Buch 2: Vor Wörtern nach zu tragen

Jetzt lan­de ich doch noch bei jenen Wör­tern, wel­che nach zu tra­gen sind. Bei einer gan­zen Men­ge an Wör­tern. Frei­lich habe ich ver­ständ­li­cher­wei­se ver­sucht, die­se Kon­fron­ta­ti­on zu ver­mei­den. Ich habe es ver­sucht. Aber wenn ich etwas nicht benen­ne, kann ich es auch nicht begrei­fen und, soll­te es in wei­te­rer Fol­ge ent­wirr­bar sein, lösen. Im kon­kre­ten Fall geht es dar­um, zwei Wel­ten zu ein­an­der zu füh­ren. So etwas kann immer nur ein leben­di­ger Ver­such sein. Da ist nichts Star­res, nichts für die Ewig­keit Pro­du­zier­tes.  Einer­seits geht es um sprech­sprach­li­che Dik­ti­on, nicht um schrift­sprach­li­che Gram­ma­tik! Alle paar Jah­re wird die­se zwar in den drei Wör­ter­bü­chern (Deutsch­land, Öster­reich, Schweiz) redi­giert und der Pra­xis ange­passt. Im Gro­ßen und Gan­zen wird aber an ihr nichts ver­än­dert. Der Schwer­punkt jeder mei­ner Äuße­run­gen liegt jedoch auf Sprech­spra­che, auf Spre­chen, auf dem “Mit-ein­an­der-Reden”. Und die­ser Schwer­punkt wird im deutsch-spra­chi­gen Raum tat­säch­lich immer gewich­ti­ger. Das “Schrei­ben fürs Hören” wird für Autoren immer unum­gäng­li­cher.
Seit eini­gen Jähr­chen wird ver­sucht, auch die Sprech­spra­che ähn­lich der Rege­lung des  Theo­dor von Siebs aus dem Jah­re 1898 zu regu­lie­ren. Loka­le Dia­lek­te ver­schwin­den schön lang­sam zuguns­ten der hoch­ge­lau­te­ten Umgangs­spra­che. Aber von einer tat­säch­li­chen Rege­lung, sind wir natür­lich noch weit ent­fernt. Wer­den wir sicher auch blei­ben. Weil sich dies­be­züg­lich in ganz Euro­pa und teil­wei­se dar­über hin­aus ziem­lich viel ent­wi­ckelt. Was sich da näm­lich rein lin­gu­is­tisch ankün­digt, soll­te man nicht über­ge­hen, vor allem über­hö­ren.
Seit Guten­bergs Zei­ten, seit der Erfin­dung des Buch­drucks, schreibt man über­all wo deutsch geschrie­ben wird, gleich. Der Schwer­punkt lag damals plötz­lich auf dem Schrei­ben. In den mensch­li­chen Köp­fen nis­te­te sich die Schrift ein. Das ABC ver­än­der­te sogar die Schrei­bung der Geschich­te – bis heu­te. Die Schrift­spra­che wur­de und wird gere­gelt, die Sprech­spra­che ent­zog sich die­ser Nor­mie­rung – bis vor Kur­zem. Also bemüht man sich, nach der Schrift zu spre­chen. Logisch dass dies schei­tern muss­te. Zumin­dest in den Berei­chen süd­lich der Ben­ra­ther Linie. Auch die­se Linie ist zwar bereits in Auf­lö­sung begrif­fen, aber die Spre­cher im süd­li­chen Raum unter­schei­den sich den­noch von jenen des nörd­li­chen Raums. Der Unter­schied liegt in der rei­nen Elo­quenz. Vor dem süd­li­chen geis­ti­gen Auge schwebt unun­ter­bro­chen die durch alle mög­li­chen Fak­to­ren fixier­te Schrift­spra­che. Wir schrei­ben zwar nur acht Voka­le, sagen oder reden eine gan­ze Men­ge ande­rer. Genau­so ist es bei den Kon­so­nan­ten. Wir geben spre­chen­der­wei­se mehr von uns, als wir über­haupt ahnen. Und genau dar­in ist das “Mit-ein­an­der-Reden” ein­ge­bet­tet, exakt das, wor­um es in Wirk­lich­keit geht. Wer sowohl das Eine beherrscht, wie auch das Ande­re, kann bei­des zusam­men­füh­ren, ist “elo­quent”. Hat die oder der Kom­mu­ni­zie­ren­de sei­ne ganz per­sön­li­che Tona­li­tät, ihre oder sei­ne “Stim­me”, befreit, wird sie oder er ganz locker und ein­fach ver­stan­den. Aber das alles soll man lie­ber der Geschich­te oder der Evo­lu­ti­on oder den Genera­tio­nen mit ihren jewei­li­gen Vor­stel­lun­gen von Ler­nen und Erfah­rung und den Grö­ßen der Tel­ler­rän­der über­las­sen.
Viel­leicht sind die­se Gedan­ken schon unter Kärnt­ner Ein­fluss ent­stan­den, unter dem Ein­fluss von Peter Hand­ke, der auf mich schon eine star­ke Aus­strah­lung aus­üb­te, damals im Forum Stadt­park in Graz, lan­ge vor der “Publi­kums­be­schimp­fung”. Im Kel­ler die­ses neu errich­te­ten Gebäu­des befand sich eine Art Arbeits­raum. Dort sass Peter Hand­ke und schrieb. Auf einer Rei­se-Schreib­ma­schi­ne. Er schrieb in slo­we­ni­scher Spra­che. Anschei­nend schrieb er an einem Roman. Hand­ke kam aus Grif­fen in Kärn­ten, sei­ne Freun­din damals war Lib­gart Schwarz, Schau­spie­le­rin am neu erbau­ten Gra­zer Schau­spiel­haus. Sie stamm­te aus St.Veit an der Glan, eben­falls in Kärn­ten. Ich kann mich noch an Alfred Kol­le­ritsch erin­nern, der her­ein­kam und eine kur­ze Dis­kus­si­on über die Ver­zopft­heit der deut­schen Spra­che anzün­de­te. Der Schrift­spra­che, nicht der Sprechsprache.

