Das allzu Junge Theater Graz

Meinrad Nell während einer Arbeitspause. In Gedanken versunken. Das soeben während der Proben Erfahrene scheint nachzuwirken.
In einer Pau­se wäh­rend der Pro­ben­ar­bei­ten im Rah­men des dra­ma­ti­schen Unter­richts. Das soeben Gehör­te und Erfah­re­ne scheint noch nach zu wir­ken. In die­sen drei Jah­ren mei­ner Aus­bil­dung habe ich Ereig­nis­se erfah­ren, die mir in mei­nem wei­te­ren Leben ziem­lich sicher nie zuge­sto­ßen wären. Aber ich hat­te sie erfah­ren. Das war jeden­falls ein gigan­ti­scher Gewinn. Und ein nicht zu unter­schät­zen­der Vor-Teil.

Ein wirk­lich hei­ßer Som­mer­tag. Irgend­wo zwi­schen Mürz­zu­schlag und Neu­berg an der Mürz. Strah­lend blau­er Him­mel. Ber­ge. Gra­te. Wän­de. Scharf gezeich­net. Ver­ein­zel­te Bäu­me, dann Wäl­der. Die Gelei­se einer Schmal­spur­bahn schlän­gel­ten sich der Land­stra­ße ent­lang, ver­schwan­den manch­mal irgend­wo­hin, tauch­ten urplötz­lich wie­der auf, quer­ten unbe­schrankt die Stra­ße. Ein erfri­schend küh­ler Gebirgs­bach namens Mürz bahn­te sich mit unge­bro­che­ner sanf­ter Macht den Weg zum Meer und bahnt sich die­sen noch immer. Drei jun­ge Män­ner im Puch-Klein­wa­gen unter­wegs auf der Suche nach geeig­ne­ten Gast­spiel-Orten. Sie kamen gera­de­wegs aus Neu­berg a.d. Mürz, hat­ten einen mög­li­chen Spiel­ort besich­tigt: Einen grö­ße­ren Wirts­haus­saal, ein Podest, Strom­an­schlüs­se, Mög­lich­kei­ten einer Gar­de­ro­be zum Anklei­den und Umzie­hen. Claus Hom­schak, der bera­ten­de Haus- und Hof­re­gis­seur des “Jun­gen Thea­ters”, damals noch Regie-Assis­tent an den Ver­ei­nig­ten Büh­nen Graz, hat­te an alles gedacht. Die Büh­nen­bil­der waren nur sti­li­siert, bestan­den aus Wech­sel­rah­men, waren in weni­gen Sekun­den der Ver­dun­ke­lung zu ändern, so ähn­lich lie­fen auch die Kos­tüm­wech­sel. Oder der Wech­sel von Beleuch­tungs­ef­fek­ten. Dafür war ich zustän­dig. Ich war alles gleich­zei­tig: Der alte König am Nach­mit­tag oder der Trä­ger der Haupt­rol­le des Abends, der Krea­tor der “Blit­ze” mit­hil­fe eines ana­lo­gen Seri­en­schal­ters und einer Viel­zahl von auf­flam­men­den Glüh­bir­nen. Da saß ich in vol­lem Königs-Kos­tüm und dreh­te hin­ter den sti­li­sier­ten Kulis­sen in rasen­der Geschwin­dig­keit den Seri­en-Schal­ter für die Blit­ze, “je schnel­ler des­to Blitz” lau­te­te die Devi­se! Bes­te zeit­ge­mä­ße öster­rei­chi­sche Pro­vinz-Schmie­re! Das übli­che “Vor­spre­chen” hat­ten wir nach unse­rer bestan­de­nen Aus­bil­dung bereits erfolg­los hin­ter uns gebracht. So vie­le Büh­nen gab es damals nicht. Ohne Sub­ven­tio­nen hät­te es kei­ne Thea­ter gege­ben. Dar­an hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Klar. Das alte ehe­ma­li­ge “Hin­ter­land”, wie das sagen­um­wo­be­ne Mäh­risch-Ostrau, war im Ost­block ver­schwun­den. Damit waren die Chan­cen des prak­ti­schen “Erfah­rens” für nor­ma­le Schau­spiel- oder Regie­schü­ler auf Null gesun­ken. Also tru­gen wir uns mit dem Gedan­ken, ganz ein­fach selb­stän­dig zu wer­den. Die­ter Dor­ner und ich schau­ten uns nach Spiel­or­ten inner­halb von Graz um. Das war gar nicht so ein­fach. Da fan­den wir eine alte ehe­ma­li­ge Glo­cken­gie­ße­rei in der Gra­zer Münz­gra­ben­stra­ße. Aus die­sem his­to­ri­schen Betrieb mit dem Umfeld einer Metall-Gie­ße­rei müß­te man nur eine Thea­ter-Betriebs­stät­te machen. Kein Pro­blem. Fan­ta­sie war gefragt. Immer wie­der schau­ten wir uns die­sen Kel­ler an. Alles mög­li­che fiel uns ein, nur zum The­ma “Gie­ße­rei zu Kel­ler­thea­ter” fehl­te die archi­tek­to­ni­sche Fan­ta­sie. Schließ­lich lan­de­ten wir dann doch im bekann­ten “Hei­mat­saal” unter­halb des Gra­zer Schloß­bergs. Wir lie­ßen uns aber die Mög­lich­keit offen, etwa im Schloß Eggen­berg zu spie­len oder im Meer­schein­schlössl. Wir begrün­de­ten also das “Jun­ge Thea­ter” und beka­men auch prompt jeman­den vor­ge­setzt mit dem wir kei­nes­falls ein­ver­stan­den waren. Ein­ver­stan­den wären wir nur mit Claus Hom­schak gewe­sen, der dann mit dem gro­ßen Erfolg von Car­lo Goldo­nis “Die­ner zwei­er Her­ren” im Pla­ne­ten­saal des Schlos­ses Eggen­berg die Lei­tung unse­res “Jun­gen Thea­ters” über­nom­men hat­te. Das Ambi­en­te die­ses Saals bezo­gen wir im Spiel um den “Die­ner” mit ein. Spiel im Spiel sozu­sa­gen, das heißt, wir stell­ten auch die Vor­be­rei­tun­gen der ein­zel­nen Dar­stel­ler zum jewei­li­gen Auf­tritt dar. Natür­lich wur­de dadurch die Dyna­mik gestei­gert. Zwei Eta­gen unter uns befand sich der Schloss­park. In unse­rem Rücken. Aus dem Park waren hin und wie­der die Schreie der Pfau­en zu hören – auch das wur­de ins Spiel ein­be­zo­gen. Das Publi­kum nahm an drei Sei­ten Platz. Unser Wir­kungs­keis bezog sich also auf 270 Grad. Aus­ser­dem spiel­ten wir auf jahr­hun­der­te­al­tem baro­cken Par­kett! Der Erfolg war vor­pro­gram­miert. Als ich das ers­te Mal den Pla­ne­ten­saal betrat, zog es mich gleich­sam in die Mit­te des Saals und ließ mich ver­stum­men und ver­har­ren. Ich begriff, dass ich lan­ge Zeit benö­ti­gen wür­de, um mich pla­ne­ta­risch hei­misch zu füh­len. Und die­ses “hei­misch füh­len” benö­tig­te ich – benö­tig­ten wir wie­der­um, um dar­stel­len zu kön­nen. Genau­so erging es Die­ter und Claus. Claus schlug sofort drei Tage Pro­ben­zeit hin­zu, als er befühl­te, was da auf uns zukam. Und tat­säch­lich: Jedes Detail des Saa­les, alle sie­ben Pla­ne­ten von damals, wur­den von uns auf­ge­nom­men, dis­ku­tiert, bespro­chen. Was wir nicht begrif­fen, wur­de beblö­delt. Das blieb nicht auf Pla­ne­ten beschränkt, das reich­te bis zur offen­sicht­li­chen Niko­tin­sucht der Hir­schen im Gra­ben des Schlos­ses. Das Umfeld der ein­drucks­vol­len Barock-Anla­ge, die ein­zig­ar­ti­ge Stim­mung des Pla­ne­ten­saals, alles das kam erst nach den Pro­ben mit der Pre­miè­re des “Die­ners zwei­er Her­ren” voll zur Gel­tung, wer­te­te Spiel und Spiel­ort wech­sel­sei­tig auf. Die­ses Licht des Barock wur­de erst Jahr­zehn­te spä­ter wie­der ent­deckt und aus der Ver­drän­gung, dem “Ver­ges­sen”, geholt.

