Pandemische Gedanken rund um Harald Irnberger

Eine Pan­de­mie löst vie­le Gedan­ken aus. Zumin­dest in Öster­reich. Da hat­te so man­che Mit­bür­ge­rin und auch so man­cher Mit­bür­ger sehr viel Zeit zum Den­ken. Es sei denn, Bür­ge­rin­nen und Bür­ger schlie­fen wei­ter. Bei den ande­ren kam vie­les, was bis dahin in den Gewin­den der Gan­gli­en vor sich hin­schwel­te, lang­sam, aber ste­tig an die Ober­flä­che, wur­de klar und begreif­bar.
Vor vie­len Jah­ren – begin­nend ab etwa 400 v. Chr. – bestand “unse­re Welt” bereits in kuge­li­ger Form, aber sie war ver­hält­nis­mä­ßig klein, fir­mier­te ver­brieft aus Milet, Spar­ta, Athen und eini­gen Stadt­staa­ten in Sizi­li­en und Süd-Ita­li­en. Die soge­nann­ten “frei­en” Bür­ger der jewei­li­gen “Polis” ver­kör­per­ten das Sein die­ser Welt. Unter “frei” ver­stand man damals nur Män­ner. Alles ande­re waren Frau­en, Skla­ven, Bau­ern oder gar “Bar­ba­ren”. Das Leben der “Frei­en” bestand aus Müßig­gang, das der ande­ren aus dem Gegen­teil davon. Die Mensch­heit stand gera­de am Beginn ihres föta­len Zustands – und kos­te­te die­sen auch aus. Die Erben die­ser “Frei­en” gibt es heu­te noch. Die “Polis” ist zwar glo­bal gewor­den und die “Frei­en” haben sich über den gan­zen Erd­ball ver­brei­tet, aber ihre Phi­lo­so­phie und ihre Ein­stel­lun­gen haben sich nicht im Gerings­ten ver­än­dert. Die Benam­sung die­ser Geis­tes­hal­tung hat sich aller­dings gewan­delt. Aus dem “Stadt­staat­li­chen” wur­de der “Kapi­ta­lis­mus”. Das “Chris­ten­tum” muss­te zwi­schen­zeit­lich noch ver­ar­bei­tet wer­den, aus der kuge­li­gen Form unse­rer Erde wur­de eine Zeit lang eine Schei­be, aber sonst blieb jahr­tau­sen­de­lang alles beim Alten. Nicht ein­mal der Beginn des Pan­de­mie-Zeit­al­ters konn­te die­se Ein­stel­lung wesent­lich brem­sen, Wei­ter­ent­wick­lung fand nur sehr ein­ge­schränkt statt. Bis zum denk­wür­di­gen Jahr 2020. Von 15. März bis in den Juni 2020 galt in die­sem Jahr des Herrn in Öster­reich die “Aus­gangs­be­schrän­kung” und die Qua­ran­tä­ne ein­zel­ner Gemein­den, vor allem in Tirol. Seit Anfang Mai ver­such­te sich die öster­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung in “Übun­gen zur Locke­rung ” …um das “Volk” bei Lau­ne zu hal­ten. Es geht immer um “das Volk”, seit den urur­al­ten Stadt-Grie­chen schon ver­bürgt von Demo­krit, dar­an hat sich abso­lut nichts geän­dert. Zumin­dest zwei Jahr­tau­sen­de lang ver­harr­te die Mensch­heit föt­al. Durch Sport, so glaubt man, wird das Volk bei Lau­ne gehal­ten, obwohl Umfra­gen im deutsch-spra­chi­gen Raum zei­gen, dass den wenigs­ten Fuß­ball wirk­lich inter­es­siert. Aber mit kör­per­li­cher Bewe­gung kann man über eini­ge weni­ge seit jeher herr­lich Poli­tik machen – und finan­zie­ren. Das Sys­tem Fuß­ball wur­de auch erfolg­reich expor­tiert. In jene Län­der, die von den Euro­pä­ern kolo­ni­siert wor­den waren. Solan­ge bis sie ihre Schul­dig­keit getan hat­ten – nach dem gro­ßen Krieg. Rea­li­ter haben wir uns vom Kolo­nia­lis­mus gar nicht so weit ent­fernt! Die von den diver­sen kolo­nia­len Natio­nen unter­stütz­ten teil­wei­se geför­der­ten Unab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen und ‑bestre­bun­gen im Zuge des WK II gibt es noch immer. Sie sind heu­te die Brenn­punk­te des aktu­el­len poli­ti­schen Gesche­hens. Und wir labi­len Euro­pä­er ste­cken mit­ten­drin. Nicht nur, dass wir die Nach­wir­kun­gen zwei­er Welt­krie­ge zu bewäl­ti­gen haben, wir haben es auch mit den Kom­pli­ka­tio­nen der Staa­ten aus der soge­nann­ten “Ost-Zone” zu tun, Staa­ten, wel­che erst mit der Eigen­stän­dig­keit zu kämp­fen haben, Staa­ten, wel­che aus die­sem Grun­de mit den Pro­ble­men einer zeit­ge­mä­ßen EU nur am Ran­de beschäf­tigt sein kön­nen. Selbst­ver­ständ­lich lockt das “Geld”. Und der “Fuß­ball” – als will­kom­me­ne Ablen­kung vom jewei­li­gen inter­nen “poli­ti­schen” Gesche­hen. Apro­pos: Wis­sen die Spie­ler der diver­sen euro­päi­schen Ver­ei­ne, dass sie als sol­che auch bestimm­ten öko­no­mi­schen und juris­ti­schen Rege­lun­gen unter­lie­gen? Ich hof­fe schon.
