Die 3 akademischen Jahre

Ich war immer schon sehr nahe am Leben. Das war mir bewußt. Ich leb­te und lebe mein Leben. Und ich lie­be und lieb­te es. Kein Ande­res. Schlicht und ein­fach. Und es war und wur­de mir klar, dass mei­ne Gren­zen unge­fähr dort lie­gen, wo das Leben, die Selbst-Ent­fal­tung eines Mit­men­schen beginnt, das heißt das Leben eines Ande­ren oder einer Ande­ren ein klei­nes Stück gemein­sam wird, wo sich mein Leben und sein oder ihr Leben zu über­schnei­den beginnt, wo jener Bereich exis­tiert in wel­chem sich das Mit­ein­an­der-Leben oder ‑Sein abspielt. Ich konn­te zwar in vie­le ande­re Leben schlüp­fen, ich konn­te zwar mit­füh­len, mit­den­ken, mit­freu­en, ‑wei­nen und ‑trau­rig sein, aber das war ja schon Bestand­teil mei­nes Lebens, leben also konn­te nur ich, in mei­nen Gren­zen und genau dar­um ging es und geht es: um die Gren­zen. Und die­se Gren­zen leben, wie das Leben lebt. Weil sie Bestand­teil unse­res Lebens sind. Um die­se Gren­zen zu erken­nen brau­che ich nur zu akzep­tie­ren. Wie nahe ich am Begrei­fen des Lebens war, das ahn­te ich erst nach die­sen drei Jah­ren. Ich hat­te kei­ner­lei Ahnung von Wert­schät­zungs­be­dürf­nis oder  Selbst­wert­ge­fühl oder davon, wie kli­nisch krank­haft Selbst­ver­wirk­li­chung wer­den kann. Mit­ten hin­ein in die­sen Pro­zeß des Erken­nens und Begrei­fens platz­te das “Wen­den”, jene Minu­te in der sich die gan­ze Zukunft mani­fes­tiert inklu­si­ve jener Sekun­de, zu der sich tat­säch­lich ein gan­zes Uni­ver­sum ändert. Und wahr­schein­lich viel mehr noch. In die­ser Sekun­de änder­te sich etwas, was nicht zu ver­glei­chen ist mit jenen Din­gen, die Men­schen jemals erfun­den und erdacht haben. Ich beschrei­be es wei­ter­hin als “Wen­de” – in Erman­ge­lung eines ande­ren Begrif­fes.
Die­se Wen­de wur­de mit dem Ergeb­nis der Auf­nahms­prü­fung voll­zo­gen. Vor­be­rei­tet dar­auf hat­te ich mich ja schon. Zu die­sem Zeit­punkt war von einer “Wen­de” noch nicht viel zu spü­ren. Seit 1.6.1963 hat­ten wir in Graz eine “Hoch­schu­le für Musik und dar­stel­len­de Kunst” aus der spä­ter dann die “Aka­de­mie” wur­de und um eini­ges spä­ter die Uni­ver­si­tät.  Das aller­ers­te Zuhau­se für die Dar­stel­len­de-Kunst-Hoch­schü­ler war eine alte, auf­ge­las­se­ne Bade-Anstalt in der Lich­ten­fels­gas­se, gleich neben dem BG/BRG Lich­ten­fels. Das Gebäu­de glich eher einer Rui­ne, es war auch nur als Pro­vi­so­ri­um gedacht, für die ers­ten paar Mona­te bis der Umbau des schräg gegen­über­lie­gen­den Palais Meran fer­tig gewor­den war.  Alles war nur schnell als impro­vi­sier­tes Pro­vi­so­ri­um her­ge­rich­tet. Es war alles eng und grau und uralt. Bis auf ein grö­ße­res Zim­mer mit Podest. Da konn­te man bereits eine Art Büh­nen­ge­fühl ahnen. Jeden­falls war man in die Höhe geho­ben, das heißt man war “erhöht”. Das war schon was! Die Fens­ter des Erd­ge­schos­ses waren aus Milch­glas. Das war auch ganz gut so. Gleich gegen­über befand sich näm­lich eine Depen­dance des Finanz­am­tes. In die­sem Raum mit dem Podest fand auch unse­re Auf­nahms­prü­fung statt. Der Rei­he nach wur­den wir hin­ein­ge­ru­fen, stell­ten uns vor, betra­ten das schick­sals­haf­te, mit grau­em Spann­tep­pich beleg­te Podest. Zum jewei­li­gen Mono­log gaben wir eine kur­ze Ein­füh­rung und leg­ten dann los, so wie wir uns das vor­stell­ten. Was blieb uns denn ande­res als Vor­stel­lung. Erfah­run­gen hat­ten wir noch kei­ne, und Erleb­nis­se. Also stell­ten wir uns vor den Erfah­run­gen und Erleb­nis­sen. Wir waren gezwun­gen, so zu tun als ob. Je näher wir mit unse­rer Vor­stel­lung an die Rea­li­tät her­an­ka­men, des­to bes­ser das Ergeb­nis.