Meinrad Nell im "Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni. Unter der Regie von Claus Homschak spielten wir als "Junges Theater" im Planetensaal des Schlosses Eggenberg in Graz.
Mein­rad Nell im “Die­ner zwei­er Her­ren” von Car­lo Goldo­ni. Unter der Regie von Claus Hom­schak spiel­ten wir als “Jun­ges Thea­ter” im Pla­ne­ten­saal des Schlos­ses Eggen­berg in Graz. Links ist Erhard Koren zu sehen. Auch für uns Dar­stel­ler war die Akti­on im Pla­ne­ten­saal an jedem Abend eine Aus­zeich­nung. Spiel und Ambi­en­te des Saals flos­sen inein­an­der – zum Erleb­nis. Wir waren eine Erfah­rung rei­cher.

Dem “Die­ner” und dem Pla­ne­ten­saal ver­dank­ten wir übe­raupt unse­ren Ruf. Eine bekann­te öster­rei­chi­sche ade­li­ge Fami­lie lud uns ein in ihrem Schloss Wald­stein bei Deutsch­feis­tritz eine exklu­si­ve Pri­vat­vor­stel­lung zu geben. Da dem Schloss auch ein Säge­werk ange­glie­dert war oder ist, sei das Errich­ten einer Büh­ne kein Pro­blem. Es sei alles da, was wir bräuch­ten. Und es war auch so. Der “Spiel”-Hof war ein äußerst roman­ti­scher rosen­be­wach­se­ner Innen­hof, in des­sen Zen­trum ein Natur­brun­nen plät­scher­te, der nicht abzu­stel­len war, was wir durch etwas höhe­re Laut­stär­ke zu kom­pen­sie­ren wuß­ten. Die Bret­ter aus denen die Büh­ne bestand ruh­ten auf Beton­py­ra­mi­den. Sie ruh­ten. Sie waren nicht befes­tigt. Was zur Fol­ge hat­te, dass sich das eine Ende hob, wenn man das ande­re in sei­ner Ruhe stör­te. Unse­re jugend­li­che Impro­vi­sa­ti­ons­ga­be ließ uns auch die­ses Auf­tritts­ge­pol­te­re rasch ins Spiel ein­be­zie­hen, was für hei­te­re Momen­te sorg­te. Die Mond­ra­ke­te aller­dings schoß Kol­le­ge Harald Per­scha ab, der wut­ent­brannt den Kies­weg ent­lang sei­nem Auf­tritts­ge­pol­te­re ent­ge­gen­lau­fen soll­te und mit gezück­tem Flo­rett auf die Büh­ne zu sprin­gen hat­te. Bes­ser beschrie­ben: “hät­te”, denn zusätz­lich zum Gepol­te­re gab es urplötz­lich einen über­lau­ten Krach bers­ten­den Hol­zes und Harald steck­te bis über sei­ne Knie in der Büh­ne fest. In einer ein­zi­gen Sekun­de war die Büh­ne leer­ge­fegt. Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen hock­ten oder lagen in den Rosen­sträu­chern und prus­te­ten und lach­ten ohne Ende. Aus dem Publi­kum hör­te man ein ein­zi­ges lau­tes Wie­hern, minu­ten­lang. Das Cha­os hat­te alle erfasst. Harald stand ver­stei­nert mit­ten drin, war ein­ge­fro­ren ver­dat­tert in der Büh­ne und schien die Welt rund um sich her­um nicht mehr zu begrei­fen. Es half nur noch das Aus­klin­gen­las­sen der Situa­ti­on, das Her­aus­zie­hen Haralds, die weni­gen bei­na­he erschöpf­ten Wor­te Die­ters, unse­res “Die­ners”: “Mei­ne Damen und Her­ren, trotz allem – es geht wei­ter!” Damit hat­ten wir jene dar­stel­le­ri­sche Rei­fe erreicht, von der wohl vie­le unse­rer Kol­le­gen auch heu­te noch träu­men. Die Vor­stel­lung damals wur­de erfolg­reich zu Ende geführt. Mit einem nicht-enden-wol­len­den Bei­fall ver­ab­schie­de­te uns das Publi­kum. Es sag­te uns ein “Dan­ke” für einen tat­säch­lich unver­gess­li­chen Abend im Schloss Wald­stein. Es gibt sie, die Momen­te in denen Dar­stel­ler und Publi­kum eins wer­den und sind. Für uns jun­ge Thea­ter­men­schen bedeu­te­te die­ser Abend ein Erleb­nis, wel­ches tief unter die Haut gehen muss­te.

