Im Brandhof

Der „Brandhof“ – jedem wahren, echten Steirer ein Begriff wie Brot, Kernöl oder Bier oder die Mur. Mit dem „Brandhof“ ist man damals, in den Jahren nach 1945, aufgewachsen. Der „Brandhof“ wurde, war und ist Bestandteil des Lebens in der grünen Mark. Schon als Kleinkinder wussten wir, dass dieser Hof ein größeres Gehöft war und noch immer ist, und irgendeine Rolle spielte im Geschichtsablauf unserer Heimat und wir wussten, wo ungefähr dieses Gehöft lag und liegt. Schlagartig trat es ins konkrete Bewusstsein mit Beginn des Konfirmanden-Unterrichts für den evangelischen Teil der Schüler des Pestalozzi-BRG, also mit 14 Jahren: Die Raucherschule von Bad Mitterndorf (siehe Band 1/Die Raucherwurzel) setzte sich fort in einem nach dem Original benannten Restaurant. Beinahe nahtlos und mit Vehemenz. Dieser „Brandhof“ befindet sich an der Ecke Luthergasse / Gleisdorfergasse in Graz. Im Haus gegenüber, auf der anderen Straßenseite der Luthergasse befand sich der Ort des Konfirmanden-Unterrichts, im ersten Stock des Gebäudes dort. Dieses Gebäude hatte nur Fenster zur Luthergasse hin. Gleichzeitig war dies auch die Heimstatt unseres „Kreises“, des wöchentlichen Donnerstag-Abend-Treffpunkts. Als „Kreis“ bezeichnete man unsere Gruppe im Rahmen der evangelischen Jugend. Der Zugang zu den Räumlichkeiten unseres „Kreises“ erfolgte über den Kaiser-Josef-Platz. Neben dem Eingang zur Kirche befand sich die Haus-Tür zu den Gebäuden und Räumen der evangelischen Gemeinde der Heilandskirche in Graz. Über den Hof gelangte man in „unsere“ Räume. Erst betraten wir einen kleineren, sogenannten „Einachser“ mit nur einem Fenster, dann folgte der größere, der „Zweiachser“, mit zwei Fenstern. Aus den Fenstern sahen wir genau in den Gastgarten des „Brandhof“. Eine Zeit lang konnten wir nicht nur wettermäßig erfolgreich widerstehen. Aber dann wurde es bereits wärmer, die ersten Gäste saßen des Abends schon im Garten, heiter und fröhlich. Drei oder vier von uns fassten sich ein Herz und betraten den verführerischen Gastgarten des „Brandhof“. Wir tranken Cola. Ein Glas. Aber dann, ja dann luden uns ein paar Erwachsene ein, auf je ein Glas Bier, auf ein echtes Steirisches, und auf ein zweites. Für das erste „Seiterl“ benötigten wir trotz der vielen Antworten, die wir den Erwachsenen geben mussten, nicht so lange, denn da spielte schon das bischen Durst eine Rolle. Immerhin hatten wir ja eine sogenannte „Bibelstunde“ hinter uns in der ja auch heiß diskutiert wurde. Für das zweite „Seiterl“ brauchten wir schon länger. Dieses zweite Glas mussten wir schon richtig „trinken“, der reale Durst war ja bereits gelöscht. Als wir uns kurz darauf vom Tisch erhoben taten wir uns schon etwas schwer. Solange wir einfach nur dasaßen war ja nichts zu bemerken. Aber im Stehen schwankte unsere Umgebung, die Tische und Sessel und Türen und Lichter. Das fanden wir interessant und bemerkenswert und machten uns lustig darüber. Wir verabschiedeten uns von unseren vermeintlichen Gönnern mit lustigen Sprüchen auf den Lippen und wankten zur Garten-Seitentür hinaus, hinaus in die Luthergasse. Das Schwanken der Umgebung wurde prompt etwas stärker. Als wir einige Meter geschwankt waren, schien uns ein Kanalgitter in der Fahrbahn-Mitte der Luthergasse anzuziehen. Wir verspürten einen leichten gemeinschaftlichen Drang in unseren Nieren-Regionen, der immer stärker wurde, je näher wir dem Kanalgitter kamen. Wir hätten sicher gleich im „Brandhof“ die Toilette besuchen können, hatten allerdings schwerwiegende Hemmungen und erst das Kanalgitter erschien uns als Erlösung. Und so bildeten wir einen Rahmen um und für das Gitter. Dazu muss man noch bemerken, dass Graz – so wie ganz Österreich – um diese Zeit fast ausgestorben war und kaum ein Fahrzeug sich auf den Strassen befand. Die Bevölkerung gab sich dem Fernsehen hin, das war ja wirklich etwas Neues! Das musste man genießen, und wenn es beim Nachbarn oder in irgendwelchen Café-Häusern war. Wenn möglich mit vorgeschaltetem Farb-Folien-Schirm! Künstlich, klar. Fernsehen war in dieser Zeit grau-weiß, Farbe war utopisch! Um wenigstens ein wenig Farbe ins TV-Leben zu bringen, montierte man raffinierte Folien vor den analogen Fernseh-Bild-Schirm mit seinem Zeilen-Schalt-Gerät. Jedes einzelne Bild wurde damals noch in seine Bestandteile, in Grauwerte, zerlegt und durch einen einzigen Kathoden-Strahl auf das Innere der Bildröhre geworfen, in einzelnen Zeilen, in jeder Sekunde. Klar, dass man auf diese Art bald schon ans Ende der Gedanken und Ideen gestoßen wurde! Österreich war damals also dabei, das Fernsehen zu entdecken, so wie man heute den Rechner-Verbund des Internets vermeintlich entdeckt. Das Fernsehen selbst war der „Straßen-Feger“. Das heißt, es war fast kein Fahrzeug unterwegs. Bis auf einsame Straßenbahnen und Büssing-Autobusse. Die Strasse gehört uns alleine. Uns und den sogenannten „Studenten-Ulks“. Für diese Art Humor war Graz damals berühmt-berüchtigt. Es war ja auch die Stadt der Studenten. Möglicherweise glaubten wir daran, dass das gemeinsame Wasserlassen in den Strassen-Kanal ein solcher Ulk war. Wir fanden es jedenfalls sehr lustig.

