“Die Dilettanten” im Forum Practicum

Mög­li­cher­wei­se war er jener Pres­se­fo­to­graf, wel­cher Jür­gen, mei­nen Jugend­freund, und mich am Gra­zer Haupt­bahn­hof ablich­te­te als wir einen Schluck des spru­deln­den Was­sers aus dem ers­ten jung­fräu­li­chen Gra­zer Trink­was­ser­brun­nen ent­nah­men. War er das tat­säch­lich, hat er uns das gan­ze Gra­zer Leben lang beglei­tet. Er war bei jedem Event in der nicht gera­de even­tar­men Gra­zer Welt zu tref­fen, immer mit Kame­ra und Blitz­licht­ap­pa­ra­tur: Ste­fan Amsüss, Pres­se­fo­to­gaf. Fünf sei­ner Fotos haben bei mir bis­lang über­lebt. Viel­leicht ent­de­cke ich noch mehr in den uner­gründ­li­chen Tie­fen mei­ner Samm­lung aus dem ers­ten fried­vol­len Jahr­hun­dert Euro­pas. Ste­fan Amsüsss jeden­falls hat Gra­zer leben­di­ge und tat­säch­li­che Geschich­te doku­men­tiert. Selbst dies­be­züg­lich erfolgt in den gegen­wär­ti­gen Jah­ren ein sehr tief gehen­der Ein­griff in unse­re Denk- und Vor­stel­lungs­wei­sen. Auf­grund der Digi­ta­li­sie­rung und des erfor­der­li­chen logi­schen Gedan­ken-Auf­baus bekommt “Leben” lang­sam die Ober­hand, das ana­lo­ge und zwin­gend ein­fa­che “Ein­fach-nur-Tun” – mit wel­chem Hin­ter­grund auch immer – wird Mal für Mal unwich­ti­ger. Das lehrt uns etwa die neue inves­ti­ga­ti­ve Archäo­lo­gie mit all ihren aktu­el­len Ana­ly­se­me­tho­den bis hin zu den Boden­scans. Das bringt uns auch die Neue Geschichts­schrei­bung nahe, da wird uns erst klar, dass wir jahr­hun­der­te­lang das Fal­sche über­nom­men haben, aber wir wer­den kor­ri­gie­rend ein­grei­fen, wir wer­den in den kom­men­den Jah­ren in vie­ler­lei Hin­sicht ent­las­tet und wir wer­den uns selbst von so vie­len Zwän­gen und Miß­ver­ständ­nis­sen befrei­en, wobei das größ­te Miß­ver­ständ­nis wohl im Ana­lo­gen liegt. Es pro­du­ziert eben­falls Müll, jede Men­ge. Auch das in vie­ler­lei Hin­sicht. Und immer mehr  von den bis­her füh­ren­den Ver­tre­tern der ana­lo­gen Welt wer­den zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Der Bereich der vita­len Mensch­heit ist ein­deu­tig und klar im Wer­den. Ste­fan Amsüss hat sich aus die­sem Grun­de ein klei­nes Geden­ken ver­dient.

Stefan Amsüss 1964 Graz Forum Stadtpark
Akri­bisch genau kata­lo­gi­siert: Film 1.827, Bild 22A – Ort: Forum Stadt­park Graz, “Die Dilet­tan­ten”, Reneé de Obal­dia “Das Opfer des Hen­kers”. – Vie­len Dank, Ste­fan Amsüss!