Das "Junge Theater Graz": Meinrad Nell als König und Eva Schäffer als seine Tochter "Prinzessin Wunderhold".
Eva Schäf­fer als “Prin­zes­sin Wun­der­hold” und Mein­rad Nell als König. Kaum war die Sze­ne zu Ende, schal­te­te ein Kol­le­ge das Büh­nen­licht ab, wir wech­sel­ten das Büh­nen­bild, ent­fern­ten den Thron, die Tep­pi­che und sons­ti­gen Ver­satz­stü­cke und Mein­rad wur­de in vol­lem Ornat zum Son­der­ef­fek­tio­när.

Das “Jun­ge Thea­ter” bestand damals aus Eva Schäf­fer, Eli­sa­beth Wond­rak, Bar­ba­ra Sche­meth, Christl Wall­ner, Erich Göl­ler, Die­ter Dor­ner, Sepp Gart­lgru­ber, Karl Absen­ger, Kol­le­ge Haindl – an sei­nen Vor­na­men kann ich mich lei­der nicht erin­nern, Erhard Koren, Ger­hard Print­schitsch – der kurz dar­auf hin­ter der ost­deut­schen Mau­er ver­schwand – und vie­le ande­re, deren Namen mir nicht mehr geläu­fig sind, wes­we­gen ich mich bei ihnen auch ent­schul­di­gen möch­te. Aber zurück zu der Fahrt an die­sem hei­ßen Som­mer­tag den Ober­lauf der küh­len erfri­schen­den Mürz ent­lang. Die Fens­ter des 500er-Puch waren ganz her­un­ter­ge­kur­belt, die Drei­ecks­fens­ter so aus­ge­stellt, dass der küh­le Fahrt­wind uns wenigs­tens ein wenig Erfri­schung bot.Wir lit­ten still vor uns hin. Kein Laut kam über unse­re Lip­pen. Die zahl­lo­sen Fahr­ge­räu­sche über­tünch­ten das lei­se Hit­ze-Stöh­nen. Ich hat­te es noch am Bes­ten auf Grund mei­ner Mit­fahr-Eigen­schaft auf der hin­te­ren Bank. Ich konn­te mich wenigs­tens aus­brei­ten, mich “hin­fle­geln”. Harald Per­scha, unse­rem Chauf­feur, reich­te es sehr bald. Er fuhr links in die Alm­wie­se, stell­te den Motor ab, riss die Fah­rer­tü­re auf, und stürm­te mit dem Ruf “Mir reicht´s” auf die küh­len­de Mürz zu. Wir hin­ter ihm her. Run­ter mit dem “G´wond” (Gewand) und hin­ein ins erfri­schen­de glas­kla­re Nass. Oh, wie war das bele­bend! Wir saug­ten das Nass in jede Pore, wir kühl­ten die Hit­ze an jeder Strö­mung, mit den Hän­den wühl­ten wir jede Stau­ung des flie­ßen­den Was­sers hoch. Das Leben explo­dier­te in uns. Wir krab­bel­ten wie­der ans Ufer, sam­mel­ten unser “G´wond” auf, lie­fen nackicht über die Alm­wie­se zum Auto, ris­sen in Erman­ge­lung von Hand­tü­chern die Decke von der hin­te­ren Sitz­bank und began­nen uns abzu­trock­nen. Halb beklei­det setz­te sich Harald hin­ters Lenk­rad. Wir taten es ihm nach, ver­stau­ten uns selbst halb nass auf unse­re Sit­ze und ab ging der 500er Rich­tung Graz. Wir ras­ten über den unbe­schrank­ten Bahn­über­gang – auf die halt-gebie­ten­de Hand eines grau-uni­for­mier­ten Gen­dar­me­rie­be­am­ten zu. Wir duck­ten und ver­krümm­ten und ver­renk­ten uns, zogen rasch irgend­was in erreich­ba­rer Nähe über unse­re Blö­ßen, taten so, als ob es uns noch heiss wäre. Drei jun­ge Män­ner split­ter­nackt in einem Auto! Wenn das nicht ein Fall von öffent­li­chem Auf­se­hen, Erre­gung öffent­li­chen Ärger­nis­ses wäre! Wir rede­ten und beklag­ten und jam­mer­ten und das Wun­der geschah: Ohne abge­straft zu wer­den durf­ten wir nach Hau­se fah­ren, heim nach Graz!

Das "Junge Theater Graz": "Prinzessin Wunderhold". Erich Göller als verzauberter Prinz und Zwerg. Barbara Schemeth als böse Hexe.
Erich Göl­ler als ver­zau­ber­ter Prinz und Zwerg in der Hexen­kü­che von Bar­ba­ra Sche­meth. Hin­ter den Kulis­sen stand der König in vol­lem Kos­tüm und blitz­te und don­ner­te mit dem Don­ner­blech in die­ser Sze­ne. Wir stell­ten eben ALLES dar. Auch die Son­der­ef­fek­te.

