Das allzu Junge Theater Graz

Meinrad Nell während einer Arbeitspause. In Gedanken versunken. Das soeben während der Proben Erfahrene scheint nachzuwirken.
In einer Pause während der Probenarbeiten im Rahmen des dramatischen Unterrichts. Das soeben Gehörte und Erfahrene scheint noch nach zu wirken. In diesen drei Jahren meiner Ausbildung habe ich Ereignisse erfahren, die mir in meinem weiteren Leben ziemlich sicher nie zugestoßen wären. Aber ich hatte sie erfahren. Das war jedenfalls ein gigantischer Gewinn. Und ein nicht zu unterschätzender Vor-Teil.

Ein wirklich heißer Sommertag. Irgendwo zwischen Mürzzuschlag und Neuberg an der Mürz. Strahlend blauer Himmel. Berge. Grate. Wände. Scharf gezeichnet. Vereinzelte Bäume, dann Wälder. Die Geleise einer Schmalspurbahn schlängelten sich der Straße entlang, verschwanden manchmal irgendwohin, tauchten urplötzlich wieder auf, querten unbeschrankt die Straße. Ein erfrischend kühler Gebirgsbach namens Mürz bahnte sich mit ungebrochener sanfter Macht den Weg zum Meer und bahnt sich diesen noch immer. Drei junge Männer im Puch-Kleinwagen unterwegs auf der Suche nach geeigneten Gastspiel-Orten. Sie kamen geradewegs aus Neuberg a.d. Mürz, hatten einen möglichen Spielort besichtigt: Einen größeren Wirtshaussaal, ein Podest, Stromanschlüsse, Möglichkeiten einer Garderobe zum Ankleiden und Umziehen. Claus Homschak, der beratende Haus- und Hofregisseur des „Jungen Theaters“, damals noch Regie-Assistent an den Vereinigten Bühnen Graz, hatte an alles gedacht. Die Bühnenbilder waren nur stilisiert, bestanden aus Wechselrahmen, waren in nur wenigen Sekunden der Verdunkelung zu ändern, so ähnlich liefen auch die Kostümwechsel. Oder der Wechsel von Beleuchtungseffekten. Dafür war ich zuständig. Ich war alles gleichzeitig: Der alte König am Nachmittag oder der Träger der Hauptrolle des Abends, der Kreator der „Blitze“ mithilfe eines analogen Serienschalters und einer Vielzahl von aufflammenden Glühbirnen. Da saß ich in vollem Königs-Kostüm und drehte hinter den stilisierten Kulissen in rasender Geschwindigkeit den Serien-Schalter für die Blitze, „je schneller desto Blitz“ lautete die Devise! Beste zeitgemäße österreichische Provinz-Schmiere! Das übliche „Vorsprechen“ hatten wir nach unserer bestandenen Ausbildung bereits erfolglos hinter uns gebracht. So viele Bühnen gab es damals nicht. Ohne Subventionen hätte es keine Theater gegeben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Klar. Das alte ehemalige „Hinterland“, wie das sagenumwobene Mährisch-Ostrau, war im Ostblock verschwunden. Damit waren die Chancen des praktischen „Erfahrens“ für normale Schauspiel- oder Regieschüler auf Null gesunken. Also trugen wir uns mit dem Gedanken, ganz einfach selbständig zu werden. Dieter Dorner und ich schauten uns nach Spielorten innerhalb von Graz um. Das war gar nicht so einfach. Da fanden wir eine alte ehemalige Glockengießerei in der Grazer Münzgrabenstraße. Aus diesem historischen Betrieb mit dem Umfeld einer Metall-Gießerei müßte man nur eine Theater-Betriebsstätte machen. Kein Problem. Phantasie war gefragt. Immer wieder schauten wir uns diesen Keller an. Alles mögliche fiel uns ein, nur zum Thema „Gießerei zu Kellertheater“ fehlte die architektonische Phantasie. Schließlich landeten wir dann doch im bekannten „Heimatsaal“ unterhalb des Grazer Schloßbergs. Wir ließen uns aber die Möglichkeit offen, etwa im Schloß Eggenberg zu spielen oder im Meerscheinschlössl. Wir begründeten also das „Junge Theater“ und bekamen auch prompt jemanden vorgesetzt mit dem wir keinesfalls einverstanden waren. Einverstanden wären wir nur mit Claus Homschak gewesen, der dann mit dem großen Erfolg von Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ im Planetensaal des Schlosses Eggenberg die Leitung unseres „Jungen Theaters“ übernommen hatte. Das Ambiente dieses Saals bezogen wir im Spiel um den „Diener“ mit ein. Spiel im Spiel sozusagen, das heißt wir stellten auch die Vorbereitungen der einzelnen Darsteller zum jeweiligen Auftritt dar. Natürlich wurde dadurch die Dynamik gesteigert. Zwei Etagen unter uns befand sich der Schlosspark. In unserem Rücken. Aus dem Park waren hin und wieder die Schreie der Pfauen zu hören – auch das wurde ins Spiel einbezogen. Das Publikum nahm an drei Seiten Platz. Unser Wirkungskeis bezog sich also auf 270 Grad. Ausserdem spielten wir auf jahrhundertealtem barocken Parkett! Der Erfolg war vorprogrammiert. Als ich das erste Mal den Planetensaal betrat, zog es mich gleichsam in die Mitte des Saals und ließ mich verstummen und verharren. Ich begriff, dass ich lange Zeit benötigen würde, um mich planetarisch heimisch zu fühlen. Und dieses „heimisch fühlen“ benötigte ich – benötigten wir wiederum, um darstellen zu können. Genauso erging es Dieter und Claus. Claus schlug sofort drei Tage Probenzeit hinzu, als er befühlte, was da auf uns zukam. Und tatsächlich: Jedes Detail des Saales, alle sieben Planeten von damals, wurden von uns aufgenommen, diskutiert, besprochen. Was wir nicht begriffen, wurde beblödelt. Das blieb nicht auf Planeten beschränkt, das reichte bis zur offensichtlichen Nikotinsucht der Hirschen im Graben des Schlosses. Das Umfeld der eindrucksvollen Barock-Anlage, die einzigartige Stimmung des Planetensaals, alles das kam erst nach den Proben mit der Premiere des „Dieners zweier Herren“ voll zur Geltung, wertete Spiel und Spielort wechselseitig auf. Dieses Licht des Barock wurde erst Jahrzehnte später wieder entdeckt und aus der Verdrängung, dem „Vergessen“, geholt.

Meinrad Nell im "Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni. Unter der Regie von Claus Homschak spielten wir als "Junges Theater" im Planetensaal des Schlosses Eggenberg in Graz.
Meinrad Nell im „Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni. Unter der Regie von Claus Homschak spielten wir als „Junges Theater“ im Planetensaal des Schlosses Eggenberg in Graz. Links ist Erhard Koren zu sehen. Auch für uns Darsteller war die Aktion im Planetensaal an jedem Abend eine Auszeichnung. Spiel und Ambiente des Saals flossen ineinander – zum Erlebnis. Wir waren eine Erfahrung reicher.