Wir waren zwar noch kei­ne aka­de­mi­schen, uni­ver­si­tä­ren, amt­lich geprüf­ten “Schau­spie­ler”, aber wir waren immer­hin “Ele­ven” und misch­ten ganz tüch­tig mit im Kul­tur­be­trieb der Stei­er­mark. Und damit auch Öster­reichs. Das Forum Stadt­park in Graz bot uns reich­lich Gele­gen­heit dazu. Wir gaben uns den Namen “Die Dilet­tan­ten” und dilet­tier­ten unter ande­rem mit dem revo­lu­tio­nä­ren “Das Opfer des Hen­kers” aus der Feder Renée de Obal­di­as am 20.4.1964 unter der Regie Hans Wota­was. Ein sehr enga­gier­ter “Dilet­tant” war auch Klaus Wit­zel­ing, der nach eini­gen pak­ti­schen Thea­ter­jah­ren sei­ne Zukunft im Thea­ter­jour­na­lis­mus gefun­den hat. Das letz­te öster­rei­chi­sche tra­di­tio­nel­le poli­ti­sche Kaba­rett “Der Wür­fel” fand eben­falls sei­ne Hei­mat im Gra­zer Forum Stadt­park. Der Atem unse­rer Genera­tio­nen war plötz­lich, über Nacht, unüber­hör­bar gewor­den und nicht mehr zu über­ge­hen. Es waren so klei­ne Details, wie das alte Fahr­rad mei­ner Mut­ter, das auf­grund einer Spon­tan-Idee von Wolf­gang Bau­er in sei­ner Show “Bau­er heißt die Corn­eil­le” eine nicht unwe­sent­li­che Rol­le spie­len soll­te. Getre­ten wur­de das Fahr­rad auf der Büh­ne des Forums im übri­gen vom Kol­le­gen Ishwa­ra Erhard Koren, dazu­mal war er noch schlicht und ein­fach der “Erhard”. Es gab in die­sen Jah­ren noch kei­ne ein­ge­schwo­re­ne Inter­es­sens­grup­pie­rung unter uns, es war alles unvor­ein­ge­nom­men, unbe­schwert, frei und nicht nor­miert. Jeder hat jeden unter­stützt. Ohne lan­ge zu fra­gen oder hoch­ar­gu­men­ta­tiv zu dis­ku­tie­ren. Gen­der-Debat­ten hat es damals sowie­so nicht gege­ben, das war unvor­stell­bar. Aus­ser­dem beweg­ten wir uns in einer Welt, wo der Begriff “gen­der” nicht exis­tent gewe­sen war.

Die Familie des "Henkers" von Renée de Obaldia im Forum Stadtpark Graz
v.li.n.re.: Chris­ti­ne Wall­ner, hin­ter dem Scha­fott ein Kol­le­ge an den ich mich nicht mehr erin­ne­re als Hen­ker, Mein­rad Nell als “Opfer des Hen­kers” von Renée de Obal­dia im Forum Stadt­park Graz. Bild: Ste­fan Amsüsss