Ich hat­te mir instink­tiv Mono­lo­ge aus­ge­sucht, zu denen ich Bezie­hung hat­te, die mei­ner Rea­li­tät nahe lagen, die Ring­pa­ra­bel von Nathan dem Wei­sen Gott­hold Ephraim Les­sings, Franz Grill­par­zers “Der Traum ein Leben”. Die Per­son des Zan­ga fand ich hier beson­ders inter­es­sant. An den drit­ten Teil kann ich mich über­haupt nicht erin­nern. Alles wur­de über­strahlt von der Ring­pa­ra­bel. Jeder Gedan­ke dar­in war mir klar, so klar, dass ich ihn wie­der­ge­ben konn­te. Klar wur­de mir noch nicht, dass das mei­ne Klar­heit war, mei­ne ganz per­sön­li­che, dass es eine Sand­korn-Klar­heit war, dass es von die­sen Klar­hei­ten Mil­li­ar­den an Klar­hei­ten gab und geben wird, dass die­se Klar­hei­ten nur begrenzt sind durch die mensch­li­che Phan­ta­sie und durch die Zei­ten in denen Klar­hei­ten auf­tre­ten. Dass dazu noch die Viel­falt der kör­per­sprach­li­chen Ele­men­te kom­men soll­te, auch davon hat­te ich noch kei­ne Ahnung. Und dass der Ein­satz die­ser Mit­tel abhän­gig ist vom Umfang des Rau­mes in dem man agiert, dass all das abhän­gig ist vom Kos­tüm in das man geklei­det wird – alles das war noch unbe­kannt.
Vor mir saß die Kom­mis­si­on. Wer da saß, ent­zieht sich mei­ner Erin­ne­rung. Nur ein Satz hat sich mir ein­ge­prägt: “Dan­ke schön, Herr Nell. Sie hören von uns per Brief in cir­ca 14 Tagen. Dan­ke.”. Das wars. Vier­zehn Tage noch. Bis dahin: War­ten. Nichts tun. Nur War­ten. Die Zukunft hat­te Pau­se. Auch sie war­te­te. Bei allem was ich tat. Im Künst­ler­haus, bei den Aus­stel­lun­gen. Im neu­en Forum Stadt­park. Im Stadt­park selbst, auf dem Schloß­berg in den Kase­mat­ten, in unse­rem “Gar­ten” in St.Peter, in Stif­ting, auf der unru­hi­gen Wan­de­rung vom Pla­butsch bis zum Schloß St.Martin. Bei allem, was ich tat: Im Hin­ter­grund war­te­te mei­ne Zukunft. Ich muß­te erst­mals in mei­nem Leben erfah­ren, wie lan­ge vier­zehn Tage sein kön­nen. Vier­zehn Tage, wel­che zu bei­na­he drei Wochen wur­den.