Graz, das war die Stadt der Stu­den­ten, der Inter­na­tio­na­li­tät. Da gabs nicht nur unse­re Kol­le­gen aus Syri­en, wie schon beschrie­ben, da gabs Men­schen aus allen Kon­ti­nen­ten und Län­dern. Die Grund-Stim­mung in die­ser Stadt mit ihren “Jazz-Caves”, dem Erich Bach­trägl, dem  Erich Klein­schus­ter, der sogar in der Gra­zer evan­ge­li­schen Hei­lands­kir­che Jazz-Mes­sen gebo­ten hat­te. Über­all war Auf­bruch zu spü­ren. Die gan­ze Stadt atme­te zu neu­en Ufern. Es war eine prä­gen­de Zeit. Und die Impul­se gin­gen von die­ser Stadt aus. Impul­se, wel­che Ver­lan­gen nach Güte aus­lös­ten, Qua­li­tät. Kei­nes­falls Gier nach Grö­ße, dem bein­har­ten und kal­ten Erfolg im Ver­kauf. Den auch heu­te nie­mand will, weil er nicht in uns ist. Graz zog damals jun­ge Men­schen an, so wie vor Tau­sen­den von Jah­ren offen­sicht­lich Stone­henge. Um etwa um 2300 v.Chr. wur­de dort der Bogen­schüt­ze von Ames­bu­ry begra­ben. Das wäre nichts Beson­de­res, wenn er nicht aus dem Alpen­raum stamm­te. Damit zähl­te er zu jenen mensch­li­chen Relik­ten, die beweisen,dass Men­schen damals groß­teils Rei­sen­de waren. Und Rei­sen kann man nur, wenn Lebe­we­sen mit­ein­an­der reden, also spre­chen. Nicht unter­ein­an­der, in der Grup­pe, son­dern mit denen, die man unter­wegs trifft. Wir waren damals schon Welt­bür­ger. Mit allen Kon­se­quen­zen. Auch mit der Erkennt­nis von Heu­te, dass wir Mensch­lein uns geirrt haben, dass so Vie­les ins Reich der mär­chen­haf­ten Lügen, ins Reich des “Hät­tens gern” gehör­te und gehört. Und die Ver­su­chung zu mani­pu­lie­ren ist gera­de mit den gege­be­nen Mög­lich­kei­ten über die Maßen groß. Kol­lek­ti­ve Erin­ne­run­gen aller­dings kön­nen nicht gelöscht wer­den. Ich kann zwar mei­ne Erin­ne­run­gen vor mir her­schie­ben, löschen, so wie Web-Sei­ten, kann sie nie­mand. Bis auf Neu­ro-Chir­ur­gen. So, wer hät­te was denn gern, dass man es glau­ben soll? Die Geschich­ten von den gro­ßen Ent­de­ckern etwa, von Alex­an­der dem Gro­ßen, das Gesche­hen rund um die See­schlacht von Lepan­to oder die Rol­le der Herr­scher von Wil­don, die eine weit­aus wich­ti­ge­re Rol­le spiel­ten als jene Her­ren, wel­che von des Lesens und Schrei­bens kun­di­gen Mön­chen als bedeu­ten­de Köp­fe die­ser Zeit bezeich­net wur­den. Man hat­te und hat etwas nötig um es nie­der zu schrei­ben, denn seit­dem es den Buch­druck gab, galt nur jenes etwas, das gedruckt wur­de, vor­her leg­te man Wert auf das Erzähl­te. Man nahm es eben­so ernst und war ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Nur gab es auch da vie­le Fehl­grif­fe, Feh­ler in der Über­mitt­lung. Wie heißt es: Lasst zusam­men­wach­sen, was zusam­men gehört! Die­se zwei Welten.

In wei­te­rer Fol­ge gibt es also eini­ge Vor Wör­ter, die nach zu tra­gen wären. Wegen des bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses. Dan­ke für das Verstehen!

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