Die Rol­le der Geschlech­ter war und ist aber immer noch ein nicht ganz ver­ar­bei­te­tes Pro­blem der Mensch­heit. Lite­ra­tur und Unter­la­gen dar­über gibt es jede Men­ge. Zurück­zu­füh­ren scheint es auf die “Jäger und Samm­ler­zeit” der Mensch­heit zu sein. Die berüch­tig­te, berühm­te, gefürch­te­te und belieb­te Rol­le der “Beset­zungs­couch” hat­te sich unter uns Ele­ven sehr bald als geflü­gel­tes Wort her­um­ge­spro­chen, war uns nicht nur bekannt, son­dern wur­de als gege­ben hin­ge­nom­men und als Macht­spiel­chen akzep­tiert. Unab­hän­gig vom Geschlecht. Unab­hän­gig vom Beruf. Unab­hän­gig vom sozia­len Sta­tus oder der Kul­tur. Beset­zungs­cou­ches waren und sind all­ge­gen­wär­tig.
All­ge­gen­wär­tig war unter uns Jugend­li­chen auch der Ruf eines bestimm­ten Bereichs des Gra­zer Stadt­parks. Betrof­fen war der Weg von der Gla­cis­stra­ße bis hin zur Erz­her­zog-Johann-Allee. Vor allem wenn es dun­kel wur­de. Die Beleuch­tung durch Gas­la­ter­nen fiel da sehr, sehr oft aus und es trie­ben sich dunk­le, fins­te­re Gestal­ten umher. Wir getrau­ten uns nur in männ­li­chen Grup­pen in die­se Allee oder zu zweit – gespielt händ­chen­hal­tend. Es war die berühm­te Gra­zer “Schwu­len­al­lee”, genau­so berühmt wie der “Bla­komu­ni­platz”, der Gra­zer “Jako­mi­ni-Platz” mit dem kreis­run­den Buf­fet in sei­nem Zen­trum und den abend­lich fins­te­ren Markt­stän­den an sei­ner Sei­te. Aber die­se Plät­ze und Zei­ten sind bereits über­wun­den. Hof­fent­lich. Es war eine schreck­lich ver­lo­ge­ne Zeit. Mei­ne geschlecht­li­che Ori­en­tie­rung hat sich im übli­chen Zeit­rah­men gesi­chert fest­ge­setzt und ich kam dahin­ter, dass alles ande­re in Bezug auf Gen­de­rei­en sowie­so nur hei­ße Lüf­te waren und zur Instru­men­ta­li­sie­rung weid­lichst genutzt wur­de. Ich kann mich an die unter­halt­sa­men Abend­essen bei Mari­on und ihrem Freund erin­nern, wobei Mari­on rea­li­ter Mario hieß und ihren gemein­sa­men “freund­schaft­li­chen” Haus­halt führ­te. Die Bei­den waren Solo­tän­zer an der Gra­zer Oper. Mario war eine aus­ge­zeich­ne­te Köchin. Da fällt mir auch wie­der jener Kol­le­ge im Kla­gen­fur­ter Funk­haus ein, der im ers­ten Stock vor unse­rem gro­ßen Hör­spiel­stu­dio mit­ten unter Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf sei­ne Auf­nah­me war­te­te und an dem ich auf dem Wege in ein ande­res Ton­stu­dio im glei­chen Stock­werk vor­bei muss­te und dem ganz “exci­ted” ent­fuhr: “Mensch doch, der Nell, der hat schon was in der Hose!”. Wem wäre so ein zwin­gen­der Aus­ruf schon gesche­hen? Noch dazu hat mich die­ser erst auf­merk­sam gemacht auf mei­ne pri­vati­men Eigen­hei­ten, in deren Genuß nur hete­ro­ge­ne Part­ne­rin­nen kamen. Oder Jah­re spä­ter als ich genüss­lich schla­fend in der Nach­mit­tags­son­ne am obe­ren Pool des heu­te bereits zur Geschich­te Mal­tas gehö­ri­gen “alten” Mal­ta-Hil­ton lag und durch eine vibrie­rend-ero­ti­sche offen­sicht­lich weib­li­che Stim­me geweckt wur­de, die irgend­et­was wis­sen woll­te. Toten­stil­le herrsch­te plötz­lich rings­um­her. Auch der Pool selbst schien erstarrt zu sein. Als ich mei­ne Augen schlaf­trun­ken auf­schlug, stand vor mei­ner Son­nen­lie­ge ein per­fekt aus­ge­stal­te­tes Traum­we­sen im eben­so per­fekt knapp sit­zen­den Biki­ni. Die Bli­cke und Gedan­ken der anwe­sen­den Pool-Besu­cher waren fixiert von die­sem aus­ser­ir­di­schen Wesen. Und die­ses Wesen annek­tier­te und ver­führ­te mich an die Pool-Bar. Ab die­sem Augen­blick gehör­te ich die­sem Wesen, eine gan­ze Woche lang! Tony Butt­i­gieg de Piro, Hotel-Mana­ger und ver­dien­ter Mal­te­ser, hat­te ver­sucht mich – wie man auf gut öster­rei­chisch sagt – zu “legen” indem er mir die Ankunft des welt­weit bekann­ten Lon­do­ner Trans­ves­ti­ten ver­schwieg. Aber mein aus­ge­präg­tes Gefühl für Zusam­men­hän­ge und schlag­ar­ti­ge Erkennt­nis­se lie­ßen mich auch in Mal­ta nicht im Stich. Noch dazu waren Flug­plä­ne damals sehr über­schau­bar. Also stieg ich in das schö­ne Spiel­chen ein und ließ mich annek­tie­ren. Ich habe die­sen sel­te­nen Momen­ten viel zu ver­dan­ken. Ich habe sehr, sehr viel gelernt von jenen, die da in unse­ren geo­gra­phi­schen Brei­ten ver­dammt waren, ver­flucht, ver­leug­net und was weiß ein Unwis­sen­der und des­we­gen Ver­lo­re­ner sonst noch alles! Ich habe jeden­falls die Vor­ur­teils-Frei­heit, die Akzep­t­antz, schät­zen gelernt. Schon in die­sen Jah­ren. Natür­lich zähl­ten dazu die Besu­che im loka­len Bereich im Gra­zer Thea­ter-Café inklu­si­ve Pia­nis­tin, bei der man ein Stein im Brett hat­te, wenn man sie auf­for­der­te “Mamat­schi, schenk mir ein Pferd­chen” zu sin­gen und zu spie­len. Wenn man sich auch nur ein wenig mit die­sem Lied beschäf­tig­te, hat­te man bald her­au­ßen, war­um und wie­so. Bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den wur­de hier gere­det und dis­ku­tiert, gesun­gen und man­ches mal auch gestrit­ten, jeder mit jedem. Die­ses Thea­ter-Café war vol­ler Atmo­sphä­re, rauch­ver­han­gen, plüsch­mö­bliert. Jeder Besuch brach­te Neu­es in jeder­lei Hin­sicht. Wenn man woll­te, lern­te man neue Bekannt­schaf­ten, ent­deck­te neue Wel­ten, lern­te Din­ge, von denen man bis dato kei­ne Ahnung hat­te.