Ein sehr lan­ger Weg war es auch wel­chen ich gehen muß­te seit jener Zeit als nicht nur in der Gra­zer Her­ren­gas­se eine Unmen­ge an Mit­bür­gern die Stras­sen­sei­te wech­sel­ten, wenn ihnen ein fremd­län­di­scher Sol­dat mit fremd­län­di­scher Haut­far­be ent­ge­gen­kam, als in der Jung­fern­gas­se noch das “Pan­op­ti­kum” oder “Pan­ora­ma” exis­tier­te. Für einen öster­rei­chi­schen Nach­kriegs-Schil­ling durf­te man sich da uralte Post­kar­ten über einen Opern­gu­cker anschau­en. Ich fühl­te mich in die­ser Loka­li­tät um Jahr­zehn­te zurück­ver­setzt. Sogar der Geruch der Möbel-Poli­tur ließ mich die Vor-Kriegs­zeit erah­nen. Die­ses Lokal schien die Kriegs- und sons­ti­gen Wir­ren unbe­schä­digt über­stan­den zu haben. In der Mit­te des Rau­mes war ein sich im Krei­se dre­hen­des Viel­eck auf­ge­baut. Alle paar Minu­ten gab sich die­ses Viel­eck einen Ruck und ruh­te dann, um dem Betrach­ter die Chan­ce zu bie­ten, sich das Bild genau­er anzu­se­hen, bevor mit dem nächs­te Ruck das Bild wie­der wech­sel­te. Vor die­sem “Bil­der-Hal­ter” befand sich ein star­rer Dekor-Ver­bau in Form eines wei­te­ren Viel­ecks mit ein­ge­las­se­nen Opern­gu­ckern in jedem der Sek­to­ren. Es war so etwas wie das Kino für die Ärms­ten. Ein Guck­kas­ten-Kino um einen Schil­ling! Jeden Frei­tag wur­de the­ma­tisch gewech­selt. Mich hat beson­ders die Adria-Regi­on beein­druckt, die Mau­ern von Dubrov­nik sehe ich noch vor mir, die Pal­men-Pro­me­na­de von Split mit dem Palast des Dio­kle­ti­an. Die Bil­der, die ich mit Inter­es­se beäug­te stamm­ten alle noch aus der Mon­ar­chie. Das schloß ich aus der Mode wel­che die Damen tru­gen, aus der Art der Segel­schif­fe und aus den sel­te­nen Autos auf un-asphal­tier­ten Stras­sen. Auf der gegen­über lie­gen­den Sei­te des “Pan­ora­ma”, jener Sei­te der Jung­fern­gas­se deren Fas­sa­de um ein paar Meter nach vor sprang und die Jung­fern­gas­se ver­schmä­ler­te, befand sich genau in dem Hau­se, wel­ches die Gas­se so ver­eng­te, ein Wirts­haus mit dem Schild “Zur schie­fen Later­ne”. Auf dem Schild war auch eine Later­ne abge­bil­det, ganz schief und im Zick-Zack gezeich­net. “Geht´s duat net eini!” wur­den wir immer wie­der gewarnt (“Geht dort nicht hin­ein!”). Natür­lich hat­te ich die­ses Wirts­haus nie betre­ten, ich getrau­te mich nicht ein­mal in die anschlie­ßen­de Frau­en­gas­se. Denn dort war es dun­kel und eng und schmal! Das Wirts­haus und die gan­ze fol­gen­de Gegend war mir zu unheim­lich. Ich weiß bis heu­te nicht, war­um eigent­lich. Viel­leicht wegen der War­nun­gen, obwohl gera­de die­se nor­ma­ler­wei­se die Neu­gier­de weck­ten. Das ein­zi­ge was mich beein­druck­te war das “Pan­ora­ma” dort.

Das "Junge Theater Graz" mit "Prinzessin Wunderhold": Meinrad Nell als König, Elisabeth Wondrak als Gouvernante und Franz Haindl als Hofnarr.
Mein­rad Nell als König und Beleuch­ter und Son­der­ef­fek­tio­nist, Eli­sa­beth Wond­rak als Gou­ver­nan­te und Franz Haindl als Hof­narr.

Es war tat­säch­lich ein lan­ger Weg bis hin zum “Jun­gen Thea­ter”. Und doch war die­ser lan­ge Weg so unvor­stell­bar kurz. Er war aus­ge­füllt mit erst­ma­lig Erleb­ba­rem und des­we­gen auch Erfüll­tem. Die Erfah­rung, dass her­an­wach­sen­de Jugend­li­che sich über­haupt nicht als kon­su­mie­ren­des Publi­kum sehen wol­len, son­dern mit “tun”, mit­re­den, mit-agie­ren wol­len, ande­rer­seits still sein, sich hin­ge­ben, sich bereit­wil­lig fes­seln las­sen wol­len, dass man als Dar­stel­ler die Span­nung fühlt, wel­che jun­ge Men­schen gleich von Beginn an in den Saal mit­brin­gen, alles das mach­te uns erfah­rungs­rei­cher. Und freu­te uns. Zumin­dest mich. Da taten sich wie­der Zusam­men­hän­ge auf zwi­schen den Hart­ber­ger Erfah­run­gen, zwi­schen den abend­li­chen Kon­troll­gän­gen auf Schloss Neu­berg und den Dis­kus­sio­nen und den Erleb­nis­sen mit Her­an­wach­sen­den in den Thea­ter­sä­len. Es gab kaum einen Unter­schied zwi­schen jenen im Schloss in der Ost-Stei­er­mark, zwi­schen jenen in Graz und denen in Bru­neck oder Kal­tern oder Meran oder Bozen oder irgend­wo anders in Süd­ti­rol, sie waren ident und blie­ben für mich prä­gend. Schon damals war es für mich selbst­ver­ständ­lich, dass man einem soge­nann­ten Erwach­se­nen nicht mehr wei­ter­hel­fen konn­te, dass aus­schließ­lich Her­an­wach­sen­de abso­lu­te Prio­ri­tät ver­dien­ten. Sie waren es ja, die in jener Welt wei­ter exis­tie­ren muss­ten, die ihre Vor­gän­ger auf­ge­baut hat­ten und haben – und jene Welt ist gleich­zei­tig die­se Welt. Wir haben nur die Eine. Die­se Eine muss auch uns ertra­gen. Je digi­ta­ler und ver­netz­ter wir Ana­lo­gi­ker wer­den, des­to offen­sicht­li­cher wird es. Vor vie­len ana­lo­gen Jah­ren – in den Jah­ren, in denen ich auf­ge­wach­sen bin und in denen sich ein gro­ßer Teil mei­nes Lebens abge­spielt hat, inklu­si­ve den Jah­ren des Thea­ters und des Mono­pol­be­trie­bes ORF – in die­sen Jah­ren hat­te “man” noch viel Zeit, um Pro­ble­me zu lösen, spä­ter ein­mal. Heu­te weiß “man”, dass “man” sich viel zu viel Zeit gelas­sen hat, Jahr­hun­der­te lang. Ewig­kei­ten. Und wie kurz ist eine Ewig­keit.

Von links: Elisabeth Wondrak, Karl Absenger, Meinrad Nell, Eva Schäffer, Dieter Dorner,Erich Göller (später Erik Göller)
Schluss­bild der “Prin­zes­sin Wun­der­hold”, von links: Eli­sa­beth Wond­rak, Karl Absen­ger, Mein­rad Nell, Eva Schäf­fer, Die­ter Dor­ner, Erich Göl­ler (spä­ter Erik Göl­ler).