Und dann wur­de der Tre­sen mei­ner Eltern im Geschäfts­lo­kal zur monu­men­ta­len Pau­ke! Der Post­bo­te brach­te den Brief so wie jeden Brief und jede Post. Mei­ne Mut­ter rief mich, hän­dig­te mir ganz offi­zi­ell das Kuvert samt Inhalt aus. Mei­ne Hän­de flat­ter­ten leicht. Dafür sorg­te schon der Brief­kopf der Hoch­schu­le. “Herrn” – stand in der ers­ten Zei­le des Fens­ter­ku­verts, “Mein­rad Nell” in der zwei­ten, dann die Stra­ße, die Haus­num­mer, dar­un­ter in Groß­buch­sta­ben GRAZ. Mein Atem ging etwas tie­fer. Ich eröff­ne­te das Kuvert. Zog das Brief­pa­pier her­aus, fal­te­te es auf. Die weni­gen Zei­len muß­te ich eini­ge Male lesen, ruhig und gefasst. Ich ver­such­te zu begrei­fen, die Bedeu­tung zu erfas­sen, in all sei­ner Trag­wei­te soweit es mir damals mög­lich war. Gleich­zei­tig ver­such­te ich, mei­nen eige­nen Stand­punkt in der Welt rund um mich her­um zu erfüh­len. Erfüh­len – zu mehr reich­te es nicht. Ich hat­te die Selbst­be­stä­ti­gung vor mir. Die Ring­pa­ra­bel tauch­te wie­der auf, die Per­son des Zan­ga: Geschafft! Im Herbst 1963 soll­te ich mich an einem bestimm­ten Tag zu einer bestimm­ten Zeit in der ehe­ma­li­gen Bade-Anstalt in der Gra­zer Lich­ten­fels­gas­se ein­fin­den. Da war er, der Zeit­punkt der Wen­de. Mit einem Mal war fast alles anders. Irgend­was ver­än­der­te sich, irgend­was Grund­le­gen­des. Was es war, das konn­te ich nur füh­len. Das Begrei­fen der Ver­än­de­run­gen kam erst Jah­re spä­ter. Was ich wuß­te, war, dass viel Unbe­kann­tes war­te­te und lau­er­te. So etwa mei­ne ers­te Ein-Zim­mer-Mie­te bei der Oma von Bernd Spit­zer. Mein ers­ter Schritt in die tota­le Selb­stän­dig­keit mit­hil­fe des Sti­pen­di­ums sei­tens der Hoch­schu­le.

Meinrad´s erste Miete bei Bernd.
Hier star­te­te mein total selb­stän­di­ges Ich. Den Pick­nick-Korb hat­te ich über mei­ne Eltern bezo­gen. Der letz­te Schrei damals. Ganz modern!

Bernd hat­te ich bei der Auf­nahms­prü­fung ken­nen­ge­lernt. Er hat­te eben­falls bestan­den und wur­de dem­zu­fol­ge ein Kol­le­ge. Zu die­ser Zeit wohn­te er noch dazu in unmit­tel­ba­rer Nähe der Stey­rer­gas­se, in der Peters­gas­se. An die­sem Haus fuhr ich jah­re­lang ahnungs­los immer vor­bei, wenn ich nach St.Peter in unse­ren “Gar­ten” fuhr. Wie es das Schick­sal woll­te, war in die­sem Haus gera­de ein Zim­mer frei, mit direk­tem Zugang zum Vor­gar­ten. Die­ses Zim­mer bot mir mei­ne eige­ne Intim­sphä­re, den drin­gend nöti­gen Rück­zugs­raum, mei­ne Stu­dier­stu­be für das Stu­di­um der diver­sen Rol­len und Cha­rak­te­re. Drei Jah­re lang. Bernd hat­te sein Zim­mer gleich “neben­an”. Die zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on wur­de dadurch natür­lich stark geför­dert. Wir dis­ku­tier­ten stun­den­lang, über das Uni­ver­sum, die Welt und uns selbst. Die Unter­hal­tung kam sicher auch nicht zu kurz! In die­sem Haus hat­ten wir eine Art Wohn­ge­mein­schaft. Wenn­gleich sich die­se Art zu Woh­nen erst in den zukünf­ti­gen Jah­ren lang­sam und vor­sich­tig zu ent­wi­ckeln begann. Zunächst in den soge­nann­ten moder­nen “lin­ken” Krei­sen. Im vor­de­ren Teil des Hau­ses wohn­ten noch zusätz­li­che Stu­den­ten. Es war ein abwechs­lungs­rei­ches und fröh­li­ches Haus. Rund­her­um gab es viel Grün und Fri­sche und Frei­heit und Luft. Platz vor allem, viel Platz. Den benö­tig­ten wir auch. Für unse­re zahl­rei­chen Fecht-Übun­gen. Hier spiel­ten wir all jene Situa­tio­nen durch, die uns zum Büh­nen­fech­ten ein­fie­len. Drei Jah­re lang: Flo­rett, Degen und Säbel. Danach beherrsch­ten wir die Grund­la­gen schon ganz gut. Trai­niert wur­den wir vom Ber­li­ner Olym­pia-Gewin­ner im Degen-Fech­ten, Diplom-Fecht­meis­ter Prof. Rudolf Weber. Da waren wir ganz stolz drauf! In all den Jah­ren ist es uns nie gelun­gen, unse­ren Meis­ter zu besie­gen – auch nicht zu dritt! Regel­mä­ßig stan­den wir schon nach ein oder zwei Minu­ten ohne Waf­fen da! Und Bernd und ich gehör­ten bald zu den Bes­ten unse­res Jahr­gangs.
