö­cke ver­strö­men, über die gan­ze Fas­sa­de bis zu mir her­ein. Hol­zaro­ma. Moos-Samen. Urur­ur­alt. “Mein Gott, ist das schön!” ent­fuhr es mir. Ich kann mich an jede tau­sends­tel Sekun­de von Gefüh­len und deren Äuße­run­gen erin­nern. Was die­se fünf Wör­ter mein­ten steht ganz ein­fach da, unwi­der­ruf­lich. Das muß­te hin­aus, laut gesagt wer­den und wur­de gesagt. In die­sem Licht stan­den sie vor mir, die Ber­ge des süd­li­chen enns­ta­ler Tal­teils: Der Hau­ser Kaib­ling, davor die Ort­schaft Haus mit der all­ge­gen­wär­ti­gen Kir­che, rechts davon der Hochgolling,die gan­ze Ket­te der Nie­de­ren Tau­ern, der Alpen-Haupt­kamm. Da lag er vor mir! Ich brauch­te lan­ge, um das alles auf­zu­neh­men, zu ver­ar­bei­ten und zu begrei­fen.

Mein Domizil zur vorakademischen Zeit: Weißenbach bei Haus im Ennstal
Der Wei­ßen­bach mäan­drier­te an die­sem Haus vor­bei: vul­go Punz in Wei­ßen­bach bei Haus im Enns­tal.

Es ist noch immer eines der ältes­ten Holz­häu­ser der gan­zen Gegend, mein kurz­fris­ti­ges vor-aka­de­mi­sches Domi­zil. Hin­ter den bei­den Fens­tern im ers­ten Stock ver­barg sich mei­ne Schlaf­statt mit dem Bett­vor­le­ger-Fuchs. Dane­ben lagen die Räu­me von “Onkel Ernstl”. Das klei­ne ver­blen­de­te “Loch” deu­tet die Ori­gi­nal-Fens­ter­grö­ße an. Dar­un­ter – im Erd­ge­schoß – befand sich frü­her ein­mal die Ori­gi­nal-Rauch­kü­che mit dem Ent­lüf­tungs­loch und dar­un­ter einem wei­te­ren Fens­ter­chen. Die Ess­ecke und ein rie­si­ger Kachel­ofen füll­te den Raum zur Zeit mei­nes Auf­ent­halts. Kurz nach mei­nem Ein­tref­fen wur­de mei­ne Schlaf­statt und das Zim­mer davor restau­riert. Ohne Nach­lass des Tier­prä­pa­ra­tors fühl­te ich mich schon viel, viel woh­ler.
An die­ser Süd-Fas­sa­de ent­lang führ­te damals der Zugang zum Haus, links davon ging es durch ein Holz­tür­chen auf die Haupt­stra­ße. Die führ­te damals über die Bahn­li­nie und die Enns­brü­cke nach Haus im Enns­tal. Ging man rechts gelang­te man – schräg gegen­über – zum “Loidl”, zum Nach­bar­haus. “Da Loidl” war damals ein klei­nes Land­kauf­haus, vol­ler Waren für den täg­li­chen Bedarf. Das Ein­zi­ge zur dama­li­gen Zeit. Auch ein Haus aus purem Holz mit klei­nen Fens­ter­chen und einem klei­nen Ver­kaufs­raum, in dem es nach allem roch, was damals ange­bo­ten wur­de. Da muß­te man schon wis­sen, was man woll­te. Ein­zu­tre­ten und sich erst dann zu ent­schlie­ßen, was man eigent­lich woll­te, das war damals noch unvor­stell­bar und ganz ein­fach “irr”. Das Haus steht bis heu­te.

Unter dem Dach befand sich damals nur Dachboden.
Zwi­schen den Ber­gen im Hin­ter­grund gehts zum Ahorn- und dem Gra­fen­berg­see. Im ers­ten Stock des Hau­ses befand sich damals nur Dach­bo­den. Mit all sei­nen Schät­zen aus längst ver­gan­ge­ner Zeit.

Und noch einen Bewoh­ner gab es zu die­ser Zeit. Er hieß Adi und pen­del­te am Wochen­en­de zwi­schen Zell am See und Wei­ßen­bach hin und her. Neben­be­ruf­lich eröff­ne­te er sein Wochend-Ate­lier im ers­ten Stock des Hau­ses, stras­sen­sei­tig. Ver­kehr fand damals so gut wie nie statt. Es gab also nichts, was wirk­lich stö­ren konn­te. Folg­lich mal­te und zeich­ne­te er. Er kon­kur­rier­te mit Onkel Ernstl. Der wie­der­um mal­te am liebs­ten mit Nitro-Lack! Adi arbei­te­te an einem gro­ßen Bild der Hans-Wödl-Hüt­te am stei­ri­schen Boden­see im See­wig­tal, gleich unter­halb der Hoch­wild­stel­le. Über die­sen See fuhr damals sogar ein Schiff­lein! Das Bild soll­te der Wer­bung die­nen, soviel ich mich erin­nern kann. Ein ein­zi­ges Mal war ich an jenem See. Para­die­sisch. Aber ich hat­te noch ein gan­zes Leben vor mir, konn­te und durf­te mich nir­gends nie­der­las­sen. Ich wuß­te genau: Alles, was sich bis zum Beginn mei­ner Aus­bil­dung abspie­len soll­te, dien­te der Infor­ma­ti­on, wie was mei­ne Mit­men­schen unter­nah­men, um nicht unter­zu­ge­hen, um “Kar­rie­re” zu machen, um Beru­fe aus­zu­üben, um “irgend­wer” zu sein, um Erfolg zu haben und wenns nur ein ganz ganz klei­ner Erfolg wäre. So berei­te­te ich mich an die­sem Ort, in Wei­ßen­bach, vor: Hier schöpf­te ich die Ener­gie für mein wei­te­res Leben, zumin­dest den größ­ten Teil davon. Nichts, aber auch gar nichts kann mir die­se Wochen,Tage, Stun­den und Ereig­nis­se neh­men. Das erfah­ren zu haben, beru­higt unge­mein. Mit ein Grund dafür, dass ich mir die Frei­heit nahm und noch immer neh­me, mich ganz offen mit mir selbst zu beschäf­ti­gen, wenn es sein muss. Unter vie­lem ande­ren mehr. Da benö­tigt es kei­ne Unehr­lich­keit, die ja nichts ande­res als getarn­te Lüge ist. Und für die man den Begriff “Not­lü­ge” erfun­den hat.