Aus die­ser mei­ner Ein­stel­lung habe ich auch nie ein Hehl gemacht. Ob es Mode­ra­tio­nen beim ORF waren oder bei den Hun­der­ten Ver­an­stal­tun­gen, die noch so neben­her lie­fen. Dar­an hat sich bis heu­te nichts ver­än­dert. Die Wur­zeln lie­gen im Schloss Neu­berg bei Hart­berg in der Ost-Stei­er­mark. Dazu kom­men die vie­len Erkennt­nis­se eines erleb­ten Zeit-Abschnitts. Men­schen, die glau­ben “erwach­sen” zu sein, bau­en etwas auf, das man spä­ter wie­der kor­ri­gie­rend abbau­en muss, ohne blei­ben­den Scha­den zu ver­ur­sa­chen. Der Ver­bren­nungs­mo­tor soll ein Bei­spiel sein. Oder die Dampf­rösser der Eisen­bahn, oder die Wind­kraft­rä­der, bei deren Auf­bau heu­te schon der Abbau ein­kal­ku­liert wer­den muss. Die Mensch­heit bekommt immer wie­der sol­che Abbruch-Werk­zeu­ge in die Hand. Was die jewei­li­gen Her­an­wach­sen­den in Zukunft bestehen las­sen wer­den, ist jener Teil, mit dem die Welt leben kann. Und genau auf die­ses Kön­nen kommt es an. Den Zwang, das Muss kennt unse­re Exis­tenz nicht, das ist das Posi­ti­ve an der Digi­ta­li­sie­rung und kommt erst zum Tra­gen, wenn die “Künst­li­che Intel­li­genz” oder “Arti­fi­ci­al Intel­li­gence” oder wie immer man die­sen Bereich benen­nen wird, sich selbst von allen Unsau­ber­kei­ten berei­nigt hat, wenn der Mensch von allem “Läs­ti­gen” befreit wird. Nur muss er erst erler­nen, was tat­säch­lich “läs­tig” ist. Tra­di­tio­nel­les “Auto­fah­ren” etwa. Damit ver­bun­den ist der Auf­bau eines kom­plet­ten neu­en ande­ren Wirt­schafts­sys­tems. Jeden­falls bekam ich bei den diver­sen Events nur von jenen Erwach­se­nen nega­ti­ves Feed­back, wel­che bei den mon­ar­chi­schen Geschichts­fäl­schun­gen der Kolo­ni­al­zei­ten hän­gen geblie­ben zu sein schie­nen und noch immer schei­nen. Und das waren ver­schwin­dend weni­ge.

Paul Hellwig´s "Flitterwochen". Meinrad Nell als Architekt.
Die­ser Bart blieb mir ein Leben lang erhal­ten, in allen mög­li­chen und unmög­li­chen Arten. In den “Flit­ter­wo­chen” von Paul Hell­wig war er noch Zwang zur Pra­xis, pass­te auch zur Rol­le als Archiktekt. Etwas spä­ter wur­de der Bart Mode, dann ein Mar­ken­zei­chen, dann nicht mehr Weg­zu­den­ken, heu­te ist er als Fünf-Tage-Bart eine Remi­nis­zenz.

“Pass auf!” ließ sich die ruhi­ge sono­ri­ge Stim­me im Dun­kel der Hin­ter­büh­ne ver­neh­men, nahm mich am rech­ten Ober­arm und zog mich zu sich. Gleich­zei­tig leuch­te­te die Taschen­lam­pe gegen die Wand, von der zwei arm­di­cke Kabel in unse­re Rich­tung bau­mel­ten. Mit blan­ken Kup­feren­den. “Oh” hör­te ich mich. Zu mehr reich­te mein Schock nicht. Oh doch, ich kann mich noch erin­nern mich da durch­zuck­te: Ita­li­en! Die­ser stil­le Seuf­zer ver­bun­den mit den Gedan­ken an die Elek­tro-Instal­la­tio­nen zu die­ser Zeit in die­sem Land füll­te mei­ne erleb­nis­rei­che Tour­nee um eine Erfah­rung dich­ter. Es war schließ­lich mein zusätz­li­cher Part auf die­ser Rei­se: die kom­plet­te Büh­nen-Beleuch­tung! Die Kabel, wel­che da aus der Wand hin­gen, bau­mel­ten aus der Büh­nen-Wand des wun­der­schö­nen Stadt-Thea­ters von Meran. Der Ober­be­leuch­ter, der mich unter­stütz­te, schien aller­dings nicht gera­de gro­ßes Ver­trau­en in die Arbeit sei­ner Kol­le­gen gehabt zu haben. Jeden­falls waren die Kabel “tot”, also strom­los geschal­tet. Sonst wäre ich kaum noch fähig, die­se Zei­len zu schrei­ben. Die­se ers­te Tour­nee war für uns alle ein wah­res Erle­ben! Um ehr­lich zu sein, jeder Tag war für uns eine gefühl­te Haupt­pro­be, nach­mit­tags “Prin­zes­sin Wun­der­hold” gefolgt von der Bou­le­vard-Komö­die “Flit­ter­wo­chen”. Stu­di­en­rei­se mit Haupt­pro­ben vor Publi­kum, so wür­de ich die­se Tour­nee bezeich­nen. Bis dahin hat­ten wir immer­hin schon gelernt und erfah­ren, dass wir mit unse­rer jewei­li­gen Dar­stel­lung unse­ren Part­nern jedes Mal die Chan­ce geben, auf uns zu reagie­ren. Je inten­si­ver die Akti­on, des­to bes­ser war auch die Re-Akti­on und damit stieg der Ein­druck beim Publi­kum. Jeder Halb-Satz, jeder Begriff, jede Ges­te und Bewe­gung reif­te dies­be­züg­lich her­an. Und letzt­lich wur­den wir als Ensem­ble immer ver­schweiß­ter, erfolg­rei­cher. Die gan­ze Tour­nee-Grup­pe hät­te nie auf­hö­ren wol­len zu spie­len. Es hät­te ewig so wei­ter­ge­hen kön­nen. Wir lern­ten, die Gren­zen der Cha­rak­te­re ken­nen, wir lern­ten, die­se Gren­zen zu fül­len, wir erfuh­ren, wie weit wir die­se Chan­cen deh­nen, wie lan­ge wir Span­nun­gen, wel­che auch immer, hal­ten durf­ten. Das täg­lich wech­seln­de Publi­kum stell­te uns zusätz­lich vor Her­aus­for­de­run­gen. Die täg­lich wech­seln­den Gren­zen began­nen unse­rem Leben Sinn zu geben. Sie gehör­ten bereits zu unse­rem All­tag, waren und sind Selbstverständlichkeit.Aus die­ser Zeit stammt auch mein lebens­lan­ges äuße­res Mar­ken­zei­chen, wel­ches ich bis heu­te mit mir umher­tra­ge. Kon­kret ver­dan­ke ich es Kur­ti Malik, Nach­bar und Jugend-Beglei­ter, Thea­ter­fri­seur und Mas­ken­bild­ner. Wer hat in die­sen Jah­ren schon einen Bart getra­gen?! Als Mar­ken­zei­chen noch dazu?! Nur jene, wel­che etwas zu ver­ber­gen hat­ten, so flüs­ter­te man sich zu. Und das Flüs­tern hielt bis zu den Anfangs­jah­ren von Ö3 an. Ich wäre damals in unse­ren Tour­nee-Zei­ten nie auf die Idee gekom­men, als Revo­luz­zer ver­schrien zu wer­den. Da wir im Som­mer in Süd-Tirol unter­wegs waren, mit wär­me­ren Tem­pe­ra­tu­ren zu rech­nen war und damit auch das Risi­ko stieg, dass mei­ne Gesichts-Haut mit den Kon­se­quen­zen des tra­di­tio­nel­len Mastix-Kle­bers für den Mär­chen-Bart des Nach­mit­tags und des Bou­le­vard-Abends fer­tig wer­den muss­te, gab Kur­ti mir den Rat, einen ech­ten Bart ste­hen zu las­sen, damit wür­de ich allen Pro­ble­men aus dem Weg gehen. Für den Nach­mit­tags-Bart gab er mir noch einen Spray mit, der den Bart weiß und grau erschei­nen und mich gleich um eini­ge Jähr­chen älter wer­den ließ. Nach dem Mär­chen hat­te ich nur Haa­re und Bart zu käm­men und zu bürs­ten, und schon war ich fast fer­tig für die abend­li­che Archi­tek­ten-Rol­le. Und so blieb es auch. Für die Dau­er mei­nes Lebens. Augen­blick­lich ist es ein ewi­ger Fünf-Tages-Bart.