Dem „Diener“ und dem Planetensaal verdankten wir überaupt unseren Ruf. Eine bekannte österreichische adelige Familie lud uns ein in ihrem Schloss Waldstein bei Deutschfeistritz eine exklusive Privatvorstellung zu geben. Da dem Schloss auch ein Sägewerk angegliedert war oder ist, sei das Errichten einer Bühne kein Problem. Es sei alles da, was wir bräuchten. Und es war auch so. Der „Spiel“-Hof war ein äußerst romantischer rosenbewachsener Innenhof, in dessen Zentrum ein Naturbrunnen plätscherte, der nicht abzustellen war, was wir durch etwas höhere Lautstärke zu kompensieren wußten. Die Bretter aus denen die Bühne bestand ruhten auf Betonpyramiden. Sie ruhten. Sie waren nicht befestigt. Was zur Folge hatte, dass sich das eine Ende hob, wenn man das andere in seiner Ruhe störte. Unsere jugendliche Improvisationsgabe ließ uns auch dieses Auftrittsgepoltere rasch ins Spiel einbeziehen, was für heitere Momente sorgte. Die Mondrakete allerdings schoß Kollege Harald Perscha ab, der wutentbrannt den Kiesweg entlang seinem Auftrittsgepoltere entgegenlaufen sollte und mit gezücktem Florett auf die Bühne zu springen hatte. Besser beschrieben: „hätte“, denn zusätzlich zum Gepoltere gab es urplötzlich einen überlauten Krach berstenden Holzes und Harald steckte bis über seine Knie in der Bühne fest. In einer einzigen Sekunde war die Bühne leergefegt. Kolleginnen und Kollegen hockten oder lagen in den Rosensträuchern und prusteten und lachten ohne Ende. Aus dem Publikum hörte man ein einziges lautes Wiehern, minutenlang. Das Chaos hatte alle erfasst. Harald stand versteinert mitten drin, war eingefroren verdattert in der Bühne und schien die Welt rund um sich herum nicht mehr zu begreifen. Es half nur mehr das Ausklingenlassen der Situation, das Herausziehen Haralds, die wenigen beinahe erschöpften Worte Dieters, unseres „Dieners“: „Meine Damen und Herren, trotz allem – es geht weiter!“ Damit hatten wir jene darstellerische Reife erreicht, von der wohl viele unserer Kollegen auch heute noch träumen. Die Vorstellung damals wurde erfolgreich zu Ende geführt. Mit einem nicht-enden-wollenden Beifall verabschiedete uns das Publikum. Es sagte uns ein „Danke“ für einen tatsächlich unvergesslichen Abend im Schloss Waldstein. Es gibt sie, die Momente in denen Darsteller und Publikum eins werden und sind. Für uns junge Theatermenschen bedeutete dieser Abend ein Erlebnis, welches tief unter die Haut gehen musste.

Das "Junge Theater Graz": Meinrad Nell als König und Eva Schäffer als seine Tochter "Prinzessin Wunderhold".
Eva Schäffer als „Prinzessin Wunderhold“ und Meinrad Nell als König. Kaum war die Szene zu Ende, schaltete ein Kollege das Bühnenlicht ab, wir wechselten das Bühnenbild, entfernten den Thron, die Teppiche und sonstigen Versatzstücke und Meinrad wurde in vollem Ornat zum Sondereffektionär.

Das „Junge Theater“ bestand damals aus Eva Schäffer, Elisabeth Wondrak, Barbara Schemeth, Christl Wallner, Erich Göller, Dieter Dorner, Sepp Gartlgruber, Karl Absenger, Kollege Haindl – an seinen Vornamen kann ich mich leider nicht erinnern, Erhard Koren, Gerhard Printschitsch – der kurz darauf hinter der ostdeutschen Mauer verschwand – und viele andere, deren Namen mir nicht mehr geläufig sind, weswegen ich mich bei ihnen auch entschuldigen möchte. Aber zurück zu der Fahrt an diesem heißen Sommertag den Oberlauf der kühlen erfrischenden Mürz entlang. Die Fenster des 500er-Puch waren ganz heruntergekurbelt, die Dreiecksfenster so ausgestellt, dass der kühle Fahrtwind uns wenigstens ein wenig Erfrischung bot.Wir litten still vor uns hin. Kein Laut kam über unsere Lippen. Die zahllosen Fahrgeräusche übertünchten das leise Hitze-Stöhnen. Ich hatte es noch am Besten auf Grund meiner Mitfahr-Eigenschaft auf der hinteren Bank. Ich konnte mich wenigstens ausbreiten, mich „hinflegeln“. Harald Perscha, unserem Chauffeur, reichte es sehr bald. Er fuhr links in die Almwiese, stellte den Motor ab, riss die Fahrertüre auf, und stürmte mit dem Ruf „Mir reicht´s“ auf die kühlende Mürz zu. Wir hinter ihm her. Runter mit dem „G´wond“ (Gewand) und hinein ins erfrischende glasklare Nass. Oh, wie war das belebend! Wir saugten das Nass in jede Pore, wir kühlten die Hitze an jeder Strömung, mit den Händen wühlten wir jede Stauung des fließenden Wassers hoch. Das Leben explodierte in uns. Wir krabbelten wieder ans Ufer, sammelten unser „G´wond“ auf, liefen nackicht über die Almwiese zum Auto, rissen in Ermangelung von Handtüchern die Decke von der hinteren Sitzbank und begannen uns abzutrocknen. Halb bekleidet setzte sich Harald hinters Lenkrad. Wir taten es ihm nach, verstauten uns selbst halb nass auf unsere Sitze und ab ging der 500er Richtung Graz. Wir rasten über den unbeschrankten Bahnübergang – auf die Halt-Gebietende Hand eines grau-uniformierten Gendarmeriebeamten zu. Wir duckten und verkrümmten und verrenkten uns, zogen rasch irgendwas in erreichbarer Nähe über unsere Blößen, taten so, als ob es uns noch heiss wäre. Drei junge Männer splitternackt in einem Auto! Wenn das nicht ein Fall von öffentlichem Aufsehen, Erregung öffentlichen Ärgernisses wäre! Wir redeten und beklagten und jammerten und das Wunder geschah: ohne abgestraft zu werden durften wir nach Hause fahren, heim nach Graz!

Das "Junge Theater Graz": "Prinzessin Wunderhold". Erich Göller als verzauberter Prinz und Zwerg. Barbara Schemeth als böse Hexe.
Erich Göller als verzauberter Prinz und Zwerg in der Hexenküche von Barbara Schemeth. Hinter den Kulissen stand der König in vollem Kostüm und blitzte und donnerte mit dem Donnerblech in dieser Szene. Wir stellten eben ALLES dar. Auch die Sondereffekte.

Ein sehr langer Weg war es auch welchen ich gehen mußte seit jener Zeit als nicht nur in der Grazer Herrengasse eine Unmenge an Mitbürgern die Strassenseite wechselten, wenn ihnen ein fremdländischer Soldat mit fremdländischer Hautfarbe entgegenkam, als in der Jungferngasse noch das „Panoptikum“ oder „Panorama“ existierte. Für einen österreichischen Nachkriegs-Schilling durfte man sich da uralte Postkarten über einen Operngucker anschauen. Ich fühlte mich in dieser Lokalität um Jahrzehnte zurückversetzt. Sogar der Geruch der Möbel-Politur ließ mich die Vor-Kriegszeit erahnen. Dieses Lokal schien die Kriegs- und sonstigen Wirren unbeschädigt überstanden zu haben. In der Mitte des Raumes war ein sich im Kreise drehendes Vieleck aufgebaut. Alle paar Minuten gab sich dieses Vieleck einen Ruck und ruhte dann, um dem Betrachter die Chance zu bieten sich das Bild genauer anzusehen, bevor mit dem nächste Ruck das Bild wieder wechselte. Vor diesem „Bilder-Halter“ befand sich ein starrer Dekor-Verbau in Form eines weiteren Vielecks mit eingelassenen Opernguckern in jedem der Sektoren. Es war so etwas wie das Kino für die Ärmsten. Ein Guckkasten-Kino um einen Schilling! Jeden Freitag wurde thematisch gewechselt. Mich hat besonders die Mittelmeer-Region beeindruckt, die Mauern von Dubrovnik sehe ich noch vor mir, die Palmen-Promenade von Split mit dem Palast des Diokletian. Die Bilder, die ich mit Interesse beäugte stammten alle noch aus der Monarchie. Das schloß ich aus der Mode welche die Damen trugen, aus der Art der Segelschiffe und aus den seltenen Autos auf un-asphaltierten Strassen. Auf der gegenüber liegenden Seite des „Panorama“, jener Seite der Jungferngasse deren Fassade um ein paar Meter nach vor sprang und die Jungferngasse verschmälerte, befand sich genau in dem Hause, welches die Gasse so verengte, ein Wirtshaus mit dem Schild „Zur schiefen Laterne“. Auf dem Schild war auch eine Laterne abgebildet, ganz schief und im Zick-Zack gezeichnet. „Geht´s duat net eini!“ wurden wir immer wieder gewarnt („Geht dort nicht hinein!“). Natürlich hatte ich dieses Wirtshaus nie betreten, ich getraute mich nicht einmal in die anschließende Frauengasse. Denn dort war es dunkel und eng und schmal! Das Wirtshaus und die ganze folgende Gegend war mir zu unheimlich. Ich weiß bis heute nicht, warum eigentlich. Vielleicht wegen der Warnungen, obwohl gerade diese normalerweise die Neugierde weckten. Das einzige was mich beeindruckte war das „Panorama“ dort.

