Erlernen, mit dem Abstrakten um zu gehen

Auch im Win­ter bei tiefs­ten Tem­pe­ra­tu­ren und höchs­ten Schnee­wech­ten muss­te ein sonn­tä­gi­ger Besuch des Gast­hofs unter­halb des Novysteins sein, gleich bei der Ort­schaft Rinn­egg bei Graz. Der Wind pfiff über die Anhö­hen hin und ver­frach­te­te den Schnee meter­hoch, wes­we­gen der Post­au­to­bus manch­mal die Wei­ter­fahrt nach Rinn­egg ein­stell­te und zu Fuß wei­ter­stür­men ließ. Den Ver­lauf von Stra­ßen und Wegen muss­te man schon genau ken­nen. Die Män­ner tra­ten Pfa­de durch Schnee und Eis, man­cher­orts ver­san­ken sie bis zur Brust­hö­he eines Erwach­se­nen. Auf die­sen Tram­pel­pfa­den folg­ten dann die Frau­en, Müt­ter und Kin­der. Durch­fro­ren und zit­ternd kam die Post­bus-Grup­pe im Gast­hof an. Das Geräusch des Schnee-Abschüt­telns und Frei-Stamp­fens von win­ter­li­cher Klei­dung und eben­sol­chen Schuh­werk grub sich in mei­ne Gan­gli­en ein und ist heu­te noch prä­sent. Dar­über lächelt so man­cher Neu­ro- und Psy­cho-Loge nur: Nichts ist ver­steck­bar.
Man lab­te sich danach an hei­ßen Geträn­ken. Tee für die Klei­nen. Mit Rum, Inlän­der-Rum, für die Gro­ßen. Bis zum Brat- oder Back­huhn dau­er­te es ja noch eine gan­ze Wei­le. Wir Kin­der nutz­ten die­se “Wei­le”, um mit den Schlit­ten, die der Gast­hof zur Ver­fü­gung stell­te, und unter Füh­rung der Toch­ter des Hau­ses die Rui­ne Ehren­fels zu besu­chen. In der “Klamm”. Irgend­wo zwi­schen Rinn­egg und St. Rade­gund. Wir stapf­ten durch ver­schnei­tes Gemäu­er, immer vor­sich­tig geführt von unse­rer orts­kun­di­gen Wirts­haus­toch­ter. Und sie kann­te sich tat­säch­lich aus, erzähl­te uns viel über den Dr. Novy und dar­über, dass der Novy-Stein an ihn erin­nern sol­le, und dass es anläss­lich der Tür­ken­krie­ge zur Ent­füh­rung des Soh­nes der ehe­ma­li­gen Bewoh­ner der Burg Ehren­fels gekom­men sei. Dies sei damals als “nor­mal” hin­ge­nom­men wor­den. Das hät­te sich die Bevöl­ke­rung von den Osma­nen auch erwar­tet. Man hät­te dies als “Kna­ben­le­se” bezeich­net. Das Voka­bel habe ich mir wohl gemerkt, wegen sei­ner Ähn­lich­keit zur “Wein­le­se”, aber Bedeu­tung habe ich ihm kei­ner­lei gege­ben. Heu­te ist mir klar, dass ein Teil der Mensch­heit Kin­der­sol­da­ten nicht erst seit ges­tern ein­zu­set­zen wuss­te und das Wesen der dazu nöti­gen Mani­pu­la­ti­on immer schon begrif­fen hat­te. Spä­tes­tens beim Gang durch das Spa­lier von jugend­li­chen Kampf­ma­schi­nen mit bes­tens gepfleg­ten Kalasch­ni­kows und star­rem kon­zen­trier­tem Blick auf dem Flug­ha­fen des fer­nen Insel­reichs der Komo­ren wur­de es mir für ewi­ge Zei­ten ein­ge­prägt. Der Kna­be damals, vor den vie­len grau­en und sicher auch grau­en­haf­ten Jah­ren, sei im Land der Osma­nen als Jani­tschar erzo­gen wor­den, wie man Kin­der­sol­da­ten bezeich­ne­te, und vie­le Jah­re spä­ter sei er als bereits erwach­se­ner, krie­ge­ri­scher Jani­tschar wie­der­ge­kom­men, hät­te sein zu Hau­se gesucht, sei­ne Hei­mat. Sei­ne Burg hät­te er aller­dings nur mehr als Rui­ne wie­der­ge­fun­den.