Meinrad Nell als Sohn des Henkers im Grazer Forum Stadtpark.
Johan­nis­bee­ren­saft und Flie­gen inter­es­sier­ten Mein­rad Nell mehr als die Opfer des Hen­kers und sei­nes Scha­fotts. – Bild: Ste­fan Amsüsss

Nicht die gerings­te Ahnung hat­te ich über die Bezie­hun­gen, wel­che zwi­schen einem Scha­fott und ganz nor­ma­len Stu­ben­flie­gen exis­tie­ren kön­nen, zumin­dest nicht den Gedan­ken Reneé de Obal­di­as nach. Eine Flie­ge als gesell­schaft­li­ches Refle­xi­ons­ob­jekt auf der Büh­ne des Forum Stadt­park. Bes­ser: Meh­re­re Flie­gen, jede ein­zel­ne ein Objekt der Refle­xi­on. Jeden Abend neu Erstan­den, mit mole­kül­haf­ten Ände­run­gen, Ver­bes­se­run­gen viel­leicht. Die Lie­be zu den Flie­gen. Mit den Fin­gern der hoh­len Hand aus der Luft vor dem Scha­fott gekid­napt, spie­lend geknupst und dar­auf­hin in der leicht geöff­ne­ten Hand krab­beln gelas­sen, mit dem Zei­ge­fin­ger der ande­ren Hand den Weg gewie­sen, gefühl­voll gestubst, solan­ge bis sie wie­der­um den vol­len Lebens­wil­len gefun­den, die bei­den Flü­gel zum Dahin­schwir­ren gesetzt hat­ten und sich ver­ab­schie­de­ten, neu­gie­rig ver­folgt von den Bli­cken des Hen­kers­soh­nes. Die­ses Spiel spiel­te ich mehr­mals pro Abend, das heißt, ich spiel­te mit mir und mit dem fühl­ba­ren Dasein der Anwe­sen­den, ließ sie teil­ha­ben an der gedach­ten Exis­tenz der Flie­gen, wobei immer wie­der “Die Flie­gen” von Jean-Paul Sart­re im Hin­ter­grund lau­er­ten. Ich spiel­te mit den fik­ti­ven Flie­gen, so als wären sie real hier und da. Ich sah sie vor mir, muss­te sie sehen. Und sie taten, was ich woll­te. Es fiel mir viel ein, was sie zu tun hat­ten. Den Hügel des einen Fin­ger­glieds muss­ten sie hin­auf, dann in die eine Spal­te zwi­schen zwei der Fin­ger hin­un­ter, den einen Fin­ger ent­lang bis auf die Kup­pe, den äuße­ren Grat des Zei­ge­fin­gers etwa ent­lang bis auf den Dau­men oder so. Ich kos­te­te die jewei­li­gen Reak­tio­nen des Publi­kums aus, konn­te spü­ren dass ich ihre Gedan­ken lenk­te, wobei es immer wie­der ande­re waren, jeden Abend jedes Mal ande­re – ich und das Publi­kum. Es war die ers­te Rol­le wel­che mich den Unter­schied erle­ben ließ zwi­schen Schau-Stel­ler und ‑Spie­ler. Das ers­te Mal in mei­nem Leben fühl­te ich den Einen, viel­fäl­ti­gen Orga­nis­mus.

