Der Bludenzer Schokoladen-Zug

Ich ging noch nicht zur Schu­le, da mach­te ich schon bei Preis­aus­schrei­ben mit, bei Gewinn­spie­len. Ein­mal gewann ich einen “Rondo”-Ball, ent­we­der war das ein Fuß­ball aus Kunst­stoff oder ein Hand­ball. Rot war er jeden­falls und in einer Art Qua­drat stand “Ron­do” zu lesen, soweit konn­te ich Schrift bereits ent­zif­fern. Ohne noch in die Schu­le gegan­gen zu sein. Kunst­stoff war Ende der 1940er Jah­re beson­ders “in”, ein Zei­chen für Fort­schritt. Wobei die Pro­du­zen­ten selbst nicht wuss­ten, in wel­che Rich­tung. Nur die Rich­tung des Wer­te­flus­ses kann­ten sie schon, klar. Von der Geld­bör­se in die Kas­se. Das war das Wich­tigs­te. Und dann gewann ich eine Fahrt nach Vor­arl­berg. Kurz vor­her hör­te ich, wie der Ver­tre­ter einer Fir­ma zu mei­ner Mut­ter sag­te: “Des mouch ma schou, Frao Nöll, jou des ischou in Ourd­n­unk!” (Gra­ze­risch für: Das machen wir schon, Frau Nell, ja, das ist schon in Ord­nung.) Dass Vor­arl­berg zu dem Land gehör­te, in dem ich auf­wuchs, wuss­te ich schon. Dort soll­ten außer­dem Fran­zo­sen sit­zen, das hör­te ich wie­der­um von den Erwach­se­nen. Und das ver­stand ich wie­der­um nicht ganz, denn bei uns saßen ja Eng­län­der. Sei es, wie es sei: Ich hat­te also die­se Fahrt gewon­nen, so wie es der Herr Ver­tre­ter geweis­sagt hat­te. Ich bekam ergo einen Brief von der Fir­ma Suchard, des­sen Scho­ko­la­de ich ja hin und wie­der ver­zehr­te, und durf­te mich zu den stol­zen Gewin­nern zäh­len, wozu man mir gratulierte!

Ein Milka-Plakat aus dem Jahre 1955
Ein his­to­ri­sches Pla­kat aus dem Jah­re 1955. Die­ses Sujet hat sich in mir ein­ge­brannt. Ich war ja auch täg­lich damit kon­fron­tiert, bin ja mehr­mals an den Scho­ko­la­den vor­bei­ge­gan­gen. In wel­cher Stim­mung auch immer.

Der Tag der Abrei­se kam näher, die Erre­gung und Ner­vo­si­tät stieg. “Ganz in der Früh” sol­le ein Son­der­zug von Graz weg­fah­ren, sag­ten mir mei­ne Eltern und dass ich nicht allei­ne sei, es hät­ten in ganz Öster­reich so und so vie­le gewon­nen. Irgend­wo auf der soge­nann­ten “West­stre­cke”, ich neh­me an in Salz­burg, wür­den wir auf die ande­ren Son­der­zü­ge tref­fen und dann unter dem Arl­berg hin­durch nach Vor­arl­berg fah­ren, nach Blu­denz, wobei wir auch jene mit­neh­men wür­den, die aus Tirol kom­men wür­den. Wir waren wohl eini­ge Tage unter­wegs, denn damals ging ja alles viel, viel lang­sa­mer und bedäch­ti­ger, beson­ders die Eisen­bahn. Da wur­den Signa­le und Schran­ken und Wei­chen noch mit der Hand geschal­tet und die Loks wur­den manu­ell befeu­ert. Elek­tri­zi­tät stand nur teil­wei­se zur Ver­fü­gung.