In unmit­tel­ba­rer Nähe des Gast­ho­fes befand sich auch ein soge­nann­ter Wet­ter­turm. Er befin­det sich noch immer dort. In Beglei­tung von Erwach­se­nen durf­ten wir auch hin­ein. Obwohl der Zugang völ­lig offen und frei dalag. Einer der Grün­de war­um alles Unmög­li­che umher­lag, alles, wovon man sich anonym und nicht für alle Zei­ten tren­nen woll­te. Da waren furcht­erre­gen­de Lei­tern, ver­morscht und wacke­lig. Ich hat­te Angst. Von hier aus, am Wal­des­rand, ver­jag­te man die bösen Geis­ter und Hexen, die auf unse­rem Haus­berg, dem Schö­ckl, haus­ten und schlech­tes Wet­ter wofür auch immer brach­ten. Die­ser Turm ähnel­te den Kirch­tür­men rings­um­her im Lan­de. Nur die Kir­che fehl­te und alles, was dazu­ge­hör­te. Aber die Aus­sicht durch die uralten Bogen­fens­ter war ein­drucks­voll von her­oben, da mach­te mein klei­nes Herz schon einen mäch­ti­gen Befrei­ungs­schlag!

Dass eine der mit­wan­dern­den Fami­li­en, die Fami­lie Gotts­win­ter, aus unse­rem Hau­se war und ich jedes Detail die­ser Rinn­egg-Aus­flü­ge – Schö­cklhe­xen, Novystein, Kin­der­sol­da­ten, den Wet­ter­turm – mit die­ser Fami­lie auch heu­te noch in Zusam­men­hang brin­ge, das dürf­te vor allem Neu­ro- und Psy­cho-Logen inter­es­sie­ren. Vor allem des­we­gen weil Herr Gotts­win­ter zur dama­li­gen Zeit Bank­di­rek­tor gewe­sen war. Direk­tor sei­ner eige­nen pri­va­ten Bank! Das war damals noch mög­lich. Ein paar Jah­re spä­ter muss­te er sich vom Direk­tor-Sein ver­ab­schie­den und die­ses Feld Ein­fluss­rei­che­ren über­las­sen. Aber auch als Pri­va­tier dürf­te es ihm und sei­ner Fami­lie ganz gut gegan­gen sein.
Als Sohn von Ein­zel-Han­dels­kauf­leu­ten wuchs ich mit dem Abs­trak­ten auf. Ich erfüll­te also schon die ele­men­ta­ren Vor­aus­set­zun­gen, um mei­nen Men­tor zu ver­ste­hen. Ich bekam zusätz­lich die Chan­ce, den bank­mä­ßi­gen Umgang mit dem abso­lut Theo­re­ti­schen, dem, was man so all­ge­mein als “Geld” bezeich­net, zu erler­nen. Irgend­wie geis­tert mir heu­te noch der gemüt­li­che älte­re Herr Direk­tor Gotts­win­ter und die Kin­der­sol­da­ten und der Wet­ter­turm samt Hexen und bösen Geis­tern, und sei­ne Bank in Graz an der Ecke Kai­ser­feld­gas­se und Rau­ber­gas­se im Kopf her­um. Viel­leicht war oder ist das Aus­lö­sen­de die Rau­ber­gas­se? Viel­leicht die Tat­sa­che, dass es eine Reli­gi­on gibt, die es ver­bie­tet, Zin­sen zu ver­lan­gen, wie mir die­ser Herr so neben­bei ver­ra­ten hat und dann humor­voll über das gera­de herr­schen­de Wet­ter plau­der­te. Viel­leicht war es die Tat­sa­che, dass es einen Tiro­ler gege­ben hat­te, der erfolg­reich eine eige­ne Wäh­rung geschaf­fen hat, wes­we­gen ihn sogar auch der ame­ri­ka­ni­sche Finanz­mi­nis­ter besuch­te. Was auch den Ein­spruch der öster­rei­chi­schen Natio­nal­bank zur Fol­ge hat­te, die sich das natür­lich nicht gefal­len las­sen durf­te. Viel­leicht war es auch des­we­gen so prä­gend, weil er neben­bei erwähn­te, dass der Welt­krieg soeben fort­ge­setzt wür­de, jedoch in der Form eines Finanz-Kriegs. Als ich dar­über schon mit unge­fähr Gleich­alt­ri­gen dis­ku­tie­ren konn­te, ent­deck­te ich, dass es nur ein Dis­kus­si­ons-Ver­such sein konn­te, das kam über­haupt nicht gut an.
Mitt­ler­wei­le hat sich jede Men­ge Lite­ra­tur dies­be­züg­lich eta­bliert und heu­te dreht es sich höchs­tens dar­um, wie es denn wei­ter­ge­hen sol­le mit der Insti­tu­ti­on “Bank”, mit der Öko­no­mie und der Öko­lo­gie. Und man­ches­mal fällt mir ein, ob der gemüt­li­che, humo­ri­ge Herr Gotts­win­ter mit sei­nen lukul­li­schen Vor­lie­ben viel­leicht doch ein ver­kapp­ter heim­li­cher Nach­kom­me von Meso­po­ta­mi­ern gewe­sen sein könn­te?

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