Christine Wallner und Meinrad Nell und der Henker (Unbekannt).
Chris­ti­ne Wall­ner, Mein­rad Nell scho­cken den Hen­ker (Unbe­kannt) als glück­li­ches Pär­chen. “Das Opfer des Hen­kers” von Reneé de Obal­dia im Forum Stadt­park Graz – Bild: Ste­fan Amsüß

Etwas spä­ter durf­te ich erfah­ren, was in den Sech­zi­ger-Jah­ren wirk­lich pro­fes­sio­nel­le Rol­len-Vor­be­rei­tung bedeu­te­te. Über Ver­mitt­lung von Prof. Ther­wal , unse­rem “Ther­wi”, des Lei­ters der Abtei­lung “dar­stel­len­de Kunst”, durf­te ich drei oder vier Mal das Lan­des­kran­ken­haus Graz besu­chen und mir Rat aus der Pra­xis holen. Da nahm sich einer der Pri­ma­rii die Zeit – es war ein Herr Univ.-Prof. Dr. Ber­ta, mei­ner Erin­ne­rung nach – um mir den Krank­heits­ver­lauf des Osvald in Hen­rik Ibsens “Gespens­ter” mit­füh­len zu las­sen. Zu die­sem Zweck durf­te ich auch ein­mal einen “Ordi­na­ti­ons­gang” durch die soge­nann­te “geschlos­se­ne” Abtei­lung der psych­ia­tri­schen Kli­nik mit­er­le­ben. Hin­ter­her haben wir dann über jene Fäl­le gespro­chen, die mir beson­ders auf­ge­fal­len oder mich beson­ders beein­druckt hat­ten, wie jener Pati­ent der im “Git­ter­bett” saß und unun­ter­bro­chen ver­such­te, die Kno­ten des Netz­ge­flech­tes zu lösen, wel­ches sein Bett wie einen Käfig umhüll­te. Man nann­te ihn übri­gens “Jesus”, er woll­te das so. Es war von Ibsen zwar nicht expli­zit so beschrie­ben, aber es war anzu­neh­men dass sich Osvald im letz­ten Sta­di­um der Syphi­lis befun­den hat­te. Von Sze­ne zu Sze­ne soll­te sich sein Zustand ver­schlim­mern. Natür­lich gibt es da den all­ge­mei­nen medi­zi­ni­schen Sta­tus und natür­lich die Inter­pre­ta­ti­on der Regie und ganz natür­lich noch die per­sön­li­che Mei­nung und Auf­fas­sung der Dar­stel­ler. Das geht bis hin zu Pau­sen und Päu­schen in Neben­sät­zen, die urplötz­lich zu Haupt­sät­zen wer­den kön­nen. Jeder Atem­zug hat im rea­len Leben sei­ne Bedeu­tung und das­sel­be gilt mit ein wenig Über­hö­hung auch für die Büh­ne oder den Film oder das Mul­ti­me­dia­le. Das reicht bis zu kör­per­sprach­li­chen Aus­drü­cken, die genau das Gegen­teil zu dem Gesag­ten bil­den kön­nen. Das alles war neu für mich. Es war eine Rei­se ins Aben­teu­er des Mensch-Seins. Und die­se detail­rei­che Rei­se begann schon lan­ge vor den Vor­be­rei­tun­gen zu ers­ten Pro­ben. 

