Die Raucherwurzel

Im Erd­ge­schoss mei­nes Mit­tern­dor­fer Traum­hau­ses gab es ein ein­zi­ges Geschäft, ein Geschäft das alles jenes hat­te, was ein Rau­cher-Herz jemals begeh­ren konn­te: Abge­se­hen von Ziga­ret­ten, Ziga­ril­los, Zigar­ren, Tabak für “Ziga­ret­ten-Sel­ber-Wuz­ler” und sol­chen inklu­si­ve Zube­hör für seriö­se Pfei­fen­rau­cher gab es da noch edle Rau­cher-Gar­ni­tu­ren jeder Grö­ße und Aus­füh­rung, vom Luxus­de­sign bis hin zum Aschen­be­cher für den Kon­su­men­ten mit Anschreib-Opti­on, das heißt “Schul­den-Macher”. Für die­je­ni­gen, die um die orts­üb­li­che Bank und die Spar­kas­se einen gro­ßen Bogen mach­ten oder machen muss­ten, um sich nicht in Ver­su­chung füh­ren zu las­sen. Schul­den zu machen gehör­te damals noch nicht zum guten Ton oder bes­ser noch nicht zum Um und Auf des Geschäfts­le­bens. Das kam erst spä­ter, die Erkennt­nis vom “Casi­no Roya­le” und von der soge­nann­ten Boni­tät. Vor Allem für klei­ne Rau­cher. Oder für Rau­cher, die noch gar kei­ne waren, die nur vor hat­ten, ein­mal sol­che zu wer­den. Sol­che wie man sie in der Welt der Ver­meint­lich-Erwach­se­nen mit­er­le­ben oder durch die Schei­ben des Hotels “Post” beob­ach­ten konn­te, wie man Rauch­wa­ren genoss und umging mit ihnen, wie man den Rauch ein­sog, wie man das Ste­chen in den Lun­gen unter­drück­te, sich dar­an gewöhn­te, in wel­chem Moment man denn eigent­lich durch das wei­ße Röhr­chen, in dem der Tabak vor sich hin glimm­te, den Rauch mög­lichst bis in die Lun­gen­bläs­chen ein­sog, mit opti­ma­ler psy­chi­scher und stra­te­gi­scher Wir­kung auf die Umge­bung und deren Stim­mung.