Das "Junge Theater Graz" mit "Prinzessin Wunderhold": Meinrad Nell als König, Elisabeth Wondrak als Gouvernante und Franz Haindl als Hofnarr.
Meinrad Nell als König und Beleuchter und Sondereffektionist, Elisabeth Wondrak als Gouvernante und Franz Haindl als Hofnarr.

Es war tatsächlich ein langer Weg bis hin zum „Jungen Theater“. Und doch war dieser lange Weg so unvorstellbar kurz. Er war ausgefüllt mit erstmalig Erlebbarem und deswegen auch Erfülltem. Die Erfahrung, dass heranwachsende Jugendliche sich überhaupt nicht als konsumierendes Publikum sehen wollen, sondern mit „tun“, mitreden, mit-agieren wollen, andererseits still sein, sich hingeben, sich bereitwillig fesseln lassen wollen, dass man als Darsteller die Spannung fühlt, welche junge Menschen gleich von Beginn an in den Saal mitbringen, alles das machte uns erfahrungsreicher. Und freute uns. Zumindest mich. Da taten sich wieder Zusammenhänge auf zwischen den Hartberger Erfahrungen, zwischen den abendlichen Kontrollgängen auf Schloss Neuberg und den Diskussionen und den Erlebnissen mit Heranwachsenden in den Theatersälen. Es gab kaum einen Unterschied zwischen jenen im Schloss in der Ost-Steiermark, zwischen jenen in Graz und denen in Bruneck oder Kaltern oder Meran oder Bozen oder irgendwo anders in Südtirol, sie waren ident und blieben für mich prägend. Schon damals war es für mich selbstverständlich, dass man einem sogenannten Erwachsenen nicht mehr weiterhelfen konnte, dass ausschließlich Heranwachsende absolute Priorität verdienten. Sie waren es ja, die in jener Welt weiter existieren mußten, die ihre Vorgänger aufgebaut hatten und haben – und jene Welt ist gleichzeitig diese Welt. Wir haben nur die Eine. Diese Eine muss auch uns ertragen. Je digitaler und vernetzter wir Analogiker werden, desto offensichtlicher wird es. Vor vielen analogen Jahren – in den Jahren, in denen ich aufgewachsen bin und in denen sich ein großer Teil meines Lebens abgespielt hat, inklusive den Jahren des Theaters und des Monopolbetriebes ORF – in diesen Jahren hatte „man“ noch viel Zeit, um Probleme zu lösen, später einmal. Heute weiß „man“, dass „man“ sich viel zu viel Zeit gelassen hat, jahrhunderte lang. Ewigkeiten. Und wie kurz ist eine Ewigkeit.

Von links: Elisabeth Wondrak, Karl Absenger, Meinrad Nell, Eva Schäffer, Dieter Dorner,Erich Göller (später Erik Göller)
Schlussbild der „Prinzessin Wunderhold“, von links: Elisabeth Wondrak, Karl Absenger, Meinrad Nell, Eva Schäffer, Dieter Dorner, Erich Göller (später Erik Göller).

Aus dieser meiner Einstellung habe ich auch nie ein Hehl gemacht. Ob es Moderationen beim ORF waren oder bei den hunderten Veranstaltungen die noch so nebenher liefen. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Die Wurzeln liegen im Schloss Neuberg bei Hartberg in der Ost-Steiermark. Dazu kommen die vielen Erkenntnisse eines erlebten Zeit-Abschnitts. Menschen, die glauben „erwachsen“ zu sein, bauen etwas auf, das man später wieder korrigierend abbauen muss, ohne bleibenden Schaden zu verursachen. Der Verbrennungsmotor soll ein Beispiel sein. Oder die Dampfrösser der Eisenbahn, oder die Windkrafträder, bei deren Aufbau heute schon der Abbau einkalkuliert werden muß. Die Menschheit bekommt immer wieder solche Abbruch-Werkzeuge in die Hand. Was die jeweiligen Heranwachsenden in Zukunft bestehen lassen werden, ist jener Teil mit dem die Welt leben kann. Und genau auf dieses Können kommt es an. Den Zwang, das Muss kennt unsere Existenz nicht, das ist das Positive an der Digitalisierung und kommt erst zum Tragen, wenn die „Künstliche Intelligenz“ oder „Artificial Intelligence“ oder wie immer man diesen Bereich benennen wird, sich selbst von allen Unsauberkeiten bereinigt hat, wenn der Mensch von allem „Lästigen“ befreit wird. Nur muss er erst erlernen, was tatsächlich „lästig“ ist. Traditionelles „Autofahren“ etwa. Damit verbunden ist der Aufbau eines kompletten neuen anderen Wirtschaftssystems. Jedenfalls bekam ich bei den diversen Events nur von jenen Erwachsenen negatives Feedback, welche bei den monarchischen Geschichtsfälschungen der Kolonialzeiten hängengeblieben zu sein schienen und noch immer scheinen. Und das waren verschwindend wenige.

Paul Hellwig´s "Flitterwochen". Meinrad Nell als Architekt.
Dieser Bart blieb mir ein Leben lang erhalten, in allen möglichen und unmöglichen Arten. In den „Flitterwochen“ von Paul Hellwig war er noch Zwang zur Praxis, passte auch zur Rolle als Archiktekt. Etwas später wurde der Bart Mode, dann ein Markenzeichen, dann nicht mehr Wegzudenken, heute ist er als Fünf-Tage-Bart eine Reminiszenz.