Das komplette "Flitterwochen"-Ensemble: Von Links Eva Schäffer, Erich Erik Göller, Elisabeth Wondrak, Meinrad Nell, Christl Wallner, Barbara Schemeth.
Mit Hellwig´s “Flit­ter­wo­chen” unter­wegs: Eva Schäf­fer, Erich Erik Göl­ler, Eli­sa­beth Wond­rak, Mein­rad Nell, Christl Wall­ner, Bar­ba­ra Sche­meth (v.l.n.r.). Das gan­ze Ensem­ble in der Abchluß­sze­ne der Bou­le­vard­ko­mö­die.

Für die Dau­er mei­nes Lebens hat sich auch ein Erleb­nis ein­ge­prägt, wel­ches sich auf immer und ewig mit dem schö­nen Meran ver­bin­den wird. Und Meran war damals wirk­lich noch schön. Unter­ge­bracht waren wir in einer alten hoch­herr­schaft­li­chen Vil­la mit gro­ßem und vor allem sehr hohen Spei­se­saal. Die­se gan­ze Vil­la, inklu­si­ve der Gäs­te­zim­mer, war tape­ziert mit Gemäl­den, da war bei­na­he kein Qua­drat­zen­ti­me­ter pure Wand frei sicht­bar. Bild reih­te sich an Bild, Por­trät neben Still­le­ben, Gra­fik neben Aqua­rell und Öl, Altes neben Moder­ne. Mit­ten­drun­ter wur­den wir hin­ein­ge­setzt. Zum Mit­tag­essen. Gleich im Anschluss an mein thea­ter­li­ches Kabel-Erleb­nis. Fas­zi­nie­rend fand ich die gro­ßen silb­ri­gen Par­me­san-Behäl­ter, bis an den Rand gefüllt. Damals schon war ich ein bemer­kens­wer­ter Fan die­ses ita­lie­ni­schen Würz­kä­ses. Fol­ge­rich­tig freu­te ich mich auf den Haupt­gang. Was auch immer mir vor­ge­setzt wur­de, ich nahm mir vor, mit dem Par­mi­gia­no nicht zu spar­sam zu sein. Nie­mand von uns wuss­te genau, was da auf uns zukom­men soll­te. Schrift­li­che Hin­wei­se auf das Menü fehl­ten. War­um und wie­so – dar­an kann ich mich nicht mehr ent­sin­nen. Erin­nern kann ich mir nur dar­an, dass wir Fisch vor­ge­setzt beka­men. Klar, das Meer war nicht mehr weit ent­fernt. Ich träum­te davon, von mehr Meer und einem gan­zen Apen­nin vol­ler Par­mi­gia­no. Ich war “nel­la pae­se del­la sole”, ganz Ita­li­en lag vor mei­nem geis­ti­gen Auge auf dem Mit­tags­tisch. Der köst­lich zube­rei­te­te Fisch ver­sank in einem Meer von Par­mi­gia­no, irgend­wo da drun­ter düm­pel­te der vor­mals köst­lich zube­rei­te­te Fisch. Ich hin­ge­gen ver­sank in einem Meer aus Scham, Pein­lich­keit, Bla­ma­ge und Ein­sicht. Denn hin­ter mir stand die Che­fin des Eta­blis­se­ments und wies den jun­gen Mann aus der Stei­er­mark vor sich mit lau­ter und fes­ter Stim­me in die Ita­lie­ni­sche und Süd­ti­ro­ler Ess­kul­tur ein. Fisch und Par­me­san! Hoch erregt ging sie von dan­nen, kopf­schüt­telnd. In Rich­tung cuc­ci­na, um ihren Frust dann dort abzu­la­den. Ich blieb zurück mit hoch­ro­tem Köpf­chen, im Auf­merk­sam­keits-Mit­tel­punkt des kom­plet­ten Spei­se­saals, vor mir das Gebir­ge aus Par­mi­gia­no und tief im Inne­ren ver­bor­gen ein wenig Fisch, optisch als sol­cher zu iden­ti­fi­zie­ren, geschmack­lich war das Gan­ze eher Würz­kä­se mit ein wenig Bra­ten­saft.