Das Atelier von Adi
Adis Frei­zeit­ate­lier

Da gab es dann auch noch einen Wirt­schafts­teil, direkt an die­sem Haus, eine Ten­ne mit einem sehr alten Bau­ern­schrank in den irgend­je­mand eine Unzahl an Nägel ein­ge­schla­gen hat­te, zur Befes­ti­gung von Rie­men und Ket­ten, Schau­feln und Äxten und sons­ti­gem Gerät. Die­ser Schrank war kunst­voll bemalt. Jedes Mal, wenn ich an ihm vor­bei ging, muss­te ich die­ser Schrank-Rui­ne in die Gemäl­de schau­en. Mit ein bischen Weh­mut im Her­zen. Sei­ne Anwe­sen­heit und sein Dahin­sie­chen teil­te mir mit, dass eine neue Zeit gekom­men war. Nur wel­che, war für mich damals die Fra­ge. Jeden­falls hieß es, von der alten Abschied zu neh­men. Es gab in die­sem Zeit­ab­schnitt nur ganz ganz weni­ge – eine unschein­ba­re Min­der­heit war es – die sich Zeit und Geduld aneig­ne­ten, um den Abschied mit dem Auf­bruch zu ver­bin­den. Für den Schrank in der Punz’schen Ten­ne hat­te lei­der bereits die Stun­de geschla­gen, da gab es kei­nen Auf­bruch mehr.

Stall und Tenne m hinteren Teil des Hauses.
Die Stra­ßen­sei­te und der Wirt­schafts­teil mit Ten­ne und Stall. Im ers­ten Stock rechts oben: Das kunst­vol­le Ate­lier von Adi.

Die Nach­bar-Ort­schaft heißt Aich-Assach. Dort wohn­te eine Ver­wand­te von Onkel Ernstl – ich glau­be, es war eine Schwes­ter – namens Hed­wig. Eine net­te älte­re Dame. Sie wohn­te in einem ehe­ma­li­gen Pfarr­hof, son­nen­durch­flu­tet und vol­ler Blu­men. Die Fens­ter­chen waren voll ver­git­tert. Das gab einem das Gefühl der Sicher­heit. Ein sehr hei­me­li­ger Ort. So wie alle Pfarr­hö­fe. Dort war ich auch des öfte­ren. Vor allem, als ich sogar noch mein Fahr­rad gelie­fert bekam. Per Bahn­post. Das gab mir damals die wah­re Unab­hän­gig­keit. Ich ent­deck­te die Grö­ße der Hart­we­ge­ri­schen Schot­ter­gru­be auf der Basis des Gradenbach’schen Schutt­ke­gels, wur­de dabei aber von einer gelb­li­chen Rie­sen­schlan­ge ver­trie­ben – könn­te eine Sand­vi­per gewe­sen sein, so cir­ca zwei bis drei Meter lang und ziem­lich dick. Jeden­falls mach­te ich mich eilends davon. Per Rad hat­te ich es leich­ter und war auch schnel­ler. Aus­ser­dem war ich auch viel näher dem gelieb­ten Ahorn­see. Bis zum Forst­haus am Gra­den­bach waren es nur ein paar Minu­ten. Links davon stürz­te das Was­ser des Baches in einen klei­nen See mit Grün-Bewuchs und Moos bis zur Was­ser­ober­flä­che. Der Wald dort hat­te eine beson­de­re Stim­mung. Das schie­nen auch die Vög­lein zu spü­ren, sie zwit­scher­ten und tiril­lier­ten und gurr­ten und flat­ter­ten umher. Es war über­haupt ein sehr beleb­ter Fle­cken Wald. Zwi­schen die­sem Was­ser­fall und dem Forst­haus gab es noch eine Fut­ter­stel­le für die grö­ße­ren Tie­re. Viel­leicht war es das Wis­sen, dass es hier immer etwas gefahr­los zu Mamp­fen gab und gibt, was die Gegend rund um das Förs­terhaus so belebt und beson­ders mach­te. Gleich hin­ter dem Häus­chen begann der stei­le Anstieg in Rich­tung Ahorn­see und wei­ter zum Sto­d­erzin­ken. Da lehn­te ich mein Fahr­rad gegen einen Strauch oder die zahl­reich vor­han­de­nen bena­del­ten Bäu­me und eil­te von hin­nen. Wenn ich mei­ne Gams-Kitz­lein erahn­te hat­te ich es beson­ders eilig. Da ging ich so, wie ich war – ohne Regen­schutz, Jop­pe und Jau­se, ein­fach so wie ich war…

Der Wasserfall des Gradenbaches. Weissenbach bei Haus im Ennstal
Der Fall des Gra­den­ba­ches. Zeu­ge der Ver­glet­scherung und Abfluss von Gra­fen­berg- und Ahorn­see.

Im Ahorn­see selbst schwamm zur dama­li­gen Zeit ein abge­sof­fe­ner Aus­le­ger-Ein­baum umher, vor vie­len Jah­ren von Pfad­fin­dern gefer­tigt. Damals gab es hier her­oben ein rich­ti­ges Lager. Seit­dem hat sich an die­ser Stel­le wie­der Stil­le und Beschau­lich­keit ein­ge­nis­tet. In letz­ter Zeit wur­de am Ufer des ein­sa­men Berg­sees aller­dings eine bewohn­ba­re Hüt­te errich­tet. Mit der gro­ßen Ein­sam­keit und Stil­le dürf­te es dem­zu­fol­ge auch hier schon vor­bei sein.
Unver­ges­sen ist der Moment als auf mei­ner Wan­de­rung vom Sto­d­erzin­ken kom­mend nach Wei­ßen­bach mein Blick das ers­te Mal von einem Fels­ab­bruch hin­un­ter­fiel auf die Sen­ke mit dem Ahorn­see. Die­ser Augen­blick bleibt für ewig in den Erin­ne­run­gen fix ver­an­kert. Die Steil­wand, die die­sen Blick unver­wandt frei­gab. Wie ein klei­nes Auge lag er da, umge­ben von ver­schie­de­nen Bäum­chen und Grä­sern, mit­ten­drin in aller Ruhe der Ein­baum. Ein Bild der Aus­ge­gli­chen­heit. Und ein Bild der Unwie­der­kehr­bar­keit von Ver­gäng­li­chem. Der Ein­baum vol­ler Was­ser. Was ihn schwim­men ließ, war das Holz. Man konn­te es von die­ser Höhe aus erken­nen. Direkt vor mir. Zu mei­nen Füßen. Anlass genug, für ein paar Minu­ten Ruhe und Genuß. Die Zeit anzu­hal­ten, das lern­te ich hier her­oben.