„Pass auf!“ ließ sich die ruhige sonorige Stimme im Dunkel der Hinterbühne vernehmen, nahm mich am rechten Oberarm und zog mich zu sich. Gleichzeitig leuchtete die Taschenlampe gegen die Wand, von der zwei armdicke Kabel in unsere Richtung baumelten. Mit blanken Kupferenden. „Oh“ hörte ich mich. Zu mehr reichte mein Schock nicht. Oh doch, ich kann mich noch erinnern welcher Gedanke mich da durchzuckte: Italien! Dieser stille Seufzer verbunden mit den Gedanken an die Elektro-Installationen zu dieser Zeit in diesem Land füllte meine erlebnisreiche Tournee um eine Erfahrung dichter. Es war schließlich mein zusätzlicher Part auf dieser Reise: die komplette Bühnen-Beleuchtung! Die Kabel, welche da aus der Wand hingen, hingen aus der Bühnen-Wand des wunderschönen Stadt-Theaters von Meran. Der Oberbeleuchter, der mich unterstützte, schien allerdings nicht gerade großes Vetrauen in die Arbeit seiner Kollegen gehabt zu haben. Jedenfalls waren die Kabel „tot“, also stromlos geschaltet. Sonst wäre ich kaum noch fähig, diese Zeilen zu schreiben. Diese erste Tournee war für uns alle ein wahres Erleben! Um ehrlich zu sein, jeder Tag war für uns eine gefühlte Hauptprobe, nachmittags „Prinzessin Wunderhold“ gefolgt von der Boulevard-Komödie „Flitterwochen“. Studienreise mit Hauptproben vor Publikum, so würde ich diese Tournee bezeichnen. Bis dahin hatten wir immerhin schon gelernt und erfahren, dass wir mit unserer jeweiligen Darstellung unseren Partnern jedesmal die Chance geben, auf uns zu reagieren. Je intensiver die Aktion desto besser war auch die Re-Aktion und damit stieg auch der Eindruck beim Publikum. Jeder Halb-Satz, jeder Begriff, jede Geste und Bewegung reifte diesbezüglich heran. Und letztlich wurden wir als Ensemble immer verschweißter, erfolgreicher. Letztlich hätten wir alle, die ganze Tournee-Gruppe nie aufhören wollen zu spielen. Es hätte immer so weitergehen können. Wir lernten, die Grenzen der Charaktere kennen, wir lernten diese Grenzen zu füllen, wir erfuhren, wie weit wir diese Chancen dehnen, wie lange wir Spannungen, welche auch immer, halten durften. Das täglich wechselnde Publikum stellte uns zusätzlich vor Herausforderungen. Die täglich wechselnden Grenzen begannen unserem Leben Sinn zu geben. Sie gehörten bereits zu unserem Alltag, waren und sind Selbstverständlichkeit.
Aus dieser Zeit stammt auch mein lebenslanges äußeres Markenzeichen, welches ich bis heute mit mir umhertrage. Konkret verdanke ich es Kurti Malik, Nachbar und Jugend-Begleiter, Theaterfriseur und Maskenbildner. Wer hat in diesen Jahren schon einen Bart getragen?! Als Markenzeichen noch dazu?! Nur jene, welche etwas zu verbergen hatten, so flüsterte man sich zu. Und das Flüstern hielt bis zu den Anfangsjahren von Ö3 an. Ich wäre damals in unseren Tournee-Zeiten nie auf die Idee gekommen, als Revoluzzer verschrien zu werden. Da wir im Sommer in Süd-Tirol unterwegs waren, mit wärmeren Temperaturen zu rechnen war und damit auch das Risiko stieg, dass meine Gesichts-Haut mit den Konsequenzen des traditionellen Mastix-Klebers für den Märchen-Bart des Nachmittags und des Boulevard-Abends fertig werden mußte, gab Kurti mir den Rat, einen echten Bart stehen zu lassen, damit würde ich allen Problemen aus dem Weg gehen. Für den Nachmittags-Bart gab er mir noch einen Spray mit, der den Bart weiß und grau erscheinen und mich gleich um einige Jährchen älter werden ließ. Nach dem Märchen hatte ich nur noch Haare und Bart zu kämmen und zu bürsten, und schon war ich fast fertig für die abendliche Architekten-Rolle. Und so blieb es auch. Für die Dauer meinesLebens. Augenblicklich ist es ein ewiger Fünf-Tages-Bart.

Das komplette "Flitterwochen"-Ensemble: Von Links Eva Schäffer, Erich Erik Göller, Elisabeth Wondrak, Meinrad Nell, Christl Wallner, Barbara Schemeth.
Mit Hellwig´s „Flitterwochen“ unterwegs: Eva Schäffer, Erich Erik Göller, Elisabeth Wondrak, Meinrad Nell, Christl Wallner, Barbara Schemeth (v.l.n.r.). Das ganze Ensemble in der Abchlußszene der Boulevardkomödie.

Für die Dauer meines Lebens hat sich auch ein Erlebnis eingeprägt, welches sich auf immer und ewig mit dem schönen Meran verbinden wird. Und Meran war damals wirklich noch schön. Untergebracht waren wir in einer alten hochherrschaftlichen Villa mit großem und vor allem sehr hohen Speisesaal. Diese ganze Villa, inklusive der Gästezimmer, war tapeziert mit Gemälden, da war beinahe kein Quadratzentimeter pure Wand frei sichtbar. Bild reihte sich da an Bild, Porträt neben Stilleben, Grafik neben Aquarell und Öl, Altes neben Moderne. Mittendrunter wurden wir hineingesetzt. Zum Mittagessen. Gleich im Anschluss an mein theaterliches Kabel-Erlebnis. Faszinierend fand ich die großen silbrigen Parmesan-Behälter, bis an den Rand gefüllt. Damals schon war ich ein gr0ßer Fan dieses italienischen Würzkäses. Folgerichtig freute ich mich schon auf den Hauptgang. Was auch immer mir da vorgesetzt wurde, ich nahm mir vor, mit dem Parmigiano nicht zu sparsam zu sein. Niemand von uns wußte genau, was da auf uns zukommen sollte. Schriftliche Hinweise auf das Menu fehlten. Warum und wieso – daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Erinnern kann ich mir nur daran, dass wir Fisch vorgesetzt bekamen. Klar, das Meer war nicht mehr weit entfernt. Ich träumte davon, von mehr Meer und einem ganzen Apennin voller Parmigiano. Ich war „nella paese della sole“, ganz Italien lag vor meinem geistigen Auge auf dem Mittagstisch. Der köstlich zubereitete Fisch versank in einem Meer von Parmigiano, irgendwo da drunter dümpelte der vormals köstlich zubereitete Fisch. Ich hingegen versank in einem Meer aus Scham, Peinlichkeit, Blamage und Einsicht. Denn hinter mir stand die Chefin des Etablissements und wies den jungen Mann aus der Steiermark vor sich mit lauter und fester Stimme in die italienische und süd-tiroler Esskultur ein. Fisch und Parmesan! Hoch erregt ging sie von dannen, kopfschüttelnd. In Richtung cuccina, um ihren Frust dann dort abzuladen. Ich blieb zurück mit hochrotem Köpfchen, im Aufmerksamkeits-Mittelpunkt des kompletten Speisesaals, vor mir das Gebirge aus Parmigiano und tief im Inneren verborgen ein wenig Fisch, optisch als solcher zu identifizieren, geschmacklich war das Ganze eher Würzkäse mit ein wenig Bratensaft.

Junges Theater Graz, Charleys Tante von Brandon Thomas. Elisabeth Wondrak, Erich Erik Göller, Eva Schäffer.
Elisabeth Wondrak, Erich Erik Göller und Eva Schäffer (von li. nach re.) in Brandon Thomas „Charleys Tante“. Eine der Inszenierungen des „Jungen Theaters Graz“. Zu Beginn war Erich unser Kassier. Jedes Gründungsmitglied hatte eine Doppelfunktion zu erfüllen, solange es vertretbar war. Und das war nicht lange.