Was ich eines Abends auch bewei­sen muss­te. Vor dem Club “Sym­po­si­on” in der Gra­zer Trautt­manns­dorff­gas­se. Ich war pri­vi­le­gier­ter Stamm­gast die­ses Clubs, ein wich­ti­ger Treff­punkt in der Innen­stadt dazu­mal. Der Club resi­dier­te eben­erdig. Im ers­ten Stock, also über unse­ren Köp­fen, domi­zi­lier­te eine Stu­den­ten­ver­bin­dung, eine schla­gen­de! Immer wie­der gab es Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen den bei­den “Clubs”, bis zur end­gül­ti­gen Kul­mi­na­ti­on. Vor der Sym­po­si­ons­tür stan­den drei Her­ren mit ihren “Schlä­gern” und begehr­ten Satis­fac­tion. Ich stand hin­ter unse­rem Tür­öff­ner, erfass­te mit einem Blick wor­um es da ging, dreh­te mich zur impro­vi­sier­ten Gar­de­ro­be, griff mir mein Flo­rett, stürm­te den Stu­den­ten ent­ge­gen in die Trauttmm­ans­dorff­gas­se und jag­te die drei Män­ner mit ihren “Schlä­gern” vor mir her, die enge Gas­se auf und ab: terz, quar­te, Ausfall,Schritt vor­wärts, secon­des, Stoß, Fin­te, terz, quart, – na gut, ein bischen Degen kam schon dazwi­schen mit dem Flo­rett und scham­rot muss ich ein­ge­stehn, dass auch der Säbel eine Rol­le spiel­te, obwohl sich in mei­ner Rech­ten noch immer das Flo­rett befand, wes­we­gen es auch unmög­lich ist das Schlach­ten hier prä­zi­se zu beschrei­ben. Es war jeden­falls ein uto­pi­sches Misch­masch jeder Beschrei­bung spot­tend, solan­ge bis ich nur noch einen vor mir hat­te, der letz­ten Endes dann eben­falls in die Burg­gas­se ent­schwand. Damit waren sämt­li­che Miss­ver­ständ­nis­se für immer und ewig berei­nigt. Ich wur­de zwar zum Hel­den hoch­sti­li­siert, war mir aber bewußt, dass an die­sem Abend zwei Wel­ten auf­ein­an­der­ge­prallt waren, die Welt der Schlä­ger und die Welt des kunst­vol­len Fech­tens. Die Eine hat­te mit der Ande­ren nicht das Gerings­te zu tun. Es war ein Spiel. Ein schmerz­haf­tes. Für die Schlä­ger. Dar­an aber waren die Drei ja gewohnt.

Bernd Spitzer beim Duell.
Bernd Spit­zer in unse­rem “Duell-Ground” in der Gra­zer Peters­gas­se.

Die­se drei Jah­re gin­gen tat­säch­lich bis weit unter die Haut. Nicht nur, dass ver­sucht wur­de, uns die Wur­zeln des Thea­ters ver­ständ­lich zu machen, den Thea­ter-Wer­de­gang halb­wegs bewusst zu machen – soweit man es damals kann­te und konn­te  – auch die recht­li­che Situa­ti­on wur­de ge-klärt und die lite­ra­ri­sche Geschich­te er-klärt. Die Geschich­te des Thea­ters hat­te es mir beson­ders ange­tan, immer wie­der trifft der Suchen­de auf urmen­sch­lichs­te For­de­run­gen. Da bin ich Dr. Wal­ter Zit­zen­ba­cher für sei­ne Wis­sens-Syn­chro­ni­sa­ti­on heu­te noch dank­bar! Genau­so Kurt König von der Gewerk­schaft. Da wur­de mir erst­mals klar, dass Vie­les, was so tro­cken erscheint, Urmen­sch­li­ches in sei­nen Bedürf­nis­sen plötz­lich mensch­lich erscheint. Jedes Wort unse­rer Vor­tra­gen­den saug­te ich auf und archi­vier­te es für den spä­te­ren Gebrauch, man­ches aller­dings wirk­te sofort. Ich wur­de zum Schwamm. Das mil­der­te sich im Lau­fe der vie­len Jah­re. Das Schwam­mi­ge blieb, das Auf­sau­gen wur­de immer weni­ger. Viel­leicht des­we­gen, weil es nicht mehr viel Auf­zu­sau­gen­des gibt?