Das Forsthaus im Tal des Gradenbaches.
Das Forst­haus und das Trog­tal des Gra­den­ba­ches.

Ein wei­te­rer Fels­ab­bruch gibt auf die­sem Weg auch den Blick frei auf das Tal des Gra­den­ba­ches, auf das Forst­haus und sei­ne Zufahrts­stra­ße, auf das Enns­tal ganz unten und den Hau­ser Kaib­ling auf der ande­ren Sei­te des Enns­ta­les. Die­ser Aus­blick nahm mich gefan­gen, erin­ner­te mich an die Geo­gra­fie- und Geo­lo­gie-Stun­den mei­ner Schul­zeit, an Prof. Knaus, der uns so viel Inter­es­san­tes aus der Zeit des Wer­dens unse­res Pla­ne­ten erzäh­len konn­te. Vor mei­nem geis­ti­gen, ver­träum­ten Auge brach ein Glet­scher aus Rich­tung Ahorn- und Gra­fen­berg­see kal­bend über den Fels­ab­bruch in das Trog­tal des Gra­den­ba­ches und mün­de­te vor der Ort­schaft Wei­ßen­bach in den Enns­ta­ler Glet­scher. Erst sehr viel spä­ter muß­te ich erfah­ren, dass ich und mein Prof. Knaus gar nicht so weit weg von der rela­ti­ven Wahr­heit waren.
Ich war schon x‑Male an mei­nem gelieb­ten Ahorn­see, als ich schließ­lich doch noch ein­mal mei­ner geo­lo­gi­schen Neu­gier nach­gab und mich der Suche nach dem Ursprun­ge des Gra­den­ba­ches wid­me­te. Er plät­scher­te ja von irgend­wo­her kom­mend weit unter­halb des Sees aus der Erde her­aus in sein ober­ir­di­sches Bett. Ich fass­te mir also mein Herz und schlug mich ins Gestein und zwi­schen die Büsche, hör­te und such­te und hör­te, so lan­ge bis ich den Ursprung – gleich zwei­fach – gefun­den und gese­hen hat­te. Da spru­del­te und plät­scher­te es zwi­schen Gestein und den Gesteins­spal­ten her­vor, glas­klar und trans­pa­rent, bahn­te sich sei­nen Weg, so als ob es schon seit vie­len hun­dert­tau­send Jah­ren klar sei, dass hier das Bett des Gra­den­ba­ches ist, immer schon war, dass die­ser Bach hier schon immer flie­ßen woll­te, weil unten im wei­te­ren Tal die Enns exis­tier­te und die­se zog den Gra­den­bach und den Wei­ßen­bach und all die ande­ren Bäch­lein und Bäche und Mini-Flüß­chen magisch in ihren Bann, nahm sie mit auf die lan­ge Rei­se. Ein woh­li­ges Schau­dern erfüll­te mich, ich fühl­te Schwar­zes Meer und Mit­tel­meer und Atlan­ti­schen Oze­an und Pazi­fik. Hier her­oben, zu mei­nen Füßen quol­len aber die Ursprün­ge des klei­nen, aber bedeu­ten­den Gra­den­ba­ches her­vor.

Der Ort des Brennens des begehrten Latschenkieferschnapses.
Hier wur­de zur Zeit des gefürch­te­ten staat­li­chen Mono­pols der begehr­te Lat­schen­kie­fer­schnaps gebrannt.

Irgend­wo unter­halb des Ahorn­sees, weit ent­fernt vom übli­chen Wan­der­weg, stand eine klei­ne impro­vi­sier­te Hüt­te. Es war ein Unter­stand für Jäger. Konn­te man mei­nen. Und hat­te man die Exis­tenz die­ses Unter­stands ein­mal ent­deckt und woll­te von Ein­hei­mi­schen Nähe­res wis­sen, hat­te nie­mand aus der gan­zen Gegend Kennt­nis über die­ses Hüt­ten­werk. Von den einen ern­te­te man Unwis­sen­heit, von den ande­ren Schwei­gen, wobei ein lei­ses Lächeln die Lip­pen umspül­te, selbst jene von Onkel Ernstl. Von mei­nen vie­len inne­ral­pi­nen Rund­gän­gen wuss­te ich schon, wor­um es da ging. Hin und wie­der inter­es­sier­te es mich sehr, wo denn da der Gott-sei-bei-uns ver­bor­gen wur­de, unter wel­chem Fels­über­hang, in wel­chem Gebüsch. Gefun­den habe ich die Destil­le nie. Der Schaps der hier aus den Lat­schen­kie­fern destil­liert wur­de, war sicher einer der bes­ten des Alpen­raums.

Die Friedenskirch am Stoderzinken
Unver­än­dert – auch heu­te noch: Die Frie­dens­kir­che am Sto­d­erzin­ken – aus dem Archiv der ÖNB.