Es war eine der eli­tä­ren mono­po­lis­ti­schen Tabak-Tra­fi­ken, mit denen die Regie­run­gen die Bedürf­nis­se der vie­len Kriegs­ver­sehr­ten und deren Nach­kom­men irgend­wie erfül­len konn­te. Eine Tabak-Tra­fik mit vie­len, vie­len Micky-Mäu­sen und “Akim”, “Zor­ro”, “Tibor”, “Fix und Foxy”, “Lan­ce­lot”, “Sigurd”, “Tar­zan” und “Wun­der­welt”- und “Kin­der­post”- Heft­chen, mit “Illus­trier­ten” und Tages­zei­tun­gen, auch inter­na­tio­na­ler, jeder Art. Ein El-Dora­do für einen klei­nen Som­mer­frisch­ler! Denn das war die ein­zi­ge Mög­lich­keit, sich mit “Aus­tria C” zu ver­sor­gen. In die­sem kon­kre­ten Fall ohne Fil­ter. Oder mit “Melo­dy”, “Smart Export”, “La Favo­ri­te”, je nach herr­schen­dem Niveau in der Geld­bör­se.
Im Gesträuch gleich hin­ter der Kir­che haben wir uns auf die Zukunft vor­be­rei­tet. Ja, es war tat­säch­lich so: Ein ech­ter Mann kann­te kei­nen Schwin­del beim Inha­lie­ren des Rau­ches, die Erwach­se­nen mach­ten es uns ja vor, auf der Stras­se, bei der Arbeit, wäh­rend der Pau­sen, und natür­lich in den sel­te­nen Kino­be­su­chen, in den Fil­men selbst, wobei es kei­nen gab in dem nicht mög­lichst effek­tiv geraucht wur­de. Ja, trotz Lebens­ge­fahr sogar im Thea­ter: “… und dann zünd ich mir ein Ziga­rett­chen an und denk nicht wei­ter dran!”. So hat­te man uns schon in frü­hes­ter Jugend vor­be­rei­tet und zum “Rau­cher” erzo­gen. Das “Rau­cher wer­den” zogen wir auch ganz kon­se­quent durch. Auch das “Aus­dämp­fen” der Stum­mel. Am Heu­bo­den etwa. Auch das beherrsch­ten wir.
Auf die­se Art und Wei­se wur­den wir als Kon­su­men­ten zu den Finan­ciers der vie­len, vie­len ewi­gen Arbeits­plät­ze. Was das für Kon­se­quen­zen hat­te, dar­an hat­te wohl nie­mand gedacht. Das woll­te “man” ja auch nicht. Was man woll­te, war Ren­di­te. Das war die ein­zi­ge Kon­se­quenz. Das wur­de mir erst sehr viel spä­ter klar. War es – bezie­hungs­wei­se: Ist es – Nai­vi­tät, Ober­fläch­lich­keit, Dumm­heit, Nicht-Wis­sen-Wol­len oder doch die ganz ein­fa­che Gier der Pri­mi­ti­ven und Wohl-Haben­den nach den Ver­lo­ckun­gen der Zah­len­ko­lon­nen? Nach den vie­len Auf­de­ckun­gen der letz­ten Jah­re ist es wohl das Letz­te­re.
Die­se Auf­ar­bei­tung fand unge­fähr zu jener Zeit statt, als ich mit dem Rau­chen auf­ge­hört hat­te, von heu­te auf mor­gen, inner­halb von weni­gen Minu­ten – von durch­schnitt­lich 60 Stück auf Null sozu­sa­gen. Und dabei muss­te ich an den bra­ven Öffent­lich­keits-Arbei­ter der “Aus­tria Tabak­wer­ke”, Herrn Chris­ti­an Mertl den­ken,  mit dem mich nicht nur der Tabak ver­band oder an die bei­nah täg­li­chen Auto­fahr­ten zwi­schen Kla­gen­furt und Wien und umge­kehrt, wobei ich lern­te, mir die Fahrt­dau­er über die “Tri­es­ter Bun­des­stra­ße”, den Sem­me­ring und den Per­chau­er Sat­tel nach Ziga­ret­ten ein­zu­tei­len. Fünf Stück hin, fünf Stück zurück. Zu Beginn. Denn irgend­wann in die­ser Zeit reich­te mei­ne frei­wil­li­ge Ein­tei­lung nicht mehr. Ich griff immer öfter auf den Bei­fah­rer­sitz, wo ich mei­ne Ziga­ret­ten­schach­tel lie­gen hat­te und bald hat­te ich zehn Stück absol­viert, bei ein­fa­cher Fahrt. Und bald lagen da zwei Schach­teln…
Es war die Zeit zu der die Che­mie eine unfass­bar gro­ße Rol­le in unse­rem Leben zu spie­len begann. In Kom­bi­na­ti­on mit ande­ren Basis-Ele­men­ten war und ist es eine wich­ti­ge und unglück­li­che Rol­le. Es war die Zeit, als man in den Nicht-Rau­cher-Abtei­len von Flug­zeu­gen oder Zügen immer einen Platz gefun­den hat, wo man sich aus­brei­ten konn­te, zum Schla­fen oder Ähn­li­chem, falls man sich noch nicht ganz abhän­gig gemacht hat­te. Und das hat­te ich ganz offen­sicht­lich. Es gelang mir immer wie­der, mich frei zu machen, für ein paar Stun­den oder sogar ein paar Tage. Die Wur­zel für den Rau­cher wur­de aber in Mit­tern­dorf geschla­gen und gesetzt, mit­ten in Öster­reich.

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