Mei­ne Mut­ter brach­te mich zum Bahn­hof. Das war ein Tru­bel und Jubel! Die Gewin­ner und deren Eltern, Betreue­rin­nen vom Roten Kreuz, Män­ner mit gro­ßen Laut­spre­chern in den Hän­den, Tech­ni­ker, die irgend­wo außen an den Wag­gons die­se Gerä­te mon­tier­ten, Eisen­bahn­be­diens­te­te aller Art, man­che davon schwan­gen rie­si­ge Häm­mer gegen die Räder, was wie­der­um hell durch die Luft klang, ein Rufen, Jauch­zen, Ärger, der sich Raum schaf­fen muss­te, Bus­si hin, Bus­si her, “Sea­wass, Wida­segn, Baba” (Gra­ze­risch: Ser­vus, Wie­der­se­hen, babá nicht Pápa!). Das alles ver­misch­te sich mit dem Zischen der Loko­mo­ti­ven und den weiß­li­chen Dampf­wol­ken und dem Sur­ren der durch Akkus betrie­be­nen Wägel­chen von Post und Bahn­post und dem lei­sen aber drän­gen­den Hupen die­ser Gefähr­te. Lang­sam beru­hig­te sich das Getüm­mel. Wag­gon­tü­ren wur­den laut zuge­schla­gen. Die Loko­mo­ti­ve gab einen lan­gen, ein­dring­li­chen Pfiff von sich, die Eltern – auch mei­ne Mut­ter – drau­ßen am Bahn­steig tra­ten zurück, began­nen ihre Liebs­ten zu ver­ab­schie­den, indem sie feuch­te Augen beka­men und wink­ten und hel­le Tücher schwenk­ten. Ich hat­te das Glück in dem Sech­ser-Abteil, das ich bezie­hen muss­te, eines der obers­ten Bet­ten zu ergat­tern, so, dass ich über die Köp­fe der Mit-Rei­sen­den hin­weg mei­ne Mut­ter etwas län­ger beob­ach­ten konn­te. War­um wir schon in aller Frü­he die Lie­ge­po­si­ti­on ein­neh­men muss­ten, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Wir hat­ten nicht das gerings­te Schlaf­be­dürf­nis. Die Anfangs-Unter­hal­tung dreh­te sich jeden­falls um Vor- und Nach-Tei­le für jeden Ein­zel­nen in unse­rem Abteil, also ob es für den­je­ni­gen, der ganz unten zu lie­gen kam mehr Vor- als Nach-Tei­le gäbe, wie es für den­je­ni­gen in der Mit­te stün­de und für den­je­ni­gen ganz oben. Ich fühl­te mich ganz gebor­gen hier her­oben, über mir gab es nur noch das Wag­gon­d­ach, der­je­ni­ge unter mir küm­mer­te mich ja nicht und um von oben wie­der hin­un­ter zu kom­men, dafür gab es ja die kur­ze Lei­ter. Warm war es außer­dem und das Fens­ter konn­te man sowie­so einen Spalt öff­nen, wegen der bes­se­ren Luft. Aber das behielt ich für mich.
Die Fahrt war damals eine logis­ti­sche Meis­ter­leis­tung, für ÖBB und Rotes Kreuz und natür­lich Suchard selbst. Kei­nen ein­zi­gen Augen­blick wur­de uns lang­wei­lig, immer wie­der husch­ten vor dem Abteil Betreue­rin­nen vor­bei. Allen Erns­tes: Ich kann mich an kei­ner­lei Klo-Gän­ge zurück­er­in­nern. Auch nicht an das Gegen­teil, an irgend­ein Essen. Ich kann mich auch nicht ent­sin­nen, dass wir uns umge­zo­gen hät­ten zum Schla­fen, oder dass wir uns wenigs­tens wie die Kat­zen gewa­schen hät­ten. Ich kann mich auch nicht erin­nern, dass wir jemals eine Durch­sa­ge gehört hät­ten, die über die mon­tier­ten Laut­spre­cher gekom­men wäre. Obwohl das Schla­fen in die­sem Wag­gon fürch­ter­lich woh­lig in Erin­ne­rung geblie­ben ist. Ich fühl­te mich wirk­lich hei­me­lig in die­sem Eisen­bahn­wa­gen. Das Rat­tern und Wei­chen-Schau­keln quer durch Öster­reich hin und zurück war beru­hi­gend und ein­schlä­fernd. Wir Rei­sen­den hat­ten uns viel zu sagen, viel für uns Wich­ti­ges. Wir hat­ten ja auch schon ein paar Jähr­chen an akti­vem Leben hin­ter uns! Und irgend­wann wur­de es fins­ter in unse­rem Abteil und die Gesprä­che ver­stumm­ten und der Zug rat­ter­te und schau­kel­te und drau­ßen bim­mel­te eine Schran­ken­si­che­rung kurz auf und ver­b­am­mel­te sich wie­der und so schlie­fen wir ein.