Das Ziel der mehr­ma­li­gen Wan­de­run­gen auf den Sto­d­erzin­ken war die bekann­te Frie­dens­kir­che. Von Gröb­ming aus führt eine Berg­stra­ße her­auf, der Grund dafür, wes­we­gen auch vie­le Tou­ris­ten her­auf­ka­men und natür­lich auch ‑kom­men. Jeder der das Kirch­lein betritt,darf ein­mal läu­ten, mit der Glo­cke läu­ten, für Frie­den auf die­sem unse­ren Pla­ne­ten. Daß die­ser Klang­kör­per nicht ohne Pau­se erklingt, unun­ter­bro­chen, hat mich immer schon gewun­dert. Gibt es jene Lebe­we­sen tat­säch­lich, die das, wozu die­ses Kirch­lein errich­tet wur­de, gar nicht wol­len, sogar ver­hin­dern wol­len? Um leich­te­res Spiel zu haben? Gibt es sie tat­säch­lich, die Leben mit Spie­len ver­wech­seln, die in ihrer Begriffs­welt nie wei­ter gekom­men sein dürf­ten, als bis zu jenem Punkt der Begeg­nung, an dem moti­vier­ba­re, ein­fa­che Mit­geis­ter in allem und jedem Fein­de sehen, die es ganz im Sin­ne der “Influ­en­cer” nie­der zu machen gilt. Aber auch damit dürf­te es in weni­gen Jah­ren schon vor­bei sein. Es ist ja nicht mehr nötig, ande­re in den Tod zu schi­cken, seit­dem es “mining” gibt, vor allem “cryp­to-mining”.

Das Friedenskirchlein am Stoderzinken.
Das Frie­dens­kirch­lein von der ande­ren Sei­te. Im Dunst der Fer­ne kann man Haus im Enns­tal erah­nen und Wei­ßen­bach. Im Vor­der­grund der Aus­gangs­punkt unse­res Traz-Klet­ter­stei­ges. Aus dem Archiv der ÖNB.

Aber von die­ser neu­en Art des Wer­te-Schöp­fens trenn­ten uns damals noch vie­le Jahr­zehn­te. Wir hat­ten auch nicht die gerings­te Ahnung von die­sen Din­gen, bis auf das Gottswinter’sche wei­ter­ge­ge­be­ne Ban­ker-Wis­sen. Und das war nur auf die öster­rei­chi­schen Schil­lin­ge beschränkt. Nein, wir kon­zen­trier­ten uns auf ein paar Halb­schuh-Tou­ris­ten, war­te­ten beim Kirch­lein, bis ein paar zusam­men­ka­men, drück­ten uns an die­sen vor­bei bis zur Absper­rung hin­ter dem Kirch­lein, wo ein Schild genau vor dem warn­te, was wir vor­hat­ten zu tun. Wir schwan­gen uns läs­sig über die Bal­ken, hur­tel­ten die ers­ten paar Meter des Klet­ter­stei­ges eben dahin und waren schon den Bli­cken der uns beob­ach­ten­den Tou­ris­ten ent­schwun­den. Da ging es dann steil berg­auf. Klar war es gefähr­lich, was wir taten. Wir waren aber alle berg­ge­wohnt. Waren in den Ber­gen zu Hau­se und fühl­ten uns in unse­rem Ele­ment, hat­ten immer fes­ten Tritt und Schritt. Vor allem waren wir im Nu am Gip­fel des Sto­d­erzin­ken. Dort war­te­ten wir auf jene, wel­che vom Kirch­lein wie­der retour gehen muß­ten, und von die­sem Punkt aus erst den wei­ten Wan­der­weg zur Berg­spit­ze hin­auf nah­men und so – nach etwa drei­ßig Minu­ten – wie­der auf uns tra­fen. Natür­lich hat­ten wir volls­tes Ver­ständ­nis für ungläu­bi­ge Bli­cke und Tuscheln. Die Zeit bis dahin genos­sen wir. Die Zeit. Es ist unmög­lich Zeit zu beschrei­ben, Stil­le, damals hat es nur ganz weni­ge Flug­zeu­ge gege­ben, die über uns hin­weg­zo­gen. Es war ruhig. Nichts hat es gege­ben, was Stress aus­ge­übt hät­te. Es war tat­säch­lich ruhig. “Beschau­lich” hät­te man damals gesagt, aber es war weit mehr als das.
Zu guter Letzt führ­ten wir den “Frem­den” auch noch das Sprin­gen von jun­gen Kit­zen vor – in Rich­tung Alm­hüt­te. Wir hüpf­ten und spran­gen von Fels­plat­te zu Fels­plat­te, wir lies­sen es ein­fach lau­fen, leb­ten im Berg­ab-Lau­fen, nah­men unse­re Umwelt ganz bewußt wahr, mit allen Details, mikro­sko­pisch genau. Die letz­ten paar Meter gin­gen wir. Da gings dann wie­der berg­auf. Bis zur Hüt­te. Dort war­te­te schon die Sen­ne­rin und dort beka­men wir – vor allem, wenn wir in unse­rem Gefol­ge “Frem­de” moti­vier­ten – köst­li­che Gra­tis-Strau­ben und Krap­fen. Danach mach­ten wir uns wie­der auf zum Ahorn­see und nach Hau­se. Nach Wei­ßen­bach. Ich kann­te die­sen Weg schon so gut, dass ich mir erlau­ben konn­te, Abkür­zun­gen zu neh­men. Damals war dies alles noch mög­lich. Im Win­ter ist heu­te die gan­ze Regi­on fast nur mehr Ski­sport­lern zugäng­lich. Die Frei­heit, die wir uns auf den Almen her­aus­neh­men durf­ten, gibt es nicht mehr. Wo wir die Alpen­be­woh­ner imi­tiert hat­ten und deren Sprün­ge, ist alles pis­ten­ge­rä­te­ge­recht. Heu­te mußt Du Dei­nen Obo­lus ent­rich­ten. Für ein paar Minu­ten Fahrt auf maschi­nen­ge­pfleg­ten Abfahrts­stre­cken und ein paar Stun­den eben­sol­cher Auf­ent­halt auf kom­pen­sa­to­risch geheg­tem Par­kett in woh­li­gem Rausch. Inklu­si­ve dem bit­te­ren Erwa­chen danach.

Olympische Spiele 1964 und VW
Adi muß­te die Olym­pia-VWs nach Inns­bruck über­stel­len – zu den Spie­len 1964.