Junges Theater Graz, Charleys Tante von Brandon Thomas. Elisabeth Wondrak, Erich Erik Göller, Eva Schäffer.
Eli­sa­beth Wond­rak, Erich Erik Göl­ler und Eva Schäf­fer (von li. nach re.) in Bran­don Tho­mas “Char­leys Tan­te”. Eine der Insze­nie­run­gen des “Jun­gen Thea­ters Graz”. Zu Beginn war Erich unser Kas­sier. Jedes Grün­dungs­mit­glied hat­te eine Dop­pel­funk­ti­on zu erfül­len, solan­ge es ver­tret­bar war. Und das war nicht lan­ge.

Was der Griff nach dem Par­mi­gia­no in Meran, war in Kal­tern der Griff in die Sof­fit­ten. Unter Sof­fit­ten ver­stand man damals Glüh­lam­pen in ver­schie­de­nen Far­ben, die in Serie geschal­tet wur­den und zum Grund­licht einer Büh­ne zähl­ten – auch für den Not­fall. Ange­bracht waren die­se Sof­fit­ten am unte­ren vor­de­ren Büh­nen­rand, sodass Dar­stel­ler von vor­ne unten bestrahlt wur­den. Die Ver­sor­gung des Sof­fit­ten-Lichts erfolg­te mit Nied­rigspan­nung. Nach dama­li­gen ita­lie­ni­schen Richt­li­ni­en der Instal­la­ti­on war also alles in Ord­nung. Man ver­ließ sich damals noch auf das all-umfas­sen­de Wis­sen der Bür­ger. Ich stand im Zuschau­er­raum um, wie jeden Tag, zu über­prü­fen ob irgend­wo ein soge­nann­tes “Licht­loch” fest­zu­stel­len sei. Zu die­sem Zwe­cke wur­de kla­rer­wei­se “vol­le Kraft” gege­ben. Und tat­säch­lich. Ich ent­deck­te ein sol­ches Löch­lein. Zu die­sem Zeit­punkt war ich die ein­zi­ge See­le in die­sem Thea­ter, mei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen saßen schon beim Essen und genos­sen wahr­schein­lich bereits die berühm­te “Kal­te­rer See Aus­le­se”. Ich stand also da im Zuschau­er­raum, dach­te an mei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, an das Essen und an das Licht­loch. Warf alles weit von mir, alles, was ich jemals erfah­ren hat­te bezüg­lich Licht und elek­tri­sche Span­nung, nahm einen Anlauf, stürm­te durch den Mit­tel­gang des Zuschau­er­raums, griff mit Schwung in den Sof­fit­ten­kas­ten vor mir und lan­de­te mit Schwung leib­haf­tig auf der Büh­ne. Wirk­lich leib­haf­tig: Mir wur­de ein Schlag ver­setzt, wie ich ihn noch nie erlebt hat­te. Mein Herz begann zu rasen, jeder ein­zel­nen Zel­le der Ner­ven wur­de ich bewusst, mein Puls poch­te außer­halb mei­nes Kör­pers. Von Lam­pe zu Lam­pe in den Käs­ten der Sof­fit­ten spann­te sich blan­kes Kup­fer! In die­ses Kup­fer hat­te ich ahnungs­los gegrif­fen. Wahr­schein­lich ver­dank­te ich nur mei­nem groß­ar­ti­gen Anlauf und dem dadurch erreich­ten Schwung die Lan­dung auf der Büh­ne des Kal­tern­schen Kul­tur­zen­trums und kurz dar­auf das wohl­ver­dien­te Essen und Trin­ken unter unsäg­li­chem Ner­ven- und Herz­flat­tern. Auch die­ses ver­bin­det sich lebens­lang mit Kal­tern in Süd­ti­rol, dem süd­lichs­ten Punkt unse­rer Tour­nee. Am Ende die­ser Arbeits­rei­se quer durch Süd-Tirol war ich im wört­lichs­ten Sin­ne auf­ge­la­den. Voll von Hoch­span­nung. Bis sich alles wie­der nor­ma­li­siert hat­te, dau­er­te es eini­ge Wochen.

Junges Theater Graz. "Charleys Tante" von Brandon Thomas. Von links: Eva Schäffer, Meinrad Nell, Elisabeth Wondrak, Gerhard Printschitz.
Von li. nach re.: Eva Schäf­fer, Mein­rad Nell, Eli­sa­beth Wond­rak und Ger­hard Print­schitz. “Char­leys Tan­te” im Hei­mat­saal zu Graz. Ger­hard flüch­te­te bald dar­auf unter Hin­weis auf sei­ne Par­tei-Mit­glied­schaft in die dama­li­ge DDR. Vie­le Jah­re spä­ter wur­de er von den “west­li­chen” Staa­ten wie­der heim­ge­holt.

