Endstation der Linie 7

Nie wer­de ich die­se End­sta­ti­on ver­ges­sen. Von der Hal­te­stel­le Kran­ken­haus führ­te, wenn man stadt­aus­wärts fuhr, auf der lin­ken Stra­ßen­sei­te ein ein­zel­ner Schie­nen­strang bis knapp zur End­sta­ti­on, dann teil­te sich der Strang und wur­de dop­pelt, nur um sich eini­ge Meter spä­ter wie­der auf einen Strang zu ver­schlan­ken. Die Umkehr­schlei­fe gab es damals noch nicht. Es war ja alles so ziem­lich gerad­li­nig. Über das Gan­ze führ­te der Beginn der Stif­ting­tal­stra­ße, steil berg­auf oder berg­ab. In die Rich­tung stadt­aus­wärts begann die berühm­te Ries­stra­ße. Die gan­ze Stra­ße und der Bereich der End­sta­ti­on war in einem holp­ri­gen, pol­tern­dem, schep­pern­dem und rüt­teln­dem Pflas­ter belegt. Ein­spu­ri­ge Fahr­zeu­ge muss­ten ihren Weg zwi­schen Schie­nen und Wei­chen fin­den. Auch ich mit mei­nem klei­nen, gel­ben Kin­der­fahr­rad. Das ers­te Mal auf gro­ße Tour. Ins Stif­ting­tal zu Oma und Opa. Natür­lich hat­te ich Furcht vor Unge­wis­sem. Natür­lich. Es war ja mei­ne ers­te, aller­ers­te gro­ße Fahr­rad-Tour. Es war ein wun­der­schö­ner Som­mer-Sonn­tag-Mor­gen und kaum ein Kraft­fahr­zeug unter­wegs. Durch die hal­be Stadt war ich unter­wegs ohne auch nur ein­zi­ges Mal ste­hen zu blei­ben. Ich gab vor­schrifts­mä­ßig die erfor­der­li­chen Hand­zei­chen. Ich fuhr tat­säch­lich durch. Dort, wo’s schwie­rig für mich wur­de – ich war ja noch ein klei­ner Bub, ohne Berech­ti­gung allei­ne unter­wegs zu sein -, war ich kla­rer­wei­se beson­ders vor­sich­tig, genau­so wie mei­ne Eltern auch.
Als ich bei mei­nen Groß­el­tern ankam, voll­ge­stopft mit Erfah­rung und Erleb­nis­sen, die ich all unse­ren Haus- und Hof-Tier­chen mit­tei­len muss­te, fühl­te ich mich gleich um eini­ge Zen­ti­me­ter grö­ßer und älter und rei­fer. Ich genoss den Tag, auf den Obst­bäu­men, im knie­tie­fen Gras, beim Bach im Spiel mit den Frö­schen und Kaul­quap­pen. Es war ein wun­der­schö­ner und erfah­rens­rei­cher Som­mer­tag. Am Ende die­ses Tages mach­ten wir uns auf, um nach Hau­se zurück­zu­keh­ren. Ich freu­te mich schon auf die Fahrt. Auf die Fahrt durch den Wald, über die Wie­sen, an den Fel­dern vor­bei, an den ers­ten Häu­sern, den ers­ten par­ken­den Autos, dem Sta­chel­draht­zaun des Lan­des­kran­ken­hau­ses, bis zum Beginn des Gefäl­les die rest­li­che Stif­ting­tal­stras­se zur End­sta­ti­on der Linie 7 hin­un­ter. Mein Vater hielt hier an und erklär­te mir noch ein­mal, und zwar sehr ein­dring­lich Funk­ti­on und Funk­ti­ons­wei­se der Fahr­rad­brem­sen. Tja, und dann gings los! Ich fuhr los. Steil berg­ab. Schnell. Immer schnel­ler. Von selbst. Voll auto­ma­tisch. Was mir vor­hin gesagt wur­de, was ich den gan­zen Tag gefühlt, erlebt, erfah­ren hat­te, war weg! Von einer Sekun­de auf die ande­re. Ich hör­te mei­nen Vater noch rufen: “Brems, Bur­li, Brems! – Um Gotts Wülln!”. Weit weg. Und das Rad fuhr. Fuhr mit mir. Berg­ab. Schnell. Immer schnel­ler. Ich sah das Kopf­stein­pflas­ter auf mich zukom­men. Sah rechts von mir die alte Stra­ßen­bahn­gar­ni­tur. Gera­de­aus einen Geh­weg. Dahin­ter Bäu­me. Ich befand mich schon auf der Ries­stra­ße. Irgend­wo und irgend­wann begann ich end­lich den Len­ker zu bewe­gen, damit auch das gan­ze Rad und mich, ras­te das Stück die Ries­stra­ße zurück in Rich­tung End­sta­ti­on, wur­de von der Bord­stein­kan­te des Geh­we­ges Rich­tung Kran­ken­haus abge­bremst und blieb dann end­gül­tig im Maschen­draht­zaun des klei­nen Park­plat­zes dort hän­gen. Die Leu­te rund­um­her lie­fen zusam­men, über­prüf­ten mei­nen Gesund­heits­zu­stand, auch mei­ne Eltern kamen ganz auf­ge­regt an. Ich stand da, zwi­schen mei­nen Bei­nen das Fahr­rad. Unver­sehrt. Es soll­te nicht sein! Ich war noch nicht kran­ken­haus­reif! Weder ich noch mein Fahr­rad hat­ten irgend­et­was abbe­kom­men. Wir erfreu­ten uns bes­ter Gesund­heit. Das Kin­der­fahr­rad glänz­te gelb­lich vor sich hin und ich zit­ter­te, beb­te regel­recht. Aber nur kurz. Ab die­sem Augen­blick wur­de ich Fahr­rad-Akro­bat. Ich konn­te nur mit einem Rad fah­ren, konn­te auf der Lenk­stan­ge sit­zen und tre­ten. Ich beherrsch­te Rad­fah­ren. Ich leb­te für das Rad. Es wur­de Teil mei­nes Lebens. Auf den asphal­tier­ten Stra­ßen und im frei­en Gelän­de und dem Wald.

Nicht unwe­sent­lich sind dar­an auch die GVB – die “Gra­zer Ver­kehrs­be­trie­be” – betei­ligt. Ein Teil der Stey­rer­gas­se war näm­lich immer schon von Wei­chen und Stell-Anla­gen der Remi­se der GVB durch­setzt. Ich erkann­te die Mög­lich­kei­ten sofort und trai­nier­te dort som­mers wie win­ters das “Stra­ßen­bahn­ge­lei­se­fah­ren” in allen mög­li­chen und unmög­li­chen Rich­tun­gen in allen Situa­tio­nen. Ich konn­te sogar in den Spur­ril­len, den Schie­nen fah­ren, ohne dass es mir die Rei­fen abzog. Wer den Rest sei­nes Lebens bis zur gesetz­li­chen Voll­jäh­rig­keit (damals noch 21 Jah­re) nur Fahr­rad fährt kann mir die­sen “Dank” an die GVB nach­füh­len.

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