Ernst Therwal, der Leiter der Abteilung "Darstellende Kunst" der damaligen "Akademie für Musik und darstellende Kunst" in Graz.
Ernst Ther­wal, der Lei­ter der Abtei­lung “Dar­stel­len­de Kunst” der dama­li­gen “Aka­de­mie für Musik und dar­stel­len­de Kunst” in Graz. Er wirk­te auch in einer der ers­ten österr. Nach­kriegs-Film­pro­duk­tio­nen “Weg in die Ver­gan­gen­heit” mit. Gemein­sam mit Leo Stein­hart und Fritz Zecha. Der ers­te österr. Sport­re­por­ter der Medi­en­ge­schich­te, Heri­bert Mei­sel ist in die­sem Film eben­falls zu erle­ben.

Denk­wür­dig war auch die Arbeit an einem Dra­ma von Mar­cel Achard. Das Stück hieß “Darf ich mit­spie­len?”. Das gan­ze Publi­kums-Are­al des Forum Stadt­park wur­de zu einem Zir­kus­rund umge­baut. Ich selbst saß mit­ten im Publi­kum. Bis zu dem Augen­blick, als ich auf­stand und mit  dem Satz “Darf ich mit­spie­len?” in das Gesche­hen im Zir­kus­rund ein­griff. Soll­te ich die­sen Satz noch im Sit­zen von mir geben oder soll­te ich zunächst auf­ste­hen und dann die Fra­ge stel­len? Was woll­te und soll­te ich mit der Fra­ge über­haupt errei­chen? Soll­te ich mich selbst­über­heb­lich geben oder schüch­tern? Fra­gen über Fra­gen. Teil­wei­se wur­den sie beant­wor­tet von der Regie. Die­se führ­te – mei­ner Erin­ne­rung nach – Klaus Kemet­mül­ler. Die rest­li­chen Fra­gen wur­den im Lau­fe der Pro­ben oder auch danach in den vie­len Stun­den der Dis­kus­si­on beant­wor­tet. Vie­le Fra­gen wur­den mei­ner­seits auch gar nicht gestellt. Die waren zu kom­pli­ziert, zu kom­plex. Das fand ich jeden­falls. Sie lagen im sprech­sprach­li­chen Bereich in Ver­bin­dung mit dem Kör­per­sprach­li­chen. Ich konn­te es füh­len, dass die­se Fra­gen nicht hier­her gehör­ten. Wir woll­ten in ers­ter Linie etwas dar­stel­len, wir woll­ten “spie­len”, wir woll­ten aktiv sein, etwas “tun”. Wir woll­ten das bie­ten, was man zur dama­li­gen Zeit nir­gend­wo sonst zu sehen bekam, wir woll­ten “avant­gar­dis­tisch” sein. Das Forum Stadt­park Graz bot uns die Mög­lich­kei­ten.