Alle Neben­ge­gen­stän­de unse­res Stu­di­ums wur­den aller­dings über­strahlt von “rhyth­mi­scher Gym­nas­tik”. Hin­ter die­ser Bezeich­nung lau­er­te schon wie­der ein Anschlag auf das Ver­ständ­nis unse­rer Exis­tenz. Das reich­te von den Grund­la­gen des Bal­letts, über den Büh­nen­tanz, über die kör­per­sprach­li­chen Ele­men­te, bis hin zu den Elem­ten­ten von Kabu­ki und No oder den ritu­el­len Eigen­hei­ten bali­ne­si­scher Tän­ze­rin­nen. Kör­per­spra­che war für mich abso­lu­tes Neu­land. Fas­zi­niert hör­te ich zu, wenn es dar­um ging, dass das Abbie­gen eines Fin­ger­ge­lenks etwas aus­drü­cken konn­te. Was es aus­drü­cken kann in Kom­bi­na­ti­on mit der gan­zen Kör­per­hal­tung, dass es etwas ganz spe­zi­el­les aus­drü­cken kann, je nach­dem das gan­ze Umfeld kon­fi­gu­riert ist. Refe­riert und in der Pra­xis geübt wur­de das alles von der Bal­lett-Meis­te­rin der Ver­ei­nig­ten Büh­nen Graz, Edith Kau­er. Ihr ver­dank­ten wir auch die Auf­trit­te in der Gra­zer Oper in Tschai­kow­skis “Der Nuss­kna­cker”, in der Sze­ne “Schlacht der Mäu­se”, und in Ros­si­nis “Ita­lie­ne­rin in Algier”. Wir waren zwar vier Ele­ven, erin­nern kann ich mich nur an Die­ter Dor­ner und Erich Göl­ler. Wir wur­den sogar von der Gra­zer Öffent­lich­keit gut auf­ge­nom­men. Die Thea­ter­kri­ti­ker von damals nah­men uns mit Wohl­wol­len wahr und Inten­dant André Diehl ehr­te uns nach der Pre­miè­re sogar mit einer Fla­sche Cham­pa­gner!

Meinrad als Schlachtmaus in Tschaikowskis "Nussknacker"-Suite
Mein­rad als eine der Schlacht­mäu­se in Tschai­kow­skis “Nuss­kna­cker”

Die “Ita­lie­ne­rin” ist bis heu­te in mei­nen Erin­ne­rungs­gan­gli­en fest­ge­gra­ben. Und zwar durch jene Sekun­den, die in mei­nen Leben offen­sicht­lich ganz ent­schei­den­de Bedeu­tung hat­ten. Die Büh­ne des Gra­zer Opern­hau­ses wur­de damals in eine schie­fe Ebe­ne ver­wan­delt. Unse­ren Auf­tritt als Bal­lett-Her­ren hat­ten wir eini­ge Meter unter­halb des Büh­nen-Niveaus, also für das Publi­kum unsicht­bar über eine stei­le Trep­pe. Kos­tü­miert waren wir nur durch brau­ne Ganz­kör­per­schmin­ke, ein Biki­ni­hös­chen, ein soge­nann­tes “Sus­pen­so­ri­um”, und oben ´rum ein grob­ma­schi­ges Netz­ge­flecht. Also äußerst ero­tisch. Mit musi­ka­li­schem Auf­takt aus dem Orches­ter­gra­ben erschie­nen wir. Das Publi­kum sah zunächst Nichts, dann nur unse­re Köp­fe. Dann etwas mehr, die Schul­tern. Wir schrit­ten lang­sam die Trep­pe hin­auf. Das Netz­ge­flecht kam zum Vor­schein, unser Ober­kör­per und noch mehr, unse­re Six­packs und schließ­lich unse­re Bei­ne! Wir selbst sahen unse­ren Auf­tritt aus der Per­spek­ti­ve der Dar­stel­ler. Erst sahen wir vor uns nur die übli­chen hel­len anony­men Publi­kums­ge­sich­ter, ver­wa­sche­ne hel­le Fle­cken. Bin­nen Sekun­den tauch­ten aus der Fins­ter­nis drum­her­um hun­der­te über­hel­le kleins­te Fle­cken auf, ersetz­ten die Gesichts­fle­cken. Wir fühl­ten ein Anhal­ten der Atem­zü­ge. Ganz Graz schien urplötz­lich auf uns zu star­ren mit den büh­nen­licht­spie­geln­den