Zur Win­ters­zeit 196364 zit­ter­te ganz Öster­reich den Olym­pi­schen Spie­len in Inns­bruck ent­ge­gen. Erst­mals hat­ten wir ein sol­ches inter­na­tio­na­les Sport-Ereig­nis im Lan­de, als Gast­ge­ber! Das war natür­lich schon etwas! Wir muss­ten erst­mals wich­tig genom­men wer­den, waren nicht mehr zu über­se­hen. Es war ja auch das Fern­se­hen mit dabei. Sehr umständ­lich damals, aber immer­hin. Es war ja auch erst­mals für Öster­reich. Und noch dazu eine ech­te Initi­al­zün­dung. Hat­ten wir dafür nicht einen spe­zi­el­len Sen­de­turm auf dem Hau­ser Kaib­ling? Bes­te Bezie­hun­gen sozu­sa­gen. Das war zu die­ser Zeit unbe­dingt nötig in die­sem Land. Nur beim Punz in Wei­ßen­bach gabs noch kein Fern­se­hen. “Wos isn des?” , “Braoch ma denn des?” war der Grund­te­nor in die­ser Regi­on. Uns Jugend­li­che küm­mer­te das ganz und gar nicht. Wir leb­ten noch selbst­ge­nüg­sam dahin. Eine kur­ze Zeit. Welt­weit flim­mer­te es bereits aus Inns­bruck über die Schir­me. Dem­zu­fol­ge war auch der Auto­über­stel­ler Adi im benei­dens­wer­ten Blick­punkt. Für mich und mei­ne Freun­din­nen und Freun­de hat­te das natür­lich Kon­se­quen­zen. Ger­ne wur­de Adi mit­samt den zu über­stel­len­den olym­pi­schen VWs zum Taxi. Brach­te Besag­te aus Graz nach Wei­ßen­bach und wie­der retour. Es war eine tur­bu­len­te und abwechs­lungs­rei­che Zeit. Ein paar Jah­re spä­ter soll­te ich selbst in Inns­bruck sit­zen. Beim zwei­ten Durch­gang der Olym­pi­schen Spie­le, 1976. Ö3-Wecker, Ö3-Maga­zin, Olym­pia-Maga­zin, Dienst in der Ö3-Ver­kehrs­re­dak­ti­on kam noch hin­zu, gleich neben der Sicher­heits­zen­tra­le Öster­reichs zu jener Zeit. Der Weg ins Stu­dio war gestri­chen voll von MP-Gar­ben. Geplant natür­lich. Und eines begann sich damals schon abzu­zeich­nen: Die bei­na­he lebens­lan­ge freie Bin­dung zu Por­sche-Aus­tria. Mit Adi’s Olym­pia-VW-Taxi-Diens­ten hat es sei­nen Anfang genom­men, mit Mode­ra­tio­nen in Zell/See aus Anlass diver­ser Por­sche-Wer­be­ak­tio­nen ging es – noch unter Loui­se Piech – wei­ter und ende­te mit der lang­jäh­ri­gen fil­mi­schen Per­so­nal-Doku­men­ta­ti­on und unse­rer Pen­sio­nie­rung: von Herrn Becker/Öffentlichkeitsarbeit – Por­sche Aus­tria, Frau Getru­de Seif/ “screen pro­ject” und von mir.

Position V. des Balletts in Weißenbach
1962. Ein paar Tage in Wei­ßen­bach. Totz der Grö­ße des Brenn­holz-Gebir­ges, wel­ches noch zu bear­bei­ten war: Bal­lett-Grund­po­si­ti­on V.

Nicht, dass mir  beim Punz lang­wei­lig gewor­den wäre. Oh nein! Drei Mono­lo­ge hat­te ich für die Auf­nahms­prü­fung ein­zu­stu­die­ren, wovon nur mehr ein ein­zi­ger in Erin­ne­rung geblie­ben ist: Die “Ring­pa­ra­bel” aus Les­sings “Nathan der Wei­se”. Wor­auf es bei die­sen Drei ankam, war mir teil­wei­se schon nach­voll­zieh­bar, dass es auf­grund mei­ner Uner­fah­ren­heit für mich unmög­lich war, ganz allei­ne auf jeden Gedan­ken­schritt der Mono­lo­ge zu kom­men, war auch ganz klar. Ohne jede Hil­fe kämpf­te ich mich Satz für Satz und Wort für Wort durch. Es gab eine wah­re Unmen­ge an Wör­tern und Begrif­fen, für wel­che ich nur unge­fäh­re Bedeu­tun­gen bereit hat­te, von Kon­kre­tem aber weit ent­fernt war. So ver­brach­te ich Tage und Wochen mit Rät­sel­haf­tem, Geheim­nis­vol­lem und natür­lich auch Glas­kla­rem. Wobei das Letz­te­re zwei­fel­los in der Min­der­heit zu fin­den war. Da arbei­te­te ich Frus­tra­tio­nen, Aggres­sio­nen, Ver­zweif­lung und das bischen Hoff­nung lie­ber an den Gebir­gen an Brenn­holz ab, die vom nahe gele­ge­nen Säge­werk vor der Punz’schen Haus­tür abge­lie­fert wur­den, nahm Hacke und Säge zur Hand und hack­te und säg­te so lan­ge bis der Schweiß in Strö­men aus mir her­aus­brach und mir irgend­je­mand von irgend­wo­her zurief: “Jetz raechts oba, Bua! Jetz raechts!” (Jetzt reichts es aber, Bub, jetzt reicht es!). Und viel­leicht kam just in dem Augen­blick The­re­sia, Resi, vor­bei und ver­sorg­te mich mit auf­mun­tern­den Wor­ten und humor­vol­len Bemer­kun­gen. Im Hin­ter­grund stan­den dabei aber immer jene drei Begrif­fe, wel­che ich mir schon auf­grund mei­ner Beob­ach­tun­gen als Publi­kum­s­teil ein­ge­prägt hat­te: Mut zur Häß­lich­keit, Mut zur Pau­se und bereit sein, dem Part­ner jeder­zeit eine Chan­ce zu geben.

Resi Hartweger, gerne gesehene Besucherin.
Immer fröh­lich und hei­ter, Resi Hart­we­ger, die Nach­bars-Toch­ter.