Dieses Ereignis manifestierte den Beginn unserer Trinker-Schule, der echten und wahren steirischen Bier-Trinker-Schule. Eigentlich wechselte ich ja von der Phase I der praktischen Lebenserfahrung hinüber in die Phase II. Ich erweiterte meinen obersteirischen Magister Nicotinensis nach Absolvierung der Raucherschule von Bad Mitterndorf um den Titel eines  Magister Alcoholensis des Grazer Seminars für das Trinken von Bieren und sonstigen Getränken – ich war also Mag. nic. & alc. Den „Brandhof“ funktionierten wir ganz einfach um zum Trinker-Seminar-Raum. Die Erwachsenen von damals ließen es allerdings beinhart und herzlos bei den zwei Glas Bier bewenden. Diese zwei Glas setzten immerhin eine Kombination aus Lawinen und pazifischen Tsunamis inklusive atomexplosionsähnliche schicksalshafte Ereignisse in Bewegung. So sorgten wir etwa in weiterer Folge für die erfolgreiche Verteidigung des Titels eines Präsidenten des „Ersten Österreichischen Stiefeltrinkerbundes“. Wobei die zwei Liter Bier in einem einzigen Zug getrunken werden mussten. Aus dem gläsernen Zwei-Liter-Stiefel kann man übrigens nur trinken ohne das Bier über sich selbst auszuschwappen, indem man die Stiefelspitze nach unten richtete. Eleven wurden beim Trinken scharf und voller Hoffnung auf Schadenfreude beobachtet. Und selbstverständlich durfte man den Stiefel voll des köstlichen Bieres nur mit einer Hand stemmen, indem man ihn an der schmalsten Stelle griff. Natürlich bekam man fast in jeder Gastwirtschaft die normalen, ordinären Zwei-Liter-Krüge, aber der gefüllte große Stiefel war schon etwas Besonderes. Der „Brandhof“ hatte einen solchen. Er hatte auch einen ganz besonderen Ober. Einen echten und im Jahre 1956 vor den Sowjets leibhaftig geflüchteten Ungarn. Janosch hatte hier, im „Brandhof“, die Sicherung seiner Existenz gefunden. Er war sehr dankbar und wendig und flink und brachte uns die hohe Schule des Essens und Trinkens in der Gastronomie und damit auch in der Gesellschaft bei. Nicht nur, dass er mir wöchentlich mein geliebtes „Beuschel mit viel, viel Semmeln und ohne Knödel“ mit einem kleinen Häubchen Sauerrahm servierte, er lehrte uns auch den Reifezustand von Camembert zu überprüfen und wie und womit man denn diesen „Schimmelpilzkäse“ am besten genießt, servierte uns den köstlichen gebackenen Emmentaler oder das damals als Herrengulyas benannte Gulasch mit Würstel, Gurkerl und Spiegelei. Und natürlich „viel, viel Semmeln“. Besonders in Erinnerung blieb und bleibt mir immer noch die Fleischstrudelsuppe mit „viel“ Schnittlauch. Außerdem noch die obligatorischen gebackenen Champignons mit Sauce Tartare und so weiter und so fort. Janosch schien auf einer Wolke des Lächelns zu schweben, des leichten Lächelns. Dieses Lächeln konnte man ahnen, nicht sehen. Er konnte allerdings auch sehr, sehr bestimmt sein. Überhaupt war er sehr zielgerichtet. Den „Brandhof“ samt seinen Gästen hatte er jedenfalls im Griff. Er war auch bereit, was er bisher erfahren musste, weiterzugeben, war nicht böse, war tolerant und menschenfreundlich trotz allem, was er auf seiner Flucht und zuvor alles hatte erleben müssen. Indem ich ihn beobachten durfte, wie er sich mit den unterschiedlichsten Menschen abgab und nie die Übersicht verlor, begriff ich erst, dass ich durch seine unbewusste Hilfe noch viel mehr erfahren konnte.

