Bombenerinnerungen…

An einem Win­ter­tag ging mein Vater dar­an, Bana­nen­stau­den aus­zu­pa­cken. Sie waren ver­packt in gro­ßen Kar­tons. An die Auf­schrift und die Her­kunft die­ser köst­li­chen Gewäch­se kann ich mich lei­der nicht erin­nern. “Chi­qui­tas” kön­nen es noch nicht gewe­sen sein. Die­ser Ver­triebs­ka­nal kam erst viel spä­ter. Weil ich Bana­nen ger­ne moch­te und aß, half ich beim Ent­pa­cken. Die Stau­den waren gelb und schwer. Ich war ganz begeis­tert bei der Arbeit, als ich mei­nen Vater “Woat! Woat! (War­te! War­te!)” rufen hör­te. Ich blick­te hin­über zu ihm, sah ihn mit Veits­tanz-ähn­li­chen Bewe­gun­gen her­um­tan­zen, blick­te suchend auf den Boden und sah das exo­ti­sche “Viech” ganz in glän­zen­dem Schwarz mit affen­ar­ti­ger Geschwin­dig­keit Ver­ste­cke suchen. Nicht lan­ge, dann ver­schwand es unter hör­ba­rem Knack­sen unterm rech­ten Schuh mei­nes Vaters. Er zer­malm­te das unbe­kann­te exo­ti­sche “Viech” gleich mehr­mals. “Sicher ist sicher” mur­mel­te mein Vater, hol­te Rei­ni­gungs­ge­rä­te, wie Besen und Schau­fel, und besei­tig­te die Relik­te des Unge­tüms in der Müll­ton­ne der städ­ti­schen Müll­ab­fuhr im soge­nann­ten “Hof” unse­res Hau­ses. Jah­re spä­ter muss­te ich erfah­ren, dass sich da ein Kaker­la­ke ein­zu­schlei­chen ver­sucht hat­te, eine Küchen­scha­be. Als “La Cuca­racha” im Gra­zer Augar­ten­bad jeden Tag über Laut­spre­cher die Bade­gäs­te ani­mier­te, hat­te auch ich noch kei­ne Ahnung, dass das nur “Küchen­scha­be” bedeu­ten konn­te. Offen­sicht­lich hat­ten auch jene kei­ne Ahnung davon, die sonst immer alles bes­ser wuss­ten und nicht zöger­ten ihren radio­ti­schen Kom­men­tar sofort abzu­ge­ben. Erst vie­le Jah­re spä­ter wäh­rend der ers­ten Aus­lands­auf­ent­hal­te lern­te ich die­se Tier­leins genau­er ken­nen und erst als der öster­rei­chi­sche Jung­bar­de Hein­rich Wal­cher sein Lob­lied auf die Kaker­la­ken ein paar Mona­te in der Ö3-Hit­pa­ra­de plat­zie­ren ließ, wur­de allen Unter­hal­tungs-Kon­su­men­ten klar, was es hieß von Kaker­la­ken mal­trä­tiert zu werden.