Den Umtrie­ben in der tra­di­tio­nel­len Fuß­ball-Welt hat sich mein alter Freund aus Kärnt­ner Tagen, Harald Irn­ber­ger, sehr inten­siv gewid­met, in sei­nem Buch “Mann­schaft ohne Eigen­schaf­ten”. Im Jah­re 2010 hat sich Harald von uns ver­ab­schie­det. Kurz zuvor muss­ten wir von sei­ner Gat­tin Abschied neh­men. Bis zum Ende pfleg­te er sie mit sehr viel Hin­ga­be. Er woll­te sie nur um eini­ge weni­ge Mona­te über­le­ben. Mein “Chef vom Dienst” war er bei der “Kärnt­ner Volks­zei­tung”. Neben mei­ner Tätig­keit für den ORF wur­de ich auch noch Kolum­nist. Des­we­gen gab er mei­nen Gedan­ken den Titel:“Radi auf allen Vie­ren” – mit “Radi” wur­de der Kose­na­me aus Gra­zer Schul­ta­gen über­nom­men, mit dem Rest waren die drei Hör­funk­pro­gram­me und eben die Kolum­ne gemeint. Es dau­er­te nicht lan­ge, so eine oder zwei Wochen, bis das Gerücht, dass Harald eigent­lich ein Agent der Slo­we­nen sei, auch an mei­ne Ohren gedrun­gen war. Was mich als Stei­rer und mei­nen Hin­ter­grund-Erfah­run­gen mit Jugo­sla­wi­en, ins­be­son­de­re den gemein­sa­men Erleb­nis­sen mei­nes Kol­le­gen Die­ter Dor­ner und mir in Slo­we­ni­en nur mehr laut auf­la­chen ließ. Seit damals muss­te ich mei­nem alten Latein-Pro­fes­sor Span­bau­er recht geben, der immer wie­der dar­auf ver­wies, dass “Vor­sicht die Mut­ter der Por­zel­lan­kis­te” sei. Zu die­ser Zeit wuss­te ich noch nicht, dass ich sel­ber einen klei­nen Teil mei­nes Ein­kom­mens von den Kärnt­ner “Win­di­schen”, den Slo­we­nen, bezie­hen wür­de. Wahr­schein­lich sag­te man mir eben­falls nach, ein Agent zu sein. Ich agier­te damals wäh­rend mei­ner Bun­des­heer-Dienst­zeit neben­be­ruf­lich als soge­nann­ter Disc-Jockey im Hotel Corotan (auf gut kärnt­ne­risch: “Hotel Kärn­ten”) an der Süd­ufer­stra­ße des Wör­ther­sees. Rea­li­ter war das ein bezahl­tes Hob­by im Sold der zu jener Zeit pro­mi­nen­ten Jovan­ka Tito, aber das spielt sei­ne Rol­le noch etwas spä­ter in den “tol­len Kärnt­ner Jah­ren”! Zurück zu Harald Irn­ber­ger: Nach Wien ging er unge­fähr in dem Jahr, als ich zwi­schen der Bun­des­haupt­stadt und Kla­gen­furt gepen­delt bin – auf der alten, denk­wür­di­gen B17, der Bun­des­stra­ße 17. Nach einem kur­zen Gast­spiel im Team der Tages­zei­tung “Kurier” als Kriegs­be­richt­erstat­ter im Liba­non­kon­flikt grün­de­te er anno 1977 die Zeit­schrift “Extra­blatt”, eines der ers­ten inves­ti­ga­ti­ven Blät­ter im deut­schen Sprach­raum. Er war gestor­ben als Anda­lu­si­er, nicht als sol­cher, wie ihn die Geschichts­schrei­bung ger­ne gekannt hät­te, son­dern als ein­fa­cher Anda­lu­si­er mit aus­ge­präg­tem Selbst-Bewusst­sein. Harald war einer jener Wohl­mei­nen­den, die mich immer wie­der vor den ero­to­ma­ni­schen Aspek­ten jenes Beru­fes warn­ten, dem ich mich zu nähern droh­te.