Was der Griff nach dem Parmigiano in Meran, war in Kaltern der Griff in die Soffitten. Unter Soffitten verstand man damals Glühlampen in verschiedenen Farben, die in Serie geschaltet wurden und zum Grundlicht einer Bühne zählten – auch für den Notfall. Angebracht waren diese Soffitten am unteren vorderen Bühnenrand, so dass Darsteller von vorne unten bestrahlt wurden. Die Versorgung des Soffitten-Lichts erfolgte mit Niedrigspannung. Nach damaligen italienischen Richtlinien der Installation, war also alles in Ordnung. Man verliess sich damals noch auf das all-umfassende Wissen der Bürger. Ich stand im Zuschauerraum um, wie jeden Tag, zu überprüfen ob irgendwo ein so genanntes „Lichtloch“ festzustellen sei. Zu diesem Zwecke wurde klarerweise „volle Kraft“ gegeben. Und tatsächlich. Ich entdeckte ein solches Löchlein. Zu diesem Zeitpunkt war ich die einzige Seele in diesem Theater, meine Kolleginnen und Kollegen saßen schon beim Essen und genossen wahrscheinlich bereits die berühmte „Kalterer See Auslese“. Ich stand also da im Zuschauerraum, dachte an meine Kolleginnen und Kollegen, an das Essen und an das Lichtloch. Warf alles weit von mir, alles, was ich jemals erfahren hatte bezüglich Licht und elektrische Spannung, nahm einen Anlauf, stürmte durch den Mittelgang des Zuschauerraums, griff mit Schwung in den Soffittenkasten vor mir und landete mit Schwung leibhaftig auf der Bühne. Wirklich leibhaftig: Mir wurde ein Schlag versetzt, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, mein Herz begann zu rasen, jeder einzelnen Zelle der Nerven wurde ich bewusst, mein Puls pochte ausserhalb meines Körpers. Von Lampe zu Lampe in den Kästen der Soffitten spannte sich blankes Kupfer! In dieses Kupfer hatte ich ahnungslos gegriffen. Wahrscheinlich verdankte ich nur meinem grossartigen Anlauf und dem dadurch erreichten Schwung die Landung auf der Bühne des Kalternschen Kulturzentrums und kurz darauf das wohlverdiente Essen und Trinken unter unsäglichem Nerven- und Herzflattern. Auch dieses verbindet sich lebenslang mit Kaltern in Südtirol, dem südlichsten Punkt unserer Tournee. Am Ende dieser Arbeitsreise quer durch Süd-Tirol war ich im wörtlichsten Sinne aufgeladen. Voll von Hochspannung. Bis sich alles wieder normalisiert hatte dauerte es einige Wochen.

Junges Theater Graz. "Charleys Tante" von Brandon Thomas. Von links: Eva Schäffer, Meinrad Nell, Elisabeth Wondrak, Gerhard Printschitz.
Von li. nach re.: Eva Schäffer, Meinrad Nell, Elisabeth Wondrak und Gerhard Printschitz. „Charleys Tante“ im Heimatsaal zu Graz. Gerhard flüchtete bald darauf unter Hinweis auf seine Partei-Mitgliedschaft in die damalige DDR. Viele Jahre später wurde er von den „westlichen“ Staaten wieder heimgeholt.

Dabei hatte alles so schön und angenehm begonnen. Am Vortag hatten wir den Mercedes-Kleinbus beladen. Mit unseren Kulissen, mit den Kostümen, mit der kompletten Elektrik. Die Dachgalerie hatten wir bereits wettersicher abgedeckt. Wir waren abfahrbereit. Nur unsere persönlichen Utensilien fehlten noch. Kleinbus und Fahrer hatten wir seitens der steirischen Landesregierung zur Verfügung gestellt bekommen. Wir waren auch sehr dankbar dafür. Wie dankbar wir waren stellte sich erst während der Tournee und danach heraus. Leider kann ich mich an den Namen unseres Chauffeurs, Reiseleiters, Papas, und wie auch immer wir ihn bezeichneten, überhaupt nicht mehr erinnern. Fotos gibt es auch nicht mehr. Jedenfalls stellte er uns seine ganze Erfahrung und nicht nur die autofahrerische zur Verfügung. Er war ein routinierter, älterer Herr. Wir fühlten uns bei ihm bestens aufgehoben. Er war auch technisch versiert, ging uns zur Hand, er war der Papa für alles! Im Morgengrauen des nächsten Tages fuhren wir los. Auf ging es, nach Süd-Tirol.
Gerade zu jener Zeit welche man etwas später als „Bumser-Zeit“ benannte, fuhren wir los. Zu jener Zeit als in diesem schönen Süd-Tirol von irgendwelchen Mit-Menschen die Masten von Hochspannungsleitungen gesprengt wurden, Verunsicherung gesät wurde. Uns sollte das aber nicht stören, wir brachten ja den Frieden mit! Zu dieser Zeit lief auch der berühmte „Südtirol-Prozeß“ im Landesgericht zu Graz an. Nicht weit von meinem ursprünglichen zu Hause. Dort fand auch der Nachkriegs-Hungerstreik aus Band 1 meiner Memoiren statt (Der Aufstand der Gefangenen – S165). Wir fuhren also voller Vorfreude los. Damals gab es als höchstes der Gefühle nur „Bundestraßen“! Über die Pack ging es nach Kärnten, den Wörther See entlang nach Villach, Spittal an der Drau, Lienz nach Sillian. Knapp dahinter erwartete uns „Bella Italia“! Es muss schon ziemlich spät gewesen sein, aber immerhin schien noch etwas Sonne. Wir erreichten die Grenze zu Italien und es war die berühmte und berüchtigte „Bumser“-Zeit! Also wurden wir hinaus gewunken aus der wartenden Kolonne der Grenzabfertigenden. Zusätzlich wurden wir umringt von ein paar bewaffneten Uniformierten, wir mußten aussteigen, jeder Einzelne wurde gemustert, abgetastet. Als die Uniformierten entdeckten, was wir alles mit uns nach Italien zu nehmen gedachten, mußten wir jedes Kostüm, jede Kulisse, aber vor allem jede einzelne Kabeltrommel Meter für Meter ausrollen, jeden einzelnen Schalter zur Überprüfung bereitlegen, jeden Scheinwerfer, jede Glühlampe, jeder Koffer mußte geöffnet werden, jede Unterhose überprüft, jede Socke. Dann kamen noch Zwei mit Teleskopstangen, an deren einem Ende Spiegel befestigt waren. Mit diesen Stangen überprüfte man noch den Unterboden des Kleinbusses. Die Innenverkleidung ließen die Prüfer allerdings ungeschoren. Wir waren verzeifelt, fügten uns aber in das Unvermeidliche. Als wir begriffen hatten, wem das alles zu verdanken war, schauten wir uns nur noch wortlos tief in die Augen. Wir schüttelten weder den Kopf, noch taten wir auch nur irgendetwas Protestliches. Es war uns klar, dass wir alles tun müßten, um sowas und Ärgeres auf unserem Kontinent in Zukunft zu vermeiden. In „unserer“ Zukunft.

Die "Sonnenburg" im Pustertal vor der Restaurierung. Der Saal der Äbtissin als Holzlager. Heute werden dort die Vorspeisen oder das Dessert oder die Frühstückstafel serviert.
In den 1960er-Jahren gastierten wir in Bruneck. Nicht weit davon, in St.Lorenzen, liegt die damals unscheinbare Ruine der Sonnenburg. Ihr Wiederaufbau war einer der vielen, vielen kleinen Aktionen, die unseren Kontinent als EU erst ermöglicht hatten. Der Saal der Äbtissin als Holz-Lager und -Aufbereitung. Damals, in den 1960ern. – Bild mit freundlicher Genehmigung Gunther Knötig

Und diese Zukunft ist bereits Gegenwart. Heute, 2019. Mit meiner Gattin fuhr ich in diesem Jahr die beinahe idente Strecke über die bereits bestehenden Autobahnen nach Bruneck, wo wir damals unsere erste Aufführung im Rahmen der Süd-Tirol-Tournee hatten. Das Schicksal wollte es, dass ich in diesem Jahr 2019 ahnungslos in einem Schloßhotel namens „Sonnenburg“ buchte. Ich wußte noch nichts von der Ähnlichkeit der Schicksale. Daran änderte auch ein Hinweis von Peter Altersberger nichts, langjähriger Mitarbeiter des ORF-Studios Kärnten und der RAI, Studio Bozen. Zur Tourneezeit hatte ich auch noch keinerlei Ahnung von der Familie Knötig, die sich zeitgleich vorgenommen hatte, diese verfallende Ruine zu restaurieren und zu renovieren und daraus ein Schlosshotel zu machen. Da gab es also in diesem Süd-Tirol von damals zwei Menschen welche im ganz Kleinen und doch Großen jene Gedanken zeitgleich fortsetzten, welche uns damals am Grenzübergang bei den vielen Kontrollen und Überprüfungen durchschossen. Zu jener Zeit schlichen wahrscheinlich irgendwelche dunkle Gestalten durch den dunklen Tann und suchten nach sprengwürdigen und für die Öffentlichkeitsarbeit geeigneten Objekten. Jeder der Akteure, auch wir kleinen Steirerlein, standen damals vor seiner und unserer Zukunft, einer Zukunft die bereits Gegenwart geworden ist.