Eines Wei­ßen­bach-Tages gab es auch für mich eine Chan­ce. An die­sem Tag drück­te mir Onkel Ernstl einen Strick in die Hand, am ande­ren Ende des Stricks trot­te­te eine der Kühe aus unse­rem Stall hin­ter­her. Und ganz dahin­ter Onkel Ernstl mit sei­nem Gams­bart-Hut und einer län­ge­ren Rute unter der Ach­sel. Die­se gebrauch­te er nur um unse­re Kuhlim­uh zu len­ken, ihr die Rich­tung anzu­zei­gen, in die es ging. Es war der Weg in die Hei­mat des Gemein­de­s­tiers. Dort war­te­te schon unge­fähr ein Vier­tel des Dor­fes um dem “Buam aos da Stodt” beim “zua­wi­lossn zuzschaon” (um dem Buben aus der Stadt zu beob­ach­ten, wie er sich beim Paa­ren von Kuh und Stier denn ver­hal­ten wer­de). Ich führ­te die Bei­den tap­fer im Kreis her­um. Irgend­je­mand aus dem Dorf crem­te das Geschlecht der Kuh mit einer rosa­ro­ten Crè­me ein, wor­auf der Stier nach einer Geruchs­pro­be begann die Kuh zu besprin­gen. Ich konn­te die Ton­nen an Ener­gie ver­spü­ren und hat­te leib­haf­ti­ge Angst davor, dass nur einer von uns die Kon­trol­le über das Gesche­hen ver­lie­ren könn­te. Ich führ­te Kuh und Stier zit­ternd und bebend im Krei­se. Immer wie­der. Bis es geschafft war. Dann fiel es mir end­lich auf, dass rund um uns her nur männ­li­che Bewoh­ner unter den Zuschau­ern waren. Der weib­li­che Teil des Dor­fes hat­te anschei­nend  ande­res zu tun oder ver­barg sich. Oder durf­ten sie nicht? Hat­te dies viel­leicht irgend­wel­che Aus­wir­kun­gen auf das Sexu­al­le­ben? Jeden­falls lach­te der Besit­zer des “Schlap­fer­ho­fes” auf der Ram­sau, als ich ihm dies 2017 erzähl­te, kurz auf und mein­te unter Lächeln: “Jo mei, des mocht heit ois da Tiao­azt!” (Ja, das macht heu­te alles der Tier­arzt!).

Meinrad Nell testet die Urschrei-Theorie.
Ein wei­te­res Bild von den Tagen mit Heinz Reip in Wei­ßen­bach. Wir tes­ten die Urschrei-Theo­rie.

Da kennt sich heut­zu­ta­ge, im Jah­re 2017, wohl nie­mand mehr aus, es sei denn er ver­bräch­te sein kom­plet­tes Leben hier her­oben, auf dem Hau­ser Kaib­ling. Wo frü­her die Berg­sta­ti­on der pri­mi­ti­ven Seil­bahn gestan­den ist, etwas wei­ter weg die Krumm­holz­hüt­te stand, sich eine Sen­ke befand und über die­ser eine ganz ein­fa­che Ski­hüt­te stand, ist eine kom­plet­te Win­ter-Welt ent­stan­den, hoch tech­ni­siert und gas­tro­no­misch per­fekt orga­ni­siert. Damals waren das drei Häus­chen und das wars. Ich kann mich noch an ein paar Tage in und bei der Ski­hüt­te erin­nern. Sie gehör­te den Eltern eines jun­gen Bur­schen mei­nes Bekann­ten­krei­ses aus der Gegend. Genau dort errich­te­ten wir das, was wir uns damals unter einer “Schnee­bar” vor­stell­ten. Sie bestand aus einer Schnee­mau­er mit ein paar Löchern oben zur Küh­lung diver­ser Geträn­ke und aus uns vier Bur­schen, immer gut gelaunt und mit locke­ren Sprü­chen ange­nehm aus­ge­stat­tet. Wir schlie­fen in der Hüt­te und leb­ten ansons­ten um die “Bar” her­um und umher. Wir san­gen nur sehr viel, dar­an kann ich mich noch erin­nern, und an unse­re See­sä­cke. Sie waren ganz grün und teil­wei­se aus Kunst­stoff. Sie waren auch die ers­ten in die­sen Lan­den. In die­sen Höhen kann­te man nur Ruck­sä­cke, aber wir, wir hat­ten schon See­sä­cke! Wir stopf­ten sie ganz ein­fach voll. Vol­ler Geld. Alle mög­li­chen Wäh­run­gen. Wir ver­kauf­ten Geträn­ke. Eis­ge­kühl­te. Aus der Schnee­bar. Unse­re Gäs­te kamen direkt aus der Seil­bahn. Fuh­ren maxi­mal zwei Minu­ten, hör­ten uns sin­gen, erfreu­ten sich an unse­rer Stim­mung und unse­rem jugend­li­chen Alter und man­che blie­ben auch bis zum Nach­mit­tag. Kos­ten: Pi mal Dau­men. Wir stopf­ten und füt­ter­ten die See­sä­cke. Es muß­te über Ostern gewe­sen sein, es waren nur weni­ge Tage. Dann kam unser Abfahrts­lauf. Drei von uns waren mit Fackeln aus­ge­stat­tet. Ich stol­per­te und glitt zu Fuß. Ohne Fackel. Die Nacht war sehr hell. Den drei Kol­le­gen waren die Ski­er bereits ange­wach­sen, da war klar, dass ich mich genier­te. Wir brach­ten inner­halb weni­ger Wochen den Inhalt unse­rer See­sä­cke als “die Vier vom Kaib­ling” durch. In jedem der Loka­li­tä­ten der Gegend waren wir ver­ständ­li­cher­wei­se sehr ger­ne gese­he­ne “Vier”. Bis die See­sä­cke geleert waren, nichts mehr her­ga­ben.

Der Marktwert Weißenbachs stieg.
Elfi aus une­rem “Kreis” in Graz kam auch nach Wei­ßen­bach. Die­sem klei­nen damals noch unbe­kann­tem Dorf ver­half ich schon zu einer Stei­ge­rung sei­nes Markt­wer­tes.