Ich bin 1945er, gehö­re also jener Genera­ti­on an, die noch Angst vor Geschlechts­krank­hei­ten hat­te, wenn über­haupt. Im hin­ters­ten, dun­kels­ten Win­kel der männ­li­chen See­le lau­er­ten jedoch stän­dig die mög­li­chen Fol­gen jedes natür­li­chen Geschlechts­ver­kehrs. Erst Ende 1960 kam die “Anti-Baby-Pil­le” auf den zukunfts­träch­ti­gen Markt. Sie kata­pul­tier­te den mas­ku­li­nen Teil der Gesell­schaft, etwas spä­ter dann den weib­li­chen, mit­ten in den Genuss hin­ein. Es folg­ten Jah­re des Aus­kos­tens und des Rei­fens die­ser Erfah­run­gen in allen Berei­chen des Mensch­lich-Seins, aber auch des Erken­nens der immensen Nach­tei­le für die Mensch­heit begin­nend bei den übli­chen Tra­di­tio­nel­len “Beset­zungs­cou­ches” und dem “Aus­pro­bie­ren” des männ­li­chen Unter­neh­mens­teils bis hin zu den “Matrat­zen” oder “Prit­schen”, die in man­chen Unter­neh­men ganz bewusst gehal­ten wur­den. Dann tauch­te HIV auf. Damals durf­te ich die aller­ers­ten fil­mi­schen Auf­klä­rungs­do­ku­men­ta­tio­nen für den inter­nen ärzt­li­chen Gebrauch spre­chen, als deutsch­spra­chi­ge Over­Voice. Nach HIV ging es erst so rich­tig los, Epi­de­mie folg­te auf Epi­de­mie bis hin zu der bis­her ein­zi­gen und größ­ten Pan­de­mie, Sars-CoV‑2, gemein­hin als “Coro­na” bezeich­net. War unse­re Genera­ti­on, die Prä-HIV-Genera­ti­on, die glück­li­che­re? Erfüllt war sie jeden­falls, wenn sie sich erfül­len ließ!
Prä-Coro­na wird es nie wie­der geben. Die Zeu­gen der Zeit wer­den zwar dar­über reden. Kunst und Kul­tur wer­den dafür sor­gen, dass jede Men­ge Doku­men­te über die­se Peri­ode vor­lie­gen wer­den, aber erst post-coro­nam wird die Mensch­heit einen gewal­ti­gen Schritt nach vor erfah­ren. Auch das “Kapi­tal” lernt und erfährt. Die Phar­ma­in­dus­trie etwa muss gera­de erfah­ren, dass die Kos­ten der Her­stel­lung mög­li­cher CoVi­d19-Impf­stof­fe oder ‑Medi­ka­men­te offen­ge­legt wer­den soll­ten, soll­ten dafür öffent­li­che Gel­der ein­ge­setzt wer­den. Es gin­ge nicht an, dass sol­che einer­seits kas­siert wer­den und ande­rer­seits die damit ent­wi­ckel­ten Medi­ka­men­te oder Impf­stof­fe teu­er wei­ter­ver­kauft wer­den. Öffent­li­che Inves­ti­tio­nen oder För­de­run­gen dies­be­züg­lich müss­ten allen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zu Gute kom­men, gera­de inner­halb der EU. Letzt­lich han­delt es sich um Steu­er-Gel­der, mit denen nicht nur gesteu­ert wird. Zusätz­lich soll­te die Zukunft der Über­le­ben­den mit den gigan­ti­schen Coro­na-För­de­run­gen gestützt wer­den und nicht maro­de alte ana­lo­ge Ideen und Unter­neh­men. Um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den, den Kapi­tal­ge­bern selbst ist es völ­lig gleich­gül­tig, ob erfah­ren wird oder gelernt, sie wol­len gar nichts wis­sen, geschwei­ge denn hören davon. Ler­nen und erfah­ren spielt sich aus­nahms­los im tra­di­tio­nel­len Bereich der Füh­rungs­kräf­te von Unter­neh­men ab und hier nur im stra­te­gi­schen Umfeld. Ganz beson­ders