Maskenball im "Brandhof" Anfang der 1960er-Jahre. Elisabeth Wondrak (Kunstakademie), "Mumie" Günther Schmidt-Corten (evang. Jugend) und Meinrad Nell. Im Vordergrund ausnahmsweise ein ganz "normaler" Bierkrug.
Maskenball im „Brandhof“ Anfang der 1960er-Jahre. Elisabeth Wondrak (Kunstakademie), „Mumie“ Günther Schmidt-Corten (evang. Jugend) und Meinrad Nell. Im Vordergrund ausnahmsweise ein ganz „normaler“ Bierkrug.

Da gab es beispielsweise mein berühmtes Wechselspiel mit dem Kanadischen Dollar. Über Jahre hinweg. Zu Ende gewechselt war der Dollar erst als ich nach Kärnten übersiedelte. Lange vor meiner Zeit als Brandhöfling, in meiner Schulzeit, während des Besuchs der Oberstufe, hatte ich zwei Brieffreundinnen, eine in Finnland, in der bekannten Hafenstadt Pori, und eine in Kanada, in Toronto, Ontario. Die Kanadierin schickte mir irgendwann einmal zu Weihnachten eine 1-Dollar-Note als Geschenk, als Glücksbringer. Als solchen behandelte ich diese Banknote auch. Sie bekam in meiner Börse hübsch zusammengefaltet ihren ganz besonderen Platz. Ein paar Jahre lang hielt sie sich dort. Solange bis mich Janosch vom „Brandhof“ auf die Idee kommen ließ den Noten-Wert dieses Glücksbringers in österreichische Schilling einzutauschen. Natürlich nur dann, wenn ich im Laufe des Monats Bedarf danach hatte. Zu Beginn des Folgemonats könnte ich den Kanada-Dollar ja wieder als Glücksbringer zurückkaufen. Der Dollar war damals achtundzwanzig österreichische Schilling wert. Ganz offiziell. Das blieb er auch. Zwischen Janosch und mir. Es war eine Fix-Nota. Recht viel damals, in den 1960er-Jahren. Da bekam ich schon 3 Schachteln Zigaretten Marke „Melody“. Ein Beuschel ohne Knödel, dafür mit viel, viel Semmeln kostete ungefähr fünf Schilling, ungefähr so viel wie ein Krügerl Bier! Zu Beginn des Monats also achtundzwanzig Schilling hin und am Monatsende achtundzwanzig Schilling her. So ging das Monat für Monat, einige Jahre hindurch. Erst als ich mich entschloss, dem Rat meines Freundes Dieter Dorner zu folgen und in geografischer Nähe meines erkrankten Vaters zu bleiben und nach Kärnten mit den berühmten Sicherheiten des Österreichischen Rundfunks zu ziehen, überließ ich den Kanada-Dollar samt möglichem Devisen-Gewinn meinem Ehren-Professor Janosch.