Mein Vater erzähl­te mir sehr viel über das, was man in der euro­päi­schen Nach­kriegs­zeit als “Kolo­ni­al­wa­ren” bezeich­ne­te, über Dat­teln, Bana­nen, Oran­gen, Tee, Kaf­fee und Kakao, über die Her­kunfts­län­der und die Far­men und die Anzucht und natür­lich auch über Tabak. Obwohl wir den auch in Öster­reich züch­te­ten. Und gar nicht so weit weg von Graz. In der Süd-Ost-Stei­er­mark in der Gegend von Fürs­ten­feld und Feld­bach etwa. Aber die bes­se­ren Taba­ke kamen schon aus dem Aus­land, von “Kolo­nien”, wie etwa Kuba. Die­se Län­der waren gar nicht so leicht zu errei­chen, die Super-Con­tai­ner­schif­fe mit ihren spe­zi­el­len Häfen waren damals noch in wei­ter Fer­ne. Gera­de in die­sen Jah­ren lös­ten sich die vie­len, vie­len Kolo­nien gera­de auf, die Län­der began­nen selb­stän­dig zu wer­den, sie wur­den zu Natio­nal-Staa­ten. Das heißt, sie began­nen gera­de damit. Es war – für vie­le – ein stei­ni­ger Weg. Eini­ge weni­ge schaff­ten es, den Weg zur Demo­kra­tie, die meis­ten blie­ben auf dem Weg irgend­wo hän­gen. Denn irgend­wo hol­te sie wie­der die Kor­rup­ti­on ein, das gilt übri­gens auch für das alte, knor­ri­ge Euro­pa. Die Grün­dung von “Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal” im neu­en Jahr­tau­send hat da schon Eini­ges bewirkt.
Die euro­päi­sche “Ent­de­ckung” der See­we­ge war ja die Grund­la­ge der “indus­tri­el­len” Begrün­dung von Kolo­nien, von kos­ten­güns­ti­gen Ern­ten, für die groß­flä­chi­ge Ent­de­ckung und Nut­zung von Roh­stof­fen und Arbeits­kräf­ten für eini­ge Weni­ge, damals noch aus­schließ­lich in  Euro­pa Exis­tie­ren­de. Was schließ­lich auch zu den bei­den gro­ßen Welt­krie­gen geführt hat­te. Die Zeit des Mär­chen-Erzäh­lens geht mit der fort­schrei­ten­den Digi­ta­li­sie­rung zu Ende. Ele­fan­ten, Haie und Wale, die hun­der­te von Jah­ren lebens­fä­hig sind, ver­die­nen sich plötz­lich Aner­ken­nung und Respekt.

Unser “Geschäfts­por­tal” war damals, in jenen Jah­ren, ein ech­tes Not-Por­tal. Die Bom­be, die das Haus gegen­über flach leg­te, leg­te auch Schau­fens­ter und Geschäfts-Ein­gang nie­der. Zer­mör­scher­te Fens­ter und Türen, Schutt, zer­split­ter­tes Glas und mit­ten­drin die paar Lebens­mit­tel von damals. Aber die Bewoh­ner hat­ten “Glück”, nie­mand ver­lor sei­ne Unter­kunft, sei­ne Exis­tenz, sein Leben. Man konn­te alles wie­der zusam­men­bas­teln oder zusam­men bas­teln las­sen. Roh, selbst gebas­telt aus alten Kanis­tern, Kar­tons, Pap­pe, man muss­te sich nur zu hel­fen wis­sen, zur Not. Und so schau­te auch unser “Por­tal” aus. Wo das Schau­fens­ter war, war nur noch rohes, unbe­ar­bei­te­tes Mau­er­werk, dahin­ter befand sich eine Wand aus lau­ter alten Bret­tern und ein Stück Glas­scher­be. Dane­ben eine natür­lich auch selbst gebas­tel­te Tür mit einem Hauch von Fens­ter drin. So leb­ten wir noch ein paar Jah­re, nach unse­rer Rück­kehr aus Bad Mit­tern­dorf. Wie sich das mit dem The­ma “Sicher­heit” ver­hielt, dar­über schweigt sich die Erin­ne­rung aus.
Eine ein­ge­hen­de Unter­su­chung des Kel­lers ver­hin­der­ten Angst und Furcht. Für mich gab es nur die bei­den vor­ders­ten Kel­ler-Abtei­le. Das Abteil des Haus­meis­ters – der sich ein klei­ne Tisch­le­rei ein­ge­rich­tet hat­te, er war ja haupt­be­ruf­lich bei der ÖBB. Und unser eige­nes Abteil, mit Obst­pres­se und leben­den Kanin­chen. Die gab es aller­dings nur ein paar Jähr­chen. Die­se Abtei­le waren “gesi­cher­te” Räu­me, mit spe­zi­el­len Türen. Der ande­re Teil des Kel­lers war für mich tabu, nicht exis­tent. Da war Dun­kel­heit, da war Angst und Furcht und Unwohl­sein, solan­ge, bis ich mich aus der Stey­rer­gas­se verabschiedete.

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