deut­lich wird dies am Bei­spiel des Kon­zerns VW, der inner­halb von drei Wochen von Die­sel- auf Elek­tro-Aggre­ga­te ein­ge­schwenkt ist! Es schwankt bereits sehr stark, das gigan­ti­sche und kunst­voll auf­ge­bau­te Gebäu­de der “Neh­mer”, ein Turm zu Babel errich­tet aus Lehm mit den finan­zi­el­len Mit­teln von “Bei­trä­gen”, wel­cher Art auch immer, ob frei­wil­lig oder nicht oder mit Hil­fe des Spon­so­ring sie­he “Fuß­ball” und so wei­ter und so fort…

Was so eine Pan­de­mie alles aus­lö­sen kann! Vor­der­grün­dig. Selbst­ver­ständ­lich hat das Virus an allem Schuld. In jedem Bereich. Das Virus hat alles zu über­strah­len. Es wur­de bereits ent-per­so­na­li­siert, das bedeu­tet, dass es nicht mehr uns Mensch­lein betrifft, son­dern dass es ver­scho­ben wur­de in den Bereich des Unper­sön­li­chen, in das Schick­sal­haf­te, in das Res­sort der Unglü­cke und Unfäl­le, in etwas nicht zu Begrei­fen­des. Die Ret­tung wur­de der che­mi­schen Indus­trie zuge­spielt, dem Fin­den von Impf­stof­fen. Das Ver­hal­ten unse­res Ich spielt kei­ne Rol­le mehr: Wir alle sind wehr­lo­se Opfer. Jene, die das Sagen haben, sind die Täter und als sol­che tra­gen sie die Ver­ant­wor­tung für alles, was uns zustößt. Es ist kom­for­ta­bel, sol­che Lebe­we­sen zu haben, denen man ein­fach und still und heim­lich den schwar­zen Peter zuste­cken und sich das wei­ße Büßer­hemd über­wer­fen kann.
Über­strahlt wer­den vor allem die stra­te­gi­schen und tak­ti­schen Win­kel­zü­ge. Dass dabei die Vie­len ohne finan­zi­el­len Hin­ter­grund übrig blei­ben, küm­mert kaum jemand, vor allem jene nicht, deren Exis­tenz­be­rech­ti­gung im “Küm­mern” begrün­det liegt. Das täg­li­che mul­ti­me­dia­le Bad in Coro­na-News ist allen bereits zur Pflicht gewor­den. Nicht nur das, jede Nati­on schaut auch genau dar­auf, wo der Nati­ons-Nach­bar in der pan­de­mi­schen Ent­wick­lung steht, wel­che Regi­on gefähr­den­der ist im Ver­gleich zur eige­nen! Der pan­de­mi­sche Wett­be­werb ist in vol­lem Gang. Der Natio­na­lis­mus schießt empor, je unbe­deu­ten­der man ist, des­to stär­ker muss der Patrio­tis­mus die Ersatz­leis­tung erbrin­gen. Es geht schließ­lich um wirt­schaft­li­che Export­grö­ße, bei der im vor­ders­ten Vor­der­grund die Ret­tung der Mensch­heit steht, was immer man auch dar­un­ter ver­steht. Und die­se lässt im Hin­ter­grund den “Rubel” rol­len. Hin­zu kommt, dass so man­cher “elder sta­tes­men”, also alte, ana­log den­ken­de Män­ner (!), in aller Öffent­lich­keit Gedan­ken eines Dago­bert oder Donald Duck for­mu­lie­ren dür­fen, Gedan­ken, wel­che die jün­ge­re Genera­ti­on gar nicht mehr erkennt, wel­che sie höchs­tens ins Reich der Gebrü­der Grimm abord­nen, falls sie die­ses Brü­der­paar über­haupt noch ken­nen, ohne Lite­ra­tur stu­diert zu haben. Aber die­se Aus­sa­gen zu jenen Gedan­ken in Wort und Bild gespei­chert zu haben, ist für die fol­gen­de Nach­welt schon sehr bedeut­sam, vor allem für das his­to­ri­sche Nach­ver­fol­gen der Wege, wohin auch immer.