Wie das alles die Betreue­rin­nen und Betreu­er gema­na­ged hat­ten, ist mir bis heu­te rät­sel­haft. Auch an unse­rem Ziel-Bahn­hof in Blu­denz lief alles ohne Auf­se­hen und Auf­re­gung ab. Gleich in der Nähe war die Scho­lo­la­de­fa­brik, es roch über­all nach Suchard und es waren eine Unmen­ge an Kin­dern da, sehr gut orga­ni­siert, nir­gend­wo muss­te ich lan­ge war­ten. Geges­sen wur­de offen­sicht­lich in der Werks­kan­ti­ne. Was es war, dar­an fehlt jede Erin­ne­rung. Ich ging an vie­len Maschi­nen vor­über, ich weiß nur nicht an wel­chen, irgend­wo kamen wir an Behäl­tern mit Kakao-Boh­nen vor­bei. Wir durf­ten sie anfas­sen, begrei­fen, kos­ten. Dann kamen wir zu Maschi­nen, die einen Brei in ihren Kes­seln hat­ten und über­all duf­te­te es nach Süßem, nach Kakao und Scho­ko­la­de. So wie ganz Blu­denz nach Scho­ko­la­de  roch, man­ches­mal, das kam auch auf den Geruchs­ort an, fast schon zu viel. Dann war da ein Band auf dem fer­ti­ge Tafeln zu sehen waren. Wel­che das waren, weiß nicht. Ich war wohl noch zu klein. Und so ließ ich mich durch die Fabrik füh­ren. Voll­be­packt mit Suchard-Pro­duk­ten bestie­gen wir wie­der unse­ren Son­der­zug. Aber der Schrift­zug Suchard und Mil­ka hat sich bei uns ein­ge­prägt für ein gan­zes Leben.  Irgend­wann schlie­fen wir uns heim. Es tat gut, wie­der zu Hau­se zu sein. Aber das Erleb­nis Blu­denz und Suchard woll­te kei­ner von uns je mis­sen. Wir hat­ten viel zu erzäh­len und wei­ter­zu­ge­ben. Vor allem die Erfah­rung einer Scho­ko­la­den-Fabrik und eines Scho­ko­la­den-Zuges. Gleich dar­auf hat es mil­ka-blaue Pap­pen­de­ckel-Rol­len gege­ben mit einer Art mil­ka-blau­en Zopf zum Öff­nen und drin­nen war run­de Scho­ko­la­de in der Form von Talern, mil­ka-blau ver­packt, es gab dann klei­ne mil­ka-blaue “Naps”, und als Jahr­zehn­te spä­ter die blaue Kuh auf grü­nen Almen kre­iert wur­de, taten wir uns leicht uns mit ihr zu identifizieren.

Das Ziel unserer Reise in die Kinderwelt der Schokolade. Bludenz vor oder hinter dem Arlberg. Wo genau das lag wussten wir ja noch nicht. Irgendwo im Westen Österreichs, also dort drüben. Suchard war uns allen schon ein Begriff, alles andere existierte noch nicht.
Das Ziel unse­rer Rei­se in die Kin­der­welt der Scho­ko­la­de. Blu­denz vor oder hin­ter dem Arl­berg. Wo genau das lag wuss­ten wir ja noch nicht. Irgend­wo im Wes­ten Öster­reichs, also dort drü­ben. Suchard war uns allen schon ein Begriff, alles ande­re exis­tier­te noch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.