Die Salza-Sperre

Von der heu­ti­gen Kog­ler­gas­se führ­te ein etwas län­ge­rer Weg hin­un­ter zum Sal­za-Stau­see. Über die Gelei­se der Bahn Rich­tung Bad Aus­see hin­weg. Da hieß es fürch­ter­lich auf­pas­sen, es gab kei­ne Schran­ken, kein alar­mie­ren­des Klin­geln, Nichts, nur das Rau­schen der E‑Loks und – wenn der Zug schon fast ganz da war – das “Trrrmmm­damm­damm” der Wag­gon-Ach­sen und ‑Räder. Das war das ein­zi­ge Geräusch, wel­ches das Sum­men der Bie­nen und Hum­meln und Flie­gen und Muhen der Kühe stör­te. Da gab es weit und breit noch nichts, was auch nur irgend­wie und irgend­wo die Har­mo­nie zwi­schen Umge­bung und Natur und den Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­nern stö­ren hät­te kön­nen. Unse­re Fahr­rä­der viel­leicht, das lei­se Rat­tern eines locke­ren Kot­flü­gels, des Geräusch der schlecht geschmier­ten Fahr­rad-Ket­ten oder das unbe­re­chen­ba­re, lei­se Klin­geln einer schlecht sit­zen­den Glo­cke. An das Plät­schern des Krun­gl­ba­ches kann ich mich noch erin­nern und dann waren da noch die Res­te eines angeb­li­chen Bades zu sehen, die Holz­boh­len und Bal­ken, halb ober der Erde, halb bereits unter Was­ser. Denn in unmit­tel­ba­rer Nähe begann die Pis­te, der Weg, die Fahr-Stra­ße dem Sal­za-Stau­see ent­lang. Die­ser Weg mit den zwei Tun­nels wur­de dann spä­ter zu einem unse­rer begehr­ten Spiel­plät­ze, Akti­ons-Spiel­plät­ze, wir gehör­ten schließ­lich zu den Rad­fah­rern und das war schon was damals. Die Tun­nels wur­den zu unse­rem Zuhau­se, unse­rem Ver­steck, zu unse­rem Schloss, unse­rer Höh­le, je nach­dem. Wir fühl­ten uns sau­wohl da, obwohl wir natür­lich auf­pas­sen muss­ten, aber das war sowie­so ganz selbst­ver­ständ­lich. Wir waren ja nur ein paar Weni­ge, die das Glück hat­ten, nicht arbei­ten zu müs­sen, so wie Alters­ge­nos­sen oder ‑kame­ra­den. “Genos­sen” hat­te damals ja noch einen etwas scha­len Bei­geschmack und in man­chen Regio­nen tat man sich leich­ter mit der Bezei­chung “Kame­ra­den”. Lei­der kann ich mich nur an den “Sto­cker-Buam” erin­nern. Er beglei­te­te uns man­ches Mal und wohn­te im glei­chen Haus wie ich. Eine Eta­ge tie­fer. Was aber nicht gera­de freund­schafts­för­dernd oder sowas Ähn­li­ches war.
Als Stra­ßen­be­gren­zung, als Absi­che­rung zum Stau­see, dien­ten ein­fa­che, roh behaue­ne Holz­bal­ken, eine Art Gelän­der, nur viel stär­ker. Wir wuss­ten um die Gefah­ren die­ses Weges. Es droh­te ja nicht nur der Stau­see selbst mit sei­nem kal­ten, noch nicht sehr sau­be­ren Gebirgs­was­ser. Von oben rie­sel­ten auch stän­dig klei­ne­re und grö­ße­re Stei­ne her­ab. Als Stein­schlag bezeich­ne­te man das ver­nied­li­chend. Natür­lich gab es noch kei­ne Warn- oder sons­ti­ge Hin­weis-Schil­der. Geschützt war man nur in den bei­den Tun­nels so ziem­lich am Ende des Sees, in der Gegend der Stau­mau­er. Wenn man viel Pech hat­te, wur­de man höchs­tens von einem grö­ße­ren Fels­bro­cken aus der Decke der spren­gungs-natür­li­chen Röh­ren erwischt. “Tor­kre­tiert” hat­te man damals nicht, das war auch gar nicht nötig, “was wiegts des hats”, der “Krieg” war ja noch ganz ganz nah. Und die Sal­za-Tal­sper­re war das ers­te Kraft­werk im Lan­de, das gebaut wer­den muss­te. Öster­reich war ja in vier Zonen geteilt. Außer­dem waren vie­le Stras­sen im oder gegen den Osten Öster­reichs eher Roll­bah­nen mit Beton­fel­dern als Auto-Fahr­stra­ßen. So auch die unmit­tel­bar unter der Sal­za-Sper­re vor­bei­füh­ren­de Enns­tal-Bun­des­stra­ße.
Die­se Bun­des­stra­ße spiel­te eine gar nicht so klei­ne Rol­le bei der Umkrei­sung des Grim­mings per Fahr­rad. Mit all den sport­li­chen Her­aus­for­de­run­gen des zeit­ge­mä­ßen Stra­ßen­baus, den Steil­stre­cken, egal ob An- oder Abstie­ge. Der ers­te gru­se­li­ge Abstieg begann ja schon gleich nach der Sper­ren­mau­er. Ob es sich dabei um ein Relikt aus der Bau­ge­schich­te han­del­te oder was auch immer, spiel­te für uns kei­ne Rol­le, da war der Blick auf das Kraft­werks­haus schon viel wich­ti­ger. Dabei rie­sel­te es uns immer irgend­wie den Rücken hin­un­ter, ganz kalt. Ich beeil­te mich, die­sen Ort zu ver­las­sen, ganz rasch.
Als sich dann noch einer mei­ner Gra­zer Schul­kol­le­gen aus der Unter­stu­fe in Som­mer­frisch­ler­art am Mit­ter­berg zwi­schen Gröb­ming und Öblarn im Enns­tal nie­der­ließ, gab es kein Hal­ten mehr: Wir umrun­de­ten aus die­sem Anlass den Grim­ming gleich ein paar Mal, die Schwie­rig­kei­ten negier­ten wir kla­rer­wei­se, nah­men Schweiß­aus­brü­che, Tote-Punk­te, Keu­chen und Atem­not, Mus­kel­krämp­fe und Sons­ti­ges in Kauf, taten so, als ob das natür­lich wäre, kämpf­ten uns durch. Die Enns­tal-Bun­des­stra­ße war für uns sowas wie eine will­kom­me­ne Abwechs­lung, sowas wie eine Tour-Pau­se. Natür­lich genos­sen wir die Wäl­der und Wie­sen von Mit­ter­berg, genos­sen das gas­tro­no­mi­sche Ange­bot der Pen­si­on mei­nes Schul­kol­le­gen. Ich glau­be, er hieß “Seidl” mit dem Fami­li­en­na­men, sei­ne Eltern waren Dro­gis­ten in Graz, soviel ich mich erin­nern kann. Wir genos­sen Öblarn mit sei­nem Fens­ter­blu­men­schmuck und wir genos­sen Gröb­ming und wir genos­sen die gan­ze wei­te Stre­cke mit den Geröll­fel­dern in der Nähe und unter­halb des Grim­ming, wir genos­sen Tau­plitz, Krungl, Kulm und dann end­lich wie­der Mit­tern­dorf, über­mü­det, total fer­tig. Wir fie­len in unse­re Bet­ten. Schlie­fen ohne was zu Essen ein. Schlie­fen und schlie­fen. Mit bes­tem Sauer­stoff ver­sorgt, pump­te unser Kreis­lauf und pump­te…

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