Dabei hat­te alles so schön und ange­nehm begon­nen. Am Vor­tag hat­ten wir den Mer­ce­des-Klein­bus bela­den. Mit unse­ren Kulis­sen, mit den Kos­tü­men, mit der kom­plet­ten Elek­trik. Die Dach­ga­le­rie hat­ten wir bereits wet­ter­si­cher abge­deckt. Wir waren abfahr­be­reit. Nur unse­re per­sön­li­chen Uten­si­li­en fehl­ten noch. Klein­bus und Fah­rer hat­ten wir sei­tens der stei­ri­schen Lan­des­re­gie­rung zur Ver­fü­gung gestellt bekom­men. Wir waren auch sehr dank­bar dafür. Wie dank­bar wir waren, stell­te sich erst wäh­rend der Tour­nee und danach her­aus. Lei­der kann ich mich an den Namen unse­res Chauf­feurs, Rei­se­lei­ters, Papas, und wie auch immer wir ihn bezeich­ne­ten, über­haupt nicht mehr erin­nern. Fotos gibt es genau­so weni­ge. Jeden­falls stell­te er uns sei­ne gan­ze Erfah­rung und nicht nur die auto­fah­re­ri­sche zur Ver­fü­gung. Er war ein rou­ti­nier­ter, älte­rer Herr. Wir fühl­ten uns bei ihm bes­tens auf­ge­ho­ben. Er war auch tech­nisch ver­siert, ging uns zur Hand, er war der Papa für alles! Im Mor­gen­grau­en des nächs­ten Tages fuh­ren wir los. Auf ging es, nach Süd-Tirol.Gerade zu jener Zeit wel­che man etwas spä­ter als “Bumser-Zeit” benann­te, fuh­ren wir los. Zu jener Zeit­span­ne also, wo in die­sem schö­nen Süd-Tirol von irgend­wel­chen Mit-Men­schen die Mas­ten von Hoch­span­nungs­lei­tun­gen gesprengt wur­den und Ver­un­si­che­rung gesät wur­de. Uns soll­te das aber nicht stö­ren, wir brach­ten schließ­lich den Frie­den mit! Zu die­ser Zeit lief auch der berühm­te “Süd­ti­rol-Pro­zeß” im Lan­des­ge­richt zu Graz an. Nicht weit von mei­nem ursprüng­li­chen zu Hau­se. Dort fand auch der Nach­kriegs-Hun­ger­streik aus Band 1 mei­ner Memoi­ren statt (Der Auf­stand der Gefan­ge­nen – S 165). Wir fuh­ren also vol­ler Vor­freu­de los. Damals gab es als höchs­tes der Gefüh­le nur “Bun­des­stra­ßen”! Über den Packer­sat­tel ging es nach Kärn­ten, den Wör­ther­see ent­lang nach Vil­lach, Spit­tal an der Drau, Lienz nach Sil­li­an. Knapp dahin­ter erwar­te­te uns “Bel­la Ita­lia”! Es muss schon ziem­lich spät gewe­sen sein, aber immer­hin schien noch etwas Son­ne. Wir erreich­ten die Gren­ze zu Ita­li­en und da es die berühm­te und berüch­tig­te “Bumser”-Zeit war, wur­den wir dem­zu­fol­ge hin­aus gewun­ken aus der war­ten­den Kolon­ne der Grenz­ab­fer­ti­gen­den. Zusätz­lich wur­den wir umringt von ein paar bewaff­ne­ten Uni­for­mier­ten, wir muss­ten aus­stei­gen, jeder Ein­zel­ne wur­de gemus­tert, abge­tas­tet. Als die Uni­for­mier­ten ent­deck­ten, was wir alles mit uns nach Ita­li­en zu neh­men gedach­ten, muss­ten wir jedes Kos­tüm, jede Kulis­se, aber vor allem jede ein­zel­ne Kabel­trom­mel Meter für Meter aus­rol­len, jeden ein­zel­nen Schal­ter zur Über­prü­fung bereit­le­gen, jeden Schein­wer­fer, jede Glüh­lam­pe, jeder Kof­fer muss­te geöff­net wer­den, jede Unter­ho­se über­prüft, jede Socke. Dann kamen noch zwei mit Tele­skop­stan­gen, an deren einem Ende Spie­gel befes­tigt waren. Mit die­sen Stan­gen über­prüf­te man außer­dem den Unter­bo­den des Klein­bus­ses. Die Innen­ver­klei­dung lie­ßen die Prü­fer aller­dings unge­scho­ren. Wir waren ver­zwei­felt, füg­ten uns aber in das Unver­meid­li­che. Als wir begrif­fen hat­ten, wem das alles zu ver­dan­ken war, schau­ten wir uns ledig­lich wort­los tief in die Augen. Wir schüt­tel­ten weder den Kopf, noch taten wir auch nur irgend­et­was Pro­test­li­ches. Es war uns klar, dass wir alles tun müss­ten, um so etwas und Ärge­res auf unse­rem Kon­ti­nent in Zukunft zu ver­mei­den. In “unse­rer” Zukunft.

Die "Sonnenburg" im Pustertal vor der Restaurierung. Der Saal der Äbtissin als Holzlager. Heute werden dort die Vorspeisen oder das Dessert oder die Frühstückstafel serviert.
In den 1960er-Jah­ren gas­tier­ten wir in Bru­neck. Nicht weit davon, in St.Lorenzen, liegt die damals unschein­ba­re Rui­ne der Son­nen­burg. Ihr Wie­der­auf­bau war eine der vie­len, vie­len klei­nen Aktio­nen, die unse­ren Kon­ti­nent als EU erst ermög­licht hat­ten. Der Saal der Äbtis­sin als Holz-Lager und ‑Auf­be­rei­tung. Damals, in den 1960ern. – Bild mit freund­li­cher Geneh­mi­gung Gun­ther Knö­tig

Und die­se Zukunft ist bereits Gegen­wart. Heu­te, 2019. Mit mei­ner Gat­tin fuhr ich in die­sem Jahr die bei­na­he iden­te Stre­cke über die bereits bestehen­den Auto­bah­nen nach Bru­neck, wo wir damals unse­re ers­te Auf­füh­rung im Rah­men der Süd-Tirol-Tour­nee hat­ten. Das Schick­sal woll­te es, dass ich in die­sem Jahr 2019 ahnungs­los in einem Schloss­ho­tel namens “Son­nen­burg” buch­te. Ich wuss­te noch nichts von der Ähn­lich­keit der Umstän­de. Dar­an änder­te im Übri­gen ein Hin­weis von Peter Alters­ber­ger nichts, lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter des ORF-Stu­di­os Kärn­ten und der RAI, Stu­dio Bozen. Zur Tour­nee­zeit hat­te ich auch noch kei­ner­lei Ahnung von der Fami­lie Knö­tig, die sich zeit­gleich vor­ge­nom­men hat­te, die­se ver­fal­len­de Rui­ne zu restau­rie­ren und zu reno­vie­ren und dar­aus ein Schloss­ho­tel zu machen. Da gab es also in jenen Tagen in die­sem Süd-Tirol zwei Men­schen, wel­che im ganz Klei­nen und doch Gro­ßen zeit­gleich jene Gedan­ken fort­setz­ten, wel­che uns damals am Grenz­über­gang bei den vie­len Kon­trol­len und Über­prü­fun­gen durch­schos­sen. Zu jener Zeit schli­chen wahr­schein­lich irgend­wel­che dunk­le Gestal­ten durch den dunk­len Tann und such­ten nach spreng­wür­di­gen und für die Öffent­lich­keits­ar­beit geeig­ne­ten Objek­ten. Jeder der Akteu­re, auch wir klei­nen Stei­rer­lein, stan­den damals vor sei­ner und unse­rer Zukunft, einer Zukunft, die bereits Gegen­wart gewor­den ist.

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