Das „museale“ Erlebnis Sonnenburg.

Das Cover des mittlerweile vergriffenen Buches. Die Gebäude zwischen Fluss, der Rienz, und dem Berg stehen heute noch. Beinahe unverändert.
Das Pustertal inklusive Seitentäler steckt voller Geschichte und selbstbewußter Tradition. Ein paar Meter von der Sonnenburg entfernt stolpert man bereits über die Trächtigkeit der Historie. – Bild: Nicole Nell
Ein Kirchlein in unmittelbarer Nachbarschaft der Sonnenburg: St. Johann im Spital. Trotz aller Digitalisierung stösst man in Süd-Tirol überall auf gepflegte und gelebte Tradition. – Bild: Nicole Nell
Blick von der Sonnenburg hinüber nach St. Martin, nach Gaderthurn. Der Fluss unterhalb kommt aus den Dolomiten. Sein Wasser ist charakteristisch milchig-weiss und vermischt sich knapp nach der Eisenbahnbrücke mit den humuröseren Fluten der Rienz. Die Bahnstrecke führt von Lienz bis nach Bozen. Die Fotos stammen aus April 2019.
Der (Vorspeisen)-Saal der Äbtissin. In wenigen Minuten werden sich die Gäste genußvoll dem widmen, was sich da alles anbietet. Dieser Saal läßt allerdings erahnen, was sich da alles ausserhalb der üblichen Mahlzeiten abgespielt hat und was teilweise auch überliefert worden ist.
Das ist die legendäre Fürstäbtissin zu Sonnenburg. Ihr Porträt fand erst unlängst auf verschwiegenem Wege heim. Heute begrüßt sie die Gäste des Schlosses voller Demut im Foyer.
Die Äbtissin heute unruhig im Schlosse umherwandelnd…
Der Innenhof mit dem ehemaligen Zugang
Ein Gebilde aus Treppen und Treppchen und Gängen und Saal-ähnlichen Zimmern und Zimmerchen, Kammern und Kämmerchen und kuscheligen Ecken: Die Sonnenburg.
Der Stuhl der Äbtissin. Strategisch ideal platziert…
Besucher und Gäste mussten gegen das Licht blinzeln. Auch heute noch bereitet dies so manchem Protokoll-Chef Kummer und Sorgen.
Das Wasser aus diesem 30m-tiefen Ziehbrunnen konnte man bedenkenlos trinken – bis vor Kurzem noch.
Das „Wappen“ der Sonnenburg. Dieses Signum findet man auch in Jerusalem. Unter diesem Zeichen trieb es offensichtlich ein Teil der Kreuzfahrer im Nahen Osten von heute.
Die Empfangshalle mit den anschliessenden Räumlichkeiten und so manchem Sehenswerten. Ab dem Augenblick des Betretens beginnt die Faszination der Sonnenburg zu wirken.
Der Gang dient als Verteiler zur Bar, zu den vielen Gaststuben und Speisezimmern, zu den Ruheräumen und den nötigen betriebswirtschaftlichen Räumlichkeiten.
Ein Gangfenster mit Blick in den Innenhof des ehemaligen Klosters. Im April des Jahres 2019. In Bildmitte zu sehen ist auch der Zugang zum Hallenbad.
Auf dem Weg zum Saal der Äbtissin und zum Lese- und Ruheraum.
Der ehemalige Wohnbereich der Äbtissin, die Kemenate. Heute ein kuscheliges Bibliotheks- und Lesezimmer.
Zur ersten oberflächliche Orientierung benötigt man zunächst einmal ein- bis eineinhalb Stunden. Gleich nach der Ankunft empfehlenswerterweise… – Bild: Nicole Nell
Das Beste kommt von Oben – auch von der kostbaren vertäfelten Decke des Lesezimmers. Zirbenholz-Täfelung. – Bild: Nicole Nell
Eines der gemütlichen Speisezimmer. Die Küche kommt bereits ziemlich nahe an die „Hauben“-Küche heran. Sie bietet allerdings lokale historische Akzente. – Bild: Nicole Nell
Der Kamin wurde an Hand von aufgefundenen Scherben von einem Brixener Handwerksbetrieb nachempfunden und in mühsamer Handarbeit wieder hergestellt.
Das Kaminzimmer im Rundblick. Sonnenburg á la carte. – Video: Nicole Nell
Das Zirbenholz-Stüberl. Es ist den Stammgästen vorbehalten. Der Tisch rechts hinten ist jener Tisch, an dem 50 Jahre im Überschall-Flug vergingen. Nur 50 Jahre liegen zwischen einer ruinösen Sonnenburg und einer beeindruckenden Gastronomie. – Bild: Nicole Nell
Der Eingang zwingt die Gäste sich in demutsvoller Haltung den Genüssen der Küche zu nähern. – Bild: Nicole Nell
Die Geschichte der Sonnenburg kann man an sich vorbeiziehen lassen, indem man allabendlich die original Deckenfresken im Fürstenzimmer auf sich einwirken läßt. Dieses Zimmer ist nur eines der vielen Gästeräumlichkeiten.
Das Herz voller Liebe…
Jeder und Jede in diesem Zimmer soll den allerhöchsten Segen erhalten…
ER begleitet Dich natürlich durchs ganze Leben. Nicht nur Süd-Tirolerinnen und -Tiroler!
Natürlich ist die Äbtissin auch im Fürstenzimmer mit dabei…
Auch dieses Fresko wurde gerettet. Es war den süd-tiroler Wetter-Unbilden hilflos ausgeliefert. Günther Knötig hat es gerade noch solide eingehaust.
Den Verehrerinnen von Hildegard von Bingen ist dieser Garten sicherlich ein Begriff. Zugang hatten nur jene, die für die Küche schufen und schufteten. Der Garten für die Apothekerinnen des mittalterlichen Leibes. Ein Garten auch für die unzählig vielen Seelen.
Der Zugang ins geheime weltliche Paradies für all jene welchen lukullische Genüsse kein Fremdwort bedeuten… – Bild: Nicole Nell
Ohne Worte – Bild: Nicole Nell
Natürlich darf auch im „Apothekengärtchen“ ein Salettl nicht fehlen. In aller Ruhe und in frischer Luft die Zwischenmahlzeit genießen… – Bild: Nicole Nell
Die Sonne wird hier wie in einem Brennspiegel konzentriert. Pflanzen und Pflänzchen gedeihen hier bestens. Und natürlich auch nützliche Insektlein… – Bild: Nicole Nell
Der Apothekengarten im süd-tiroler April mit Salettl. – Bild: Nicole Nell
Sie duften schon, die Maiglöckchen im April… – Bild: Nicole Nell
… und die Narzissen lassen sich auch nicht gerade lumpen! – Bild: Nicole Nell
In aller Abgeschiedenheit kann der Gast hier diskutieren, verschwiegene Gespräche führen, oder planen, träumen oder einfach nichts tun, gar nichts… – Bild: Nicole Nell
Auf dem Weg vom Apothekengarten durch den Innenhof zum Park stießen wir auf den Tribut an die Natur, auf Wolken von Pollen… – Video: Nicole Nell
Ein Teil des Museums. Rechts sind noch die Überreste der Kirchenapsis zu sehen. Der Zugang zu den Katakomben erfolgt durch das Hüttelchen in der unteren Bildmitte. Dieser Teil wartet noch auf die richtige denkmal- und wetterschutzgerechte archiktonische Idee einer Überdachung. – Bild: Nicole Nell
Einer der vielen „Katakombenheiligen“ der Klöster und Kirchen. Sie alle wurden als Reliquie verehrt und angebetet. Sie sind Zeugen einer Zeit, die man sich heute nur mehr schwer vorstellen kann, die aber einstens als Realität hingenommen wurde.
Was in diesen Jahren von Eltern und Sohn der Familie Knötig alles geleistet wurde, unter diesem Link kann man es nachvollziehen: Die Geschichte der Sonnenburg. Für den ersten oberflächlichen Rundgang in diesem musealen Schloss haben wir geschlagene 4,5 Stunden benötigt!
In diesen Stunden waren der Apotheker- und der Finstergarten noch gar nicht inkludiert. Die beiden Gärten folgten erst am zweiten Tag!
Die Sonnenburg wurde in ihrem ruinösen Zustand natürlich als eine Art Steinbruch verwendet. Die Bevölkerung rundumher brachte freiwillig Gegenstände, die aus der Sonnenburg stammten, im Lauf der Zeit wieder zurück, als sie hörte und erlebte, was da wiedererstand.
Die rohe Apsis der Burgkirche.
Aus einer immer weiter verfallenden Ruine wurde ein Hotel mit seinem gegenwärtigen Angebot. Zur Geschichte des Pustertales und dieses Teils Süd-Tirols gehört diese Burg unweigerlich dazu.
In der Hofburg von Brixen findet man noch zusätzlich wertvolle Ausstellungsstücke dieser Burg.
Und es wird noch ständig weitergesucht und gegraben und gefunden…
Jedem, der diese Burg besucht, wird klar, dass Menschen immer nur die Technologie verbessert haben, aber immer nur das Eine wollten: Die Verbesserung ihrer Überlebensfähigkeit. Ohne Neid und Hass und Mord und Totschlag.
In der Schnitzkunst der Süd-Tiroler steckt viel Uriges, was man in den Hinterlassenschaften von hier finden kann. Eindrucksvoll.
In den alten Gewölben steckt mehr als man vermuten möchte…
Man sollte nur versuchen, zu verstehen, was einer oder eine uns da mitteilen wollte, über Jahrhunderte hinweg! Mit den Mitteln von damals.
Gunther Knötig, der Sohn der Familie, die aus einer ruinösen unscheinbaren Burg die Sonnenburg des Pustertales wiederauferstehen ließen.
Gründer-Sohn Gunther Knötig versucht es.
In diesem Fels haben hunderttausende von Menschen ihre Spuren hinterlassen, eisenbeschlagene schwere Räder, genagelte Schuhe, Sandalen, bloße Füsse…
Der Abgang zum Park und zum Pool…
Der Park-Blick in Richtung Burg.
Ein Blick noch in den frühjährlichen Innenhof der Sonnenburg. Hier kann man schon die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres genießen… – Bild: Nicole Nell
Ein Teil des Panoramas der Sonnenburg. Der Name hat nicht das Geringste mit der „Sonne“ zu tun, aber das erklärt Ihnen gerne mit Emphatie Gunther Knötig ad personam.