"Darf ich mitspielen" von Marcel Achard. Den Clown ganz links spielte Kollege Hartwig, so ich mich recht entsinne, den rechts gab Klaus Kemetmüller, der auch Regie führte. Die Dame in meinen Armen ist Inga Weber, damalige Freundin von H.C. Artmann, spätere Frau und Ex-Frau. Sie domizilierten in der Gegend des berühmten Glockenspielplatzes. Da spielte ich also schon ganz intensiv mit.
“Darf ich mit­spie­len” von Mar­cel Achard. Den Clown ganz links spiel­te Kol­le­ge Hart­wig, so ich mich recht ent­sin­ne, den Clown rechts gab Klaus Kemet­mül­ler, der auch Regie führ­te. Die Dame in mei­nen Armen ist Inga Weber, dama­li­ge Freun­din von H.C. Art­mann, spä­te­re Frau und Ex-Frau. Sie domi­zi­lier­ten in der Gegend des berühm­ten Glo­cken­spiel­plat­zes. Da spiel­te ich also schon ganz inten­siv mit. – Bild: Ste­fan Amsüß

Es war eine Zeit des  Auf­bruchs. In der Stei­er­mark. Es war – und ist noch immer – die Zeit des Auf­bruchs in den Umbruch. Das wuss­ten wir damals noch nicht. Das konn­ten wir auch nicht im Ent­fern­tes­ten ahnen. Die Erwach­se­nen damals waren beschäf­tigt mit dem Bewäl­ti­gen der Nach­kriegs­wir­ren. Sie hat­ten noch nicht ein­mal die Zeit sich mit dem Krieg selbst, geschwei­ge denn mit den Ereig­nis­sen zu beschäf­ti­gen, wel­che sie dort­hin gebracht hat­ten. Das wis­sen auch heu­te, 2018, nur eini­ge Weni­ge. Die Mög­lich­kei­ten zur Syn­chro­ni­sa­ti­on wur­den unter­bro­chen. War auch gar nicht gewünscht. “Trans­pa­renz” war voll­kom­men unbe­kannt. In der brei­ten Öffent­lich­keit. Was wir damals auch nicht wis­sen konn­ten, war, dass wir Gele­gen­heit beka­men und natür­lich auch wei­ter­hin bekom­men, uns auf die­sen Umbruch vor­zu­be­rei­ten, teil­wei­se ein­fach nur Erfah­rung zu sam­meln, denn wer hät­te uns das nöti­ge Wis­sen bei­zu­brin­gen ver­mocht? Wer hat das nöti­ge Wis­sen? Noch dazu befin­det sich unse­re Genera­ti­on in einem Alter, wel­ches es zuvor nie gege­ben hat­te. Die meis­ten von uns, wür­den sich schon längst die Radies­chen von unten anse­hen, wie wir damals mein­ten, dafür hät­ten schon die “Her­ren” der ein­zel­nen Natio­nen gesorgt. Viel­leicht hat die Schwarm-Intel­li­genz der Mensch­heit die rich­ti­ge Ant­wort dar­auf. Die immer lau­ter wer­den­de bis­her schwei­gen­de Mehr­heit wird immer unbe­que­mer und die ver­schie­de­nen Strö­mun­gen auf die­ser Welt, die ja nur von eini­gen weni­gen ver­strömt wer­den, end­kämp­fen um die vor­herr­schen­de Macht, wel­che immer schwä­cher wird. Das glo­ba­le Sys­tem  wird den dama­li­gen loka­len Bewe­gun­gen immer ähn­li­cher. Jeden­falls beka­men wir unse­re Chan­cen, von wem auch immer. Und ergrif­fen sie.  So gese­hen hat­te die Fra­ge “Darf ich mit­spie­len?” von Mar­cel Achard damals bei­na­he pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter. 

Inga Weber und Meinrad Nell im Zirkusrund des Forum Stadtpark. Die Gender-Problematik wurde damals schon von Marcel Achard angespielt. Heute eine sehr berührende Dramatik. "Darf ich mitspielen?" in den 60er-Jahren in Graz.
Inga Weber und Mein­rad Nell im Zir­kus­rund des Forum Stadt­park. Die Gen­der-Pro­ble­ma­tik wur­de damals schon von Mar­cel Achard ange­spielt. Heu­te eine sehr berüh­ren­de Dra­ma­tik. – Bild: Ste­fan Amsüß

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