"Musterung" musste sein! Sie wurde zum Anlass genommen, um im "Brandhof" ausgiebigst zu feiern!
„Musterung“ musste sein! Jahre später begriff ich erst, was dieser Zettel Papier für mich tatsächlich bedeutete. Aber natürlich wurde dieses „Tauglich-Sein“ zum Anlass genommen, um im „Brandhof“ ausgiebigst zu feiern!
Wir wuchsen im Zeitalter der Hörigkeiten auf. Wenn "Belehrungen" korrigiert werden mussten, wurden sie maschinenschriftlich geändert, nicht gedruckt. Ist natürlich billiger.
Wir wuchsen im Zeitalter der Hörigkeiten auf. „Belehrungen“ mussten korrigiert werden, maschinenschriftlich, nicht gedruckt! Also individuell angepasst!

Zwischen dem Gastgarten des „Brandhof“ und dem angrenzenden Nachbarhaus in der Luthergasse gab es damals noch eine Zufahrt zu den Werkstätten der Vereinigten Bühnen. Dort entstanden die Bühnenbilder und Dekorationen für die Aufführungen im Grazer Opernhaus. Und dieses Grazer Opernhaus befand sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe des „Brandhof“ – schräg gegenüber. Am Kaiser-Josef-Platz, wo auch ein großer Teil der Lieferanten meiner Eltern domizilierte. Das ganze Viertel um diesen Platz herum bildete also meinen Lebensraum: Die evangelische Gemeinde inklusive Heilandskirche, der Kunsttempel von Graz, das Opernhaus, und der „Brandhof“. Das Schauspielhaus oberhalb des Doms wurde erst etwas später eröffnet, 1961. Ein Teil der Stammgäste des „Brandhof“ kam aus diesem Milieu der Sänger, Schauspieler, Dirigenten, Musiker, Souffleusen, Balletteusen und so weiter. Es gärte hier. Das konnte jeder spüren, der noch was spüren konnte. Es lag in der verträglichen Mischung von Kunst, von Praktikabeln, von Tradition und Innovation, Ungewohntem, von freiem und uneingeschränktem Sich-Auseinandersetzen , von nicht-kanalisiertem und instrumentalisiertem Denken und Handeln. Und natürlich gab es wie immer und überall die Versuche nach den vielen entsetzlichen Jahren alles wieder „auf Schiene“ zu bringen, die Waggons wieder einzugleisen, Lokomotiven davor zu spannen und einen Fahrplan zu koordinieren. Diese Versuche dauern bis heute und sind, so wie jeder Versuch, nur teilweise gelungen. Züge fahren noch immer, sogar mit Wasserstoff betriebene, Geleise werden noch immer verlegt, so wie vor 200 Jahren, obwohl der akute Mobilitätsbedarf dem entgegensteht. Irgendwann wird man dem Bedürfnis der Bevölkerung schon entsprechen und die Gleisbetten einem intelligenten und vernetztem Mobilitätskonzept freigeben. Es wird noch einige Jährchen brauchen, aber es ist schon absehbar. Die Rohstoffkrise wird uns kleine Menschlein dazu zwingen im Rahmen des „urban mining“ auch die Geleise zu recyceln. Wobei dann nichts mehr „auf Schiene“ gebracht werden muss. Versuche sind eben dazu verurteilt, Versuche zu bleiben. Jeder Versuch bringt Destruktivität mit sich. Destruktivität bis hin zur Vernichtung, nur die Keimzelle von Leben erreichen die Versuche und deren Auswirkungen nicht, Leben ist auf unserer Erde immer übergeordnet, ist für uns „Hominiden in statu nascendi“ unerreichbar. In diesem Zusammenhang kann ich mich erinnern im „Brandhof“ in kleiner Runde über die Ideen diskutiert zu haben, die man schon damals, vor dem Diktat der Kraftstoff- und Verbrennungsmotor-Lobby in großen Teilen der Presse zu lesen und zu schauen bekam. Der „Brandhof“ war für uns schon so etwas wie ein Forum für alles Mögliche, für ernste und ernsthafte Diskussionen, für Meinungs- und Erfahrungsaustausch.