Mit diesen Bildern will ich nur sagen, dass es viele hunderttausend von Menschen gibt, denen dieser Kontinent die EU verdankt. Es ist grauenhaft daran zu denken wieviele Grenzen, vor allem politische, nationale, davor überwunden werden mussten, wollte man quer durch Europa fahren. Das heute Unfassbare habe ich tatsächlich bis ins kleinste Detail erlebt. Sogar der Wetterbericht in den Medien war ein offizieller, nationaler Wetterbericht, so, als würde Wetter eben nur national stattfinden. In Tirol etwa, aber nicht in Süd-Tirol, in Kärnten zum Beispiel, aber nicht in Jugoslawien oder in Friaul. Das Wetter war österreichisch, hatte österreichisch zu sein, herausgegeben von der „Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik“, jede Stunde in Anschluß an die „Weltnachrichten“. Reste davon lassen sich auch heute noch erleben. Nie werde ich vergessen, welches Echo damals ausgelöst wurde, als das Studio Kärnten und das Studio Steiermark (beide ORF) in der jeweiligen regionalen Hörfunk-Sendung „Mit Musik ins Wochenende“ einen speziellen lokalen Wetterbericht eingeführt hatten. Diese Live-Sendung lief jeden Freitag ab 17:10 Uhr. Für Kärnten gab der Chef der Flugwetterwarte Klagenfurt-Annabichl, Herr Dr. Gressl, Auskunft über das zu erwartende Wochenend-Wetter. Er bezog das Wettergeschehen in den benachbarten Regionen mit ein, also das Wetter im heutigen Slowenien, in Friaul-Julisch-Venetien und in Österreich. Die Lage in den Nachbarländern beeinflußte natürlicherweise die Wetter-Wochen-End-Situation in Kärnten. Das war ein sogenanntes „Aha-Erlebnis“ für unsere Hörerinnen und Hörer von damals.

Das "Meerscheinschlössl in Graz. Ort der Aufführungen des "Peter Squenz" von Andreas Gryphius.
Ein verregneter Proben-Nachmittag vor dem „Meerscheinschlössl“ in Graz. Die Kabel für die abendliche Bühnenbeleuchtung sind bereits verlegt. Die Bühne steht auch schon. Diesmal mit trittfest verlegten Brettern. Die zwei Figuren an denen unsere Kabel befestigt waren, stammen aus den Jahren um 1730. Sie stehen auch heute noch.

Ein „Aha-Erlebnis“ waren auch unsere Aufführungen im Meerscheinschlößl zu Graz. Sie fanden zu einer Zeit statt, als die Existenz dieses Schlosses gerade diskutiert wurde. Es ging darum, ob man dieses Bauwerk aus den Jahren um 1580 einfach abreissen sollte, um Neuerem Platz zu machen. Es war schon ziemlich heruntergekommen, das alte Schloss. Und es haben sich daran schon Einige zu schaffen gemacht, was nicht zu übersehen war. Wir waren sozusagen der letzte Versuch dieses Objekt wieder zu beleben. Irgendjemand wollte jedenfalls wissen. Wie auch immer, im sogenannten „großen Saal“, unter den Fresken aus den Jahren um 1700, haben wir uns umgezogen und geschminkt. Es war unsere Garderobe. Über unseren Köpfen, ziemlich nahe an den Deckenfresken, war bereits ein sogenannter Akustikvorhang angebracht, bestehend aus einfachen Plastikschnüren. Es war damals der Technik letzter Stand. Angeblich hätte sich das bereits bei klassischen Konzerten vor einiger Zeit sehr positiv ausgewirkt. Auf uns strahlte aber nichts ab davon, wir benutzten diesen ehrwürdigen Saal auch nur als Garderobe. Gespielt wurde draußen, im Freien. Das Publikum saß auf Park-Bänken. Wir taten alles, um möglichst authentizitär zu wirken. Auf Fackeln mussten wir aus feuerpolizeilichen Gründen verzichten. Das Schloß diente nur als Kulisse, ideal für das barocke Schimpf-Spiel um die „Absurda Comica oder Herr Peter Squenz“ von Andreas Gryphius. Dieser Lyriker ist eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten des Barock. Durch meine intensive literatur-geschichtliche schulische Ausbildungszeit war ich ausserdem Gryphius-minded. Ungefähr um 1650 entstanden beide, sowohl Schimpf-Spiel als auch Schloß. Authentizität wohin man an den Abenden der Aufführung auch blickte! Es gab genug zu sehen, zu spüren und zu fühlen!