Opern­gu­ckern. Wir stan­den im Mit­tel­punkt des öffent­li­chen Inter­es­ses. Wur­den gleich­sam auf­ge­fres­sen, jeder unse­rer Schrit­te wur­de kon­su­miert, genos­sen. Für mich jeden­falls war der Genuß ganz offen­sicht­lich und spür­bar. Da erfuhr ich, was es bedeu­tet extro­ver­tiert zu sein, was es heißt, da zu ste­hen, fast nackt und hilf­los, aus­ge­lie­fert zu sein und das alles noch dazu bei­na­he sado­ma­so­chis­tisch aus­zu­kos­ten. In die­sem Augen­blick wur­de das Lein­tuch des beruf­li­chen Geheim­nis­ses um den Umgang mit Ande­ren an einem Zip­fel wenigs­tens gelüpft. Wir emp­fin­gen eine der vie­len “höhe­ren Wei­hen”. Umschrie­ben wur­de die­ses “Geheim­nis” immer wie­der mit dem “Mut zur Häß­lich­keit”. Dass ich kei­nen “Mut” nötig hat­te, erfuhr ich in die­sen Augen­bli­cken. Mut benö­tigt man nur für das Erken­nen von Rea­lis­ti­schem. Ansons­ten bleibt nur der Weg in die Fik­ti­on.
Um aller­dings Fik­ti­ves dar­stel­len zu kön­nen, müss­te man erst Rea­lis­ti­sches erken­nen kön­nen. Die Wege dort­hin auf­zu­zei­gen bemüh­ten sich alle jene, die uns sze­nisch betreu­ten und alles gaben, was sie uns jeweils mit­ge­ben konn­ten. Mar­git Jautz, Wolf­gang Krass­nit­zer, Her­tha Heger, Rudolf Buc­zo­lich, Ernst Ther­wal, Rudolf Kau­tek, nicht zu ver­ges­sen Leo Stein­hart. Der Vater eines ehe­ma­li­gen Mit­schü­lers, Alex­an­der, Alex­an­der im Geschichts­un­ter­richt! Das Erleb­nis dazu habe ich ja bereits im ers­ten Buch beschrie­ben. Die Fami­lie Stein­hart bil­de­te Eck­stei­ne in mei­nem Leben, so scheint es. Leo Stein­hart in der Char­gen-Rol­le des Dorf-Idio­ten in dem Dra­ma “Andor­ra” von Max Frisch hat mich sehr beein­druckt. Es war dies ein sehr tief gehen­des per­sön­li­ches Schlüs­sel­er­leb­nis. Leo Stein­hart in einer stum­men Rol­le, ohne ein Wort zu sagen ging er quer über die Büh­ne, lang­sam und ein­drucks­voll. Er schlepp­te sich über die Büh­ne. Das heisst, erst kam sein Kopf, sei­ne Augen, dann kam sein Kör­per, die Arme, wel­che starr und steif, bewe­gungs­los an sei­nen Sei­ten her­un­ter­hin­gen, Füs­se, wel­che kurz und platt­fuss­ar­tig vor­ein­an­der gesetzt wur­den, voll­auo­ma­tisch von sei­nen Bli­cken auf die ande­re Büh­nen­sei­te gezo­gen wur­den, still, ohne einen Laut von sich zu geben, schlepp­te sich da eine Figur durch das Uni­ver­sum. Eine Figur vol­ler Span­nung. Nie­mand rühr­te sich, jede und jeder waren gebannt. Was geschah da? Das Publi­kum hielt, jeder und jedem spür­bar, den Atem an, kein Hüs­teln, kein Räus­pern. Abso­lu­te Stil­le.  Auch ich war gebannt und erstarrt.

Meinrad Nell in der Rolle eimes Soldaten in "Die dritte Front" von Harald Zusanek.
Mein­rad Nell als Sol­dat in “Die drit­te Front” von Harald Zus­anek. Die drit­te Pre­miè­re im Rah­men der Neu-Eröff­nung des Gra­zer Schau­spiel­hau­ses am 19.3.1964. Der dama­li­ge Regie­as­sis­tent Claus Hom­schak hat­te von der Adjus­tie­rung der Sol­da­ten wie es scheint wohl noch wenig Ahnung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.