Barbara Schemeth und Erich (später dann: Erik) Göller 1964 auf dem Weg ins Nirgendwo, welches Immer und Überall und Ewig ist. Schade, dass die Zeit unseres Zusammenseins nur so kurz sein durfte.
Barbara Schemeth und Erich (später dann: Erik) Göller 1964 auf dem Weg ins Nirgendwo, welches Immer und Überall und Ewig ist. Schade, dass die Zeit unseres Zusammenseins nur so kurz sein durfte.

Wenn wir irgendwo in der Nähe waren, das Bedürfnis verspürten miteinander zu reden oder zu diskutieren, vielleicht sogar zu streiten, hieß es immer wieder: „Gemma in den Brandhof!“ und schon gingen wir. Mit Horst etwa, den wir nach endlosen Diskussionen über Gott, das Leben und Missionierungen und deren Ziele, über Pfarrer und die Welt, an die Mormonen, die „Heiligen der Letzten Tage“, verloren. Da waren auch die Nicht-Enden-Wollenden Gespräche über Kinder und deren Erziehung damals. Ein Ende ist auch heute nicht abzusehen, kann auch nicht sein. Die interessantesten Gespräche diesbezüglich hatte ich einige Jahre später mit Dr. Fred Sinowatz als er Unterrichtsminister war und kurze Zeit Bundeskanzler. Ihm ist zwar die Renovierung des damaligen Volksschulsystems gelungen, aber seine weitergehenden Vorstellungen wurden einfach nicht akzeptiert. Die kleineren Schritte waren aber durchaus erfolgreich. Erst jetzt  – 2018 – fand auch die restliche Hälfte des österreichischen Herzens ihren sogenannten linken Weg. Aber das ist ja das Schicksal der Austro-Linken, nämlich aufgesogen zu werden, von wem auch immer. Ohne es zu bemerken wird nach links gerutscht. Unter ganz anderen Richtungsangaben. 
Immer wieder zuckten Gedankenblitze auf, von und über Mobilität der Zukunft. Der Ausstoß von Gasen, die schädlich sein könnten, bereitete uns damals schon Sorgen, obwohl für so manchen der Benzin- oder Diesel-Geruch ganz angenehm zu sein schien. Die zwanghafte Sucht zum Kfz.-Waschen, die zeitliche Dimension der Zersetzung des Metalls, all das wurde von uns ahnungslosen Jugendlichen im „Brandhof“ diskutiert. Bis jeder von uns seinen Weg zur Lösung dieser Fragen gefunden hatte, jeder alleine für sich selber. Daraus entstanden in weitere Folge, in den vielen Jahren seither, Begriffe wie Urban Mining oder Urban Recycling. Damals starben die Wälder noch nicht, Feinstaub war unbekannt. Wir besprachen auch Aufführungen der Oper, der Kammerspiele, des Forum Stadtpark selbstverständlich, wir sprachen über sehenswerte Filme, bis ins kleinste Detail oder blödelten entspannt und locker vor uns hin, manchmal unterstützt von Janosch. Wo wir nur konnten, informierten wir uns. Über Print-Medien. Es war die große Zeit der Druckereien und Drucker, die Zeit der Kaffeehäuser. Wie oft sind wir vom „Brandhof“ nach Hause gegangen und haben endlos lange gebraucht bis wir angekommen sind, weil wir diskutiert haben, über Gott und die Welt, über die Unendlichkeit, welche auch ein Ende hat – unvorstellbar, oder?

Tschaikowsky´s "Nussknacker". Im solistischen Teil des pas de deux drehte sich die Solistin gezählte 32 mal en pointe und ließ sich dann hinter den Kulissen auf die bereitgestellte Liege fallen, erschöpft, total verausgabt. Da begriff ich erst, was "Engagement" oder Hingabe in unseren Berufen bedeutet. Von Solisten, also den männlichen Partnern, erwartete man damals üblicherweise nicht so viel Einsatz.
Tschaikowsky´s „Nussknacker“. Im solistischen Teil des pas de deux drehte sich die Solistin gezählte 32 mal en pointe und ließ sich dann hinter den Kulissen auf die bereitgestellte Liege fallen, erschöpft, total verausgabt. Manchesmal durfte ich ihr Händchen halten. Da begriff ich erst, was „Engagement“ oder Hingabe in unseren Berufen bedeutet. Von Solisten, also den männlichen Partnern, erwartete man damals nicht so viel Einsatz.