Der “Punz” mit­samt “dem Onkel Ernstl” wur­de schon zu einem geflü­gel­ten Begriff in mei­nem Bekann­ten­kreis. Vie­le woll­ten wis­sen, lausch­ten den Erzäh­lun­gen von Wei­ßen­bach und dem Ahorn­see, den Gem­sen, vom Sto­d­erzin­ken und so wei­ter. Eini­ge nah­men sich die Zeit, um mit mir dahin zu fah­ren oder um mich zu besu­chen. Die meis­ten woll­ten sich selbst davon über­zeu­gen, ob es so eine Dorf­ge­mein­schaft inklu­si­ve Dorf und Umfeld über­haupt noch gäbe. Und es gab sie. Aber wie! Eines schö­nen Win­ter­abends, klopf­te es an unse­rem Gar­ten-Fens­ter im Erd­ge­schoß. Da stand eine gan­ze Rie­ge von Bur­schen, deu­te­te mir still zu sein, mich “anzu­le­gen” (anzu­klei­den) und mit­zu­kom­men. Ich tat dies. Stieg gleich beim Fens­ter hin­aus, folg­te den dunk­len Gestal­ten und ließ mich wäh­rend des knir­schen­den Weges infor­mie­ren, wor­um es denn eigent­lich gin­ge. Nach eini­gen Minu­ten waren wir an unse­rem Ziel ange­langt. Damals gab es zwei Gast­häu­ser im Dorf. Unser Ziel war das obe­re Gast­haus. Es war schon fins­ter, alle Beleuch­tun­gen waren längst in Nacht­ru­he ver­setzt. Auf dem Gäs­te-Park­platz stand ein PKW. Wir waren ganz still und beweg­ten uns ganz, ganz vor­sich­tig. Der knir­schen­de Schnee unter unse­ren Soh­len war schon sehr ver­rä­te­risch! Wir began­nen das ein­zi­ge vor­han­de­ne Auto still und heim­lich auf­zu­bo­cken!

Sterz & Kaffee - frugal!
Fru­ga­les loka­les Mit­tag­essen: Sterz & Kaf­fee. Sterz aus Tür­ken­mehl. Kaf­fee aus viel Milch und der Mar­ke Kathrei­ner!

Die eine Grup­pe hob das Gefährt an der Vor­der­ach­se an, die ande­re Grup­pe schob die Bier­kis­ten drun­ter. Das gan­ze wie­der­hol­te sich an der Hin­ter­ach­se. Wir waren ziem­lich flott, über­prüf­ten noch ein­mal den Sitz des PKW und check­ten Ruhe und Stil­le in der Umge­bung. War es auch. Der Besit­zer des Autos war zwar gleich­falls Stei­rer, aber weiß Gott woher. Jeden­falls kei­ner der Uns­ri­gen. Er näch­tig­te wahr­schein­lich, sei­ner Gelieb­ten völ­lig erge­ben, im kusche­li­gen Bett­chen. Sie schlie­fen tief und fest. Und hat­ten kei­ne Ahnung, was da drau­ßen vor sich ging. Bei­de muss­ten nächs­ten Tags wie­der der regel­mä­ßi­gen Arbeit nach­ge­hen. Er auf einer Stra­ßen­bau­stel­le, sie als Kell­ne­rin im Hau­se. Das Auf­bo­cken selbst soll­te nur als hand­fes­te War­nung ver­stan­den wer­den. Alle jene, wel­che nicht aus dem Dorf stamm­ten, hier aber den­noch zu leben ver­such­ten, waren sozu­sa­gen Eigen­tum des Dor­fes. Das Erst­recht hat­ten ein­deu­tig die Ein­hei­mi­schen. Mir ist es genau­so ergan­gen. Erst muß­te ich über­haupt akzep­tiert wer­den, als Mensch unter den Bewoh­nern des mensch­li­chen Dor­fes. Dann wur­de mei­ne Lebens- und Arbeits­wei­se über­prüft, wur­de dies als posi­tiv ein­ge­stuft, durf­te ich schon ein wenig am dörf­li­chen Leben teil­ha­ben, mit der Zeit wur­de es mehr und immer mehr. Ganz zum Schluß kam her­nach der weib­li­che Teil der Ein­woh­ner, das dau­er­te am längs­ten. Das Abbo­cken des Pkw am nächs­ten Mor­gen erle­dig­ten dann ein paar Erwach­se­ne. Klar, das nächt­li­che Gesche­hen war das Gespräch der Woche in der gan­zen Gegend, von Gröb­ming bis Schlad­ming hat man davon gere­det. Scha­den­froh. Die Gen­dar­me­rie hat sich damals über­haupt nicht geküm­mert um so was und Zei­tun­gen wie heu­te, 2018, auch nicht. Der arme Bett­ge­nos­se wur­de nie wie­der gese­hen. Er hat­te sicher woan­ders eine kusche­li­ge Bett-Decke gefun­den.

Sterz und Blümchenkaffee. Und eine Dose voller Zucker.
Mein som­mer­li­cher Mit­tags­tisch ganz groß. Sterz, Blüm­chen­kaf­fee und Zucker, viel Zucker. Damals war das ja noch ein Man­gel-Pro­dukt.

Das Kuscheln soll­te man nicht unter­schät­zen. Ich hat­te dort ein paar Win­ter­wo­chen erlebt, in denen das Hei­zen schon eine gro­ße Rol­le spiel­te. Wir hat­ten Schnee­hö­hen von ein­ein­halb bis zu zwei Metern und muss­ten die unte­ren Fens­ter aus­schau­feln. Und die Türen zu Haus und Stall und Scheu­ne sowie­so. Es schnei­te unun­ter­bro­chen. Auf der einen Sei­te des Hau­ses befand sich ein Was­ser­trog aus Beton. Da floß das Was­ser ohne Unter­lass, Som­mer wie Win­ter. Da war in die­sem Win­ter nur noch ein ein­zi­ger Eis­berg zu sehen aus dem lei­ses Gur­geln zu ver­neh­men war. Um die­ses fan­tas­ti­sche Eis­ge­bil­de, wel­ches bei Son­nen­schein in allen Far­ben spiel­te, muß­ten wir her­um­ge­hen, um über­haupt ins Haus zu kom­men. Wehe, man ver­such­te, die­se natur­ge­ge­be­ne Plas­tik irgend­wie nur zu ver­än­dern, es wur­de zur Sisy­phos-Arbeit! Bei ark­ti­schen, sibi­ri­schen Tem­pe­ra­tu­ren von ‑35 Grad Cel­si­us. Laut Tem­pe­ra­tur-Anzei­ge der amt­li­chen Wet­ter­sta­ti­on in der Mit­te der Enns­brü­cke.

