Ein treuer Hamlet seiner 3.Front

Es muss sein. Ich muss ein Kapitel dieser Sammlung, dieses zweiten Buches, der Wieder-Eröffnung des Schauspielhauses widmen. Auch das ist einer der Impulse, welche davon ausgelöst werden und bis jetzt ausgelöst worden sind. Für mich waren es jedenfalls einschneidende Ereignisse, sowohl die Sperre einerseits als auch die Wieder-Eröffnung andererseits. Letztere fand im Jahre 1964 statt, am 14.3.1964 . Also genau in jener Zeit, als mein Ich begann intensiv ein Ich zu werden. Ich kann mich noch an das alte Schauspielhaus mit seinem Eingang am Freiheitsplatz erinnern. Warum mich der Zugang zwischen den Säulen, unter dem Balkon so beeindruckte kann ich mir zwar nicht erklären, aber ich war offensichtlich sehr oft in diesem Haus, mit meinen Eltern, mit meiner Mutter. Von diesem Balkon herab hat auch Pater Leppich gepredigt, tausende Grazer haben ihm andächtig gelauscht. Als das „Maschinengewehr Gottes“ wurde er damals der Masse verkauft. Da es sehenswert war, wie er sich gegeben hat und durch modernste Beschallungstechnik übertragen wurde, mussten wir uns das ansehen. Am Freiheitsplatz, am Balkon des alten Schauspielhauses hatte das Team des Paters auch den richtigen, bezeichnenden Auftrittsort gefunden. Am Platz vor dem Schauspielhaus startete auch ein Hochseilakrobat mit seinem Motorrad hinauf auf den Schloßberg, hinauf zum Uhrturm. Er hatte Pech, das Motorrad fiel vom Seil, er selber hatte Glück, konnte sich noch am Seil halten. Uns und allen tausenden Grazern am Freiheitsplatz blieb die Luft weg, stockte der Atem und wir gingen schockiert nach Hause. Ich kann mich noch an das Grummeln erinnern, welches die Straßen füllte. Die Menschen waren zwar geschockt und aufgeregt, unterhielten sich aber sehr gedeckt und blieben zwanghaft ruhig, wobei sich jedes gedämpfte Gespräch ausschließlich um das gerade erlebte Unglück drehte.
Wir gehörten offensichtlich zu jenen Grazern, welche eine intensivere kulturbeflissenere Ader in uns pochen ließen. Ich hatte schon als Kind das Bedürfnis das Geschehen auf der Bühne anzunehmen und darüber nach zu denken. Ich begriff von Anfang an, dass es sich um die Figuren da oben um Darsteller handelte, dass sie eine „Rolle“ spielten, jedesmal eine andere. Ich ließ diese Figuren und ihre Darstellung wirken, dachte über die einzelnen dargestellten Persönlichkeiten kurz nach und kam damals gar nicht auf die Idee, dem „Schauspiel“ bereits etwas näher auf den Zahn zu fühlen. Wahrscheinlich klärten mich meine Eltern auch über die „Rollen“ auf. Ausserdem gaben sich in unserem „Geschäft“ jede Menge Schauspieler*innen und Opern- und Operettenstars und Chorsänger*innen die Türe gegenseitig in die Hand und redeten miteinander, so wie das jeder Mann und jede Frau tut. Walter Reyer und Gretl Elb und Eleonore Bauer und Peter Minich und wie sie alle hießen. In Erinnerung ist mir Eleonore Bauer in ihrer Rolle als „Anna“ in der Operette „Das Feuerwerk“ von Paul Burkhard geblieben. Wohl wegen des Liedes „Oh, mein Papa“. Aber auch Musiker gaben sich ein Stelldichein in unserem Verkaufslokal. Gottfried Hechtl zum Beispiel oder Walter Goldschmidt.
Ein großer Teil der Grazer Kulturschaffenden wohnte ja direkt in unserer Nachbarschaft! Sogar in „unserem“ Haus! Im dritten Stock wohnte ein Opernsänger mit dem Familiennamen Klaus. Familie Klaus hatte eine Tochter namens Carmen. Sie war um einige Jährchen älter, dennoch spielten wir manches Mal zusammen. Meistens jedoch spielte sie mit dem Sohn unseres Hausmeisters. Die Beiden steckten ständig ihre Köpfe zusammen und ließen uns andere an ihrem „Spielchen“ nicht teilhaben. Sie zeichneten und flüsterten und kicherten und hatten irgendwelche Geheimnisse miteinander. Über den Umweg der Pestalozzi-Schule kam ich dahinter, dass das, worum es da ging, ein grafisches Symbol vom männlichen Geschlechtsorgan war. Dieses Organ war damals tabu. Darüber, dass man ein solches in seinem körperlichen Besitz hatte, durfte nicht geredet werden. Man klärte einander durch visuelle Symbole oder akustische Codierungen auf.
Später wechselte die Familie Winfried Klaus den Ort des Engagements und die Wohnung wurde vom Bruder des Herrn Klaus bezogen. Mit Bruder Klaus verstand ich mich – viele Jahre später, anläßlich eines meiner Besuche in Graz – ganz gut, als er mich in seine Wohnung bat, um auf meine Eltern zu warten und ich plötzlich mitten in Kenia stand. Schilde, Speere, Werkzeuge, die ganze alltägliche Folklore inklusive Bekleidung der verschiedenen kenianischen Stämme füllten die Wohnung in der Steyrergasse in Graz und zwangen mich schlagartig in diesen Kontinent, der damals noch in Schockstarre vor allem Weißen verfallen war. Bruder Klaus stellte sich als exzellenter Kenya-Kenner und Stammgast dieses Landes heraus.
Was Aufführungen im alten Schauspielhaus betrifft, kann ich mich an keinerlei Negatives erinnern. Und natürlich war ich sehr traurig, als wir nicht mehr wie gewohnt ins „Theater“, ins „Schauspiel“, gehen konnten, weil es irgendwann Anfang der 1950er-Jahre baupolizeilich gesperrt wurde. Es war auch ein wichtiges Ereignis für alle Grazer, diese Sperre, so schien es. Es wurde sehr viel darüber geredet und diskutiert und in den Zeitungen konnte man anscheinend viel darüber lesen. Ein Besuch in diesem Haus war immer sehr „kuschelig“ und anregend für mich. Mein Ich, das sich langsam heran zu bilden begann, fühlte sich im Publikum sehr zu Hause, das Ich fühlte sich sehr wohl. Obwohl sich in meiner Erinnerung immer wieder der Eindruck eines Bombenschadens aufdrängte, weiß ich bis heute nicht, worin der Schaden bestand, was da getroffen wurde. Es befindet sich ein Loch in der Erinnerung. Verdrängt. Aber sicher da.

"Clavigo" 1967 im neu-erbauten Schauspielhaus Graz: Meinrad Nell (links) und Wolfram Berger (rechts)
Als Absolventen wurden wir auch zu Abschluss-Vorstellungen der aktuellen Jahrgänge der Kunst-Akademie im Schauspielhaus Graz herangezogen: So etwa in „Clavigo“. Meinrad Nell (links) und Wolfram Berger (rechts).

Die Stadt Graz und das Land Steiermark hatten es sich einiges kosten lassen ein Notquartier für seine Schauspieler im Landhaus errichten zu lassen, noch dazu in der Landstube. Dieser Saal wurde zum Raum für das Publikum, mit Stehplatz, etwas erhöht, ganz hinten. Für jene die sich das Sitzen nicht leisten konnten. Weil sie auch zu oft ins Theater gehen mussten. Schon der Aufgang in den kleinen Saal war ein Erlebnis. Ob man wollte oder nicht, die Geschichte dieser Stadt musste man – zumindest teilweise – miterleben. Man mußte durch einen Teil des Landhauses in den großen Landhaushof mit seinen Arkaden wandern, am großen Brunnen mit seinen historischen Lauben vorbei, die ebenso historischen Treppen mit seinen imposanten Laternen in den ersten Stock hinauf bis in die engen und manchmal auch stickigen Räumlichkeiten der sogenannten „Kammerspiele“. Schon alleine die eindrucksvollen Laternen sorgten für Stimmung hin zu einem anregenden Schauspiel-Abend. Skurrile Schattenspiele wurden auf die historischen Gemäuer und Treppenstufen geworfen. Die Besucher wurden schon im Vorfeld in Empfangsbereitschaft versetzt und die schneereichen Winter von damals verstärkten die Stimmung noch. Vor allem, wenn in der Herrengasse, vor dem Tor zum großen Landhaushof, im Schneegestöber ein Maronibrater gestanden und der Geruch von heissen gebratenen Maroni durch die eisige Winterluft gezogen ist. Was hier, in den „Kammerspielen“, geboten wurde, war zwar in einer Kammer produziert worden , qualitativ aber ist das Gespielte weit über Kammer-Niveau hinaus gewachsen, ohne auch nur die geringste Spur von heißer Luft auf zu weisen.

Von Links nach Rechts: Meinrad Nell, Wolfram Berger und Herbert