Das barocke Schimpf-Spiel "Absurda Comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius vor dem Meerscheinschlößl in Graz: Erhard Koren als Pyramus im "Spiel im Spiel" während einer kurzen Hauptproben-Pause.
Erhard Koren als Pickelhäring bzw. Pyramus im „Peter Squenz“ vor dem Grazer Meerscheinschlößl während einer kurzen Rauch-Pause in einer der Hauptproben.
Die Mannschaft des "Peter Squenz" bei der Vorstellung.
Die angeblichen Schauspieler werden vom Schulmeister und Schreiber Peter Squenz vorgestellt. Ganz normale Handwerker geben vor, professionelle Schauspieler zu sein. Der Vorhang im Hintergrund der improvisierten Bühne spielt eine wichtige Rolle, dahinter soll sich Peter Squenz als Souffleur und Regisseur verbergen. Die Akteure im Spiel von links nach rechts: Kollege Platzer (so ich mich richtig erinnere) als Mond, Kollege Sternik als Mauer, Erhard Koren mit wuchtigem und wichtigem Holzschwert als Pyramus, Meinrad Nell als Thisbe mit blonder Perücke und zwei köstlichen Äpfeln an Stelle der knackigen Brüste, und Kollege Schützenhofer (falls mir die Erinnerung keinen Streich spielt) als Brunnen.
Kollege Sternik als Mauer und Meinrad Nell (rechts) als Thisbe in "Absurda comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius im Meerscheinschlößl in Graz.
Kurt Sternik mit seiner bereits leicht lädierten Mauer, davor verzehrt von Liebe Meinrad Nell als Thisbe. Von Mal zu Mal, also von Vorstellung zu Vorstellung, entdeckten wir das Ausmaß der Outrage. Von Mal zu Mal wurde der Erfolg größer. Von Mal zu Mal dankte uns das Publikum intensiver. Wir begriffen, was wir unter „Massen-Intelligenz“ zu verstehen hatten. Und es wurde uns klar, dass der barocke Autor dieses Schimpf-Spiels genau dieses Problemfeld, diese „Weisheit der Vielen“, in ein Bühnen-Stück gesetzt hatte.
Meerscheinschlößl Graz: "Absurda comica oder Herr Peter Squenz von Andreas Gryphius". Von links nach rechts: Koll. Schramm (Löwe), Koll. Schützenhofer (Brunnen), Meinrad Nell (Thisbe), Koll. Platzer (Mond).
Der Mond legt sein silbriges Licht über die Landschaft. Ein Brunnen plätschert romantisch vor sich hin. Thisbe wartet sehnsuchtsvoll auf Pyramus. Doch statt ihm schleicht sich heimtückisch der Löwe heran. Die tragikomische Situation wird unterbrochen von einem hungrigen Flohbiß in Meister Klotz-Georges vulgo Thisbes (Meinrad Nells) Ferse. Situationen wie diese bietet „Peter Squenz“ in Hülle und Fülle. Nur die menschliche Phantasie bietet hier Grenzen für Darsteller und Regie und Technik. Zur Erbauung des Publikums.
Meerscheinschlößl Graz. "Absurda comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius. Von links nach rechts: Josef Schwarz (Peter Squenz), Erhard Koren (Pyramus), Meinrad Nell (Thisbe), Koll. Schützenhofer (Brunnen).
Peter Squenz (Josef „Pepperl“ Schwarz), Regisseur und Souffleur der Aufführung von „Pyramus und Thisbe“, kann nicht glauben, was sich da vor seinen Augen auf der Bühne abspielt: Da liegt Pyramus (Erhard Koren) angeblich tot auf den Brettern, Thisbe (Meinrad Nell) kommt hinzu, sieht ihren Geliebten bewegungslos darnieder liegen, fasst den Entschluß auch nicht mehr weiterleben zu wollen, greift sich das wuchtige Schwert Pyramus´, rammt es mit dem Griff nach unten in die Bretter, greift sich den linken Apfel im Büstenhalter, holt ihn hervor, spiesst ihn auf das Schwert und bricht selbst wie leblos über Pyramus (Erhard) zusammen. Ob der Komik dieser Szene müssen alle herzlich lachen, auch der geliebte Pyramus. Die blonde Perücke Thisbes mit dem Köpfchen Meinrads darunter fiel darob in ein ewiges rauf und runter… So hat es im Park des Meerscheinschlößls zu Graz wohl noch nie gebebt.
Arbeitspause vor dem Meerscheinschlößl in Graz. Meinrad Nell im Zuschauerraum.
Ausruhen und Rauchen. Unerlässlich im ausklingenden 20.Jahrhundert. Die Parkbänke im Zuschauerraum. In aller Ruhe einwirken lassen der Gartenfassade des Schloßes, der jahrhunderte alten Figurinen, der aufgebauten Bühne. Über die Reflektion meiner darzustellenden Rolle stellte sich mir dann ein modischer Neubau an Stelle des Meerscheinschlößls dar. Um so engagierter war dann die Darstellung des Meisters Klotz-George und der Thisbe.

Die Zeit beim und für das „Junge Theater“ hat mir sehr viel bedeutet. Da habe ich nicht nur gelernt mit Menschen umzugehen, sondern dies auch erfahren, mit Menschen in Gruppen, gleichgültig wieviele sie auch waren. Je umfangreicher desto kompakter war diese Menge, diese „Masse“. Bis zum „Jungen Theater“ hatten wir im dramatischen Unterricht wohl die Umsetzung der sogenannten „Rollen“ erlernt und erfahren, inklusive dem ganzen Drumherum, aber niemand erklärte uns die Zusammenhänge des Wechselspiels zwischen Sender und Empfänger. Weiter als bis zum Regisseur – Frauen in dieser Funktion waren äußerst selten damals – hatte es nicht zu gehen, was immer wir zu senden bereit waren. Vor der Bühnenrampe schien das Unaussprechliche zu existieren. Da saß ja auch die Regie. Bis zur Premiere. Ab diesem Augenblick saßen da nur noch Empfänger, viele, viele Empfänger, welche vorgaben ein Einziger zu sein. Und diesem stellten wir unsere Vorstellung gegenüber. Unsere – im besten Falle jenes, was wir uns gemeinsam mit der Regie erarbeitet hatten. Wir hingen also alle vom Nicht-Artikulierten ab. Geredet wurde über auslösende Mechanismen oder Effekte nur hinter vorgehaltener Hand, in vertraulichem Gespräch, so als ob es ein Geheimnis wäre, welches mir anvertaut worden ist. Jeder Einzelne blieb sich demzufolge selber und den Gerüchten, dem Hören-Sagen, überlassen. Hattest Du einmal begriffen, dass vor der Rampe Deine Empfänger sassen, wurdest Du auch nur einmal mit ihnen konfrontiert, warst Du schon Bestandteil dieser Welt. Ein kleiner Teil des Bestandes dieser Welt, welche zu dieser Zeit aus Bühnen, Mikrofonen und Laufbild-Aufnahme- und Wiedergabe-Geräten bestand. Warst Du einmal dieser Teil, kam es nur mehr darauf an, wie intensiv Deine Auseinandersetzung mit den Empfängern war, wie groß dementsprechend auch Dein persönlicher Erfolg geworden ist.
Das „Junge Theater Graz“ allerdings wurde mit Dieters Gang zum ORF-Wien und meinem Gang zum ORF Kärnten mit einem Mal alt. Altklug möglicherweise.