Die Brücke über die Enns bei Weißenbach/Haus i.E.
Die Brü­cke über die Enns, Anfang der 1960er-Jah­re. Da war es zur Win­ters­zeit beson­ders kalt, es gab auch eine Wet­ter­sta­ti­on am Schei­tel­punkt der Brü­cke.

In den Punz’schen Stüb­chen und Stu­ben war es beson­ders warm zu die­ser kal­ten Win­ters­zeit, bei­na­he heiß! Fast so wie in einer Sau­na. Wir kann­ten das noch nicht, aber aus Erzäh­lun­gen reim­ten wir uns Vor­stel­lun­gen zusam­men. Naja, wir leb­ten in einem uralten Holz­block­haus, waren rund­um­her ein­ge­schneit, waren opti­mal Opti­miert. Hei­zungs­tech­nisch. In die­sen Tagen mach­ten mei­ne aka­de­mi­schen Vor­be­rei­tun­gen Rie­sen­fort­schrit­te und die Lek­tü­re der alten “Anblick”-Zeitungen eben­so. Ich wag­te mich nur hin­aus ins soge­nann­te “unte­re” Gast­haus, um uns mit Schlad­min­ger Bier zu ver­sor­gen, oder zum “Loidl” um Ess­ba­res, Schin­ken oder Speck und Eier und so, wie­der auf­zu­fül­len. Das lau­te Knir­schen des schnee­wei­ßen Unter­grunds beglei­te­te mich, solan­ge bis das Gur­geln der Eis­kas­ka­den mir anzeig­te, dass ich unse­re Sau­na wie­der erreicht hat­te. Heil und unver­sehrt. Die Gast­stu­ben des Wirts­hau­ses waren bei­na­he men­schen­leer. Bis auf die direk­ten Nach­barn hat­te damals kaum jemand den Weg zum sozia­len Mit­ein­an­der gefun­den. Auf der Stre­cke dort­hin muß­te ich das Bach­bett des wei­sen Baches aus der Ram­sau über­que­ren. Hin und zurück. Trotz der extre­men Tem­pe­ra­tu­ren mur­mel­te er mir zu. Die Holz­boh­len der Brü­cke dar­über waren ein­ge­schneit und jeder Schritt über die­se Brü­cke war eine Ant­wort auf das Geplät­scher, ein­mal hoch und auf­ge­regt und dann wie­der tief und kom­men­tie­rend. Leben­dig und vital.

Meinrad Nell auf der Hängebrücke über die Enns.
Die Hän­ge­brü­cke über die Enns. Solan­ge ich kein Fahr­rad hat­te, ging ich zu Fuß da drü­ber – zum Baden nach Haus i.E.

Es war in die­sem Win­ter, als Resi mit ein paar Bur­schen aus dem Dorf bei mir vor­bei­kam, ans Fens­ter klopf­te und mir ein­la­dend mit­teil­te, sie gin­gen nach Haus i.E., ob ich nicht mit­kom­men woll­te, es wäre ganz bestimmt lus­tig! Natür­lich woll­te ich. Die Ein­la­dung nahm ich sehr ger­ne an. Wir knirsch­ten uns also über den – damals noch exis­tie­ren­den – Bahn­über­gang und über die Enns­brü­cke. Es war auch die Bahn, die bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren des näch­tens blaue Blit­ze zucken ließ, von Geweih­spit­zel­chen zu Geweih­spit­zel­chen im gan­zen Punz’schen Haus. Und an Gewei­hen man­gel­te es über­haupt nicht. Wir knirsch­ten uns also über Bahn und Enns nach Haus. Ein paar von uns hat­ten Müt­zen auf. Resi aber nicht. Ich auch nicht. Ich war doch ein Natur­bursch. Hat­te Resi nichts auf ihrer Fri­sur, brauch­te ich selbst­ver­ständ­lich auch nichts, um mich vor Wet­te­run­bil­den zu schüt­zen! Nach unge­fähr einer Stun­de erreich­ten wir unser Ziel, das Café Resch. Heu­te exis­tiert zwar das Haus, aber das Café natür­lich nicht mehr. Wir stürm­ten hin­ein, drin­nen war es warm. Wir rie­ben uns die Hän­de und bestell­ten, was wir woll­ten. Ich ver­spür­te in mei­nen Ohren woh­li­ge Wär­me. Sie wur­de immer woh­li­ger. In die­sem Augen­blick rief die Kell­ne­rin aus: “Jo Bua, wos isn mitia los?” (Ja, Bub, was ist denn mit Dir los?) – “wos isn mitae­ne Uan los?” (Was ist denn mit Dei­nen Ohren los?). Sie nahm mich an der Hand, führ­te mich wie­der hin­aus in die Käl­te, griff in den Schnee und rieb mir mei­ne Ohren mit dem pul­ve­ri­gen Weiß in ihren Fin­gern ab, ohne dass ich reagie­ren konn­te. Ich fühl­te nichts mehr, hat­te kei­ne Ohren mehr, hör­te aller­dings ganz gut und alles rund um mich her. Irgend­wo an und um mei­nen Kopf schmerz­te mich alles. Ich durf­te ein paar Minu­ten nicht mehr zu mei­nen Freun­den. Erst als die Schmer­zen ein wenig nach­lies­sen durf­te ich mich wie­der zu ihnen set­zen. Mei­ne abge­fro­re­nen Ohren haben uns anein­an­der­ge­ket­tet, ver­bun­den. Wir haben das in die­sem Augen­blick nicht so begrif­fen. Aber es war tasäch­lich ein sehr tief gehen­des Erleb­nis.

vulgo Punz von der Bachseite gesehen.
Der Punz von der Sei­te des “wei­sen Baches”. Links neben der Ein­gangs­tür, unter dem Fens­ter, befand sich der ewig plät­schern­de Brun­nen­trog. Und der Schorn­stein war auch sehr his­to­risch.

Mei­ne Ohren spü­re ich nach 50 Jah­ren bei ent­spre­chend tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren noch immer, sie wer­den auch noch immer warm und erschei­nen leicht gerö­tet. So wer­de ich immer wie­der erin­nert an mei­ne gute, alte, lei­der nur kur­ze Wei­ßen­ba­cher Zeit, an die Bekann­ten und Freun­din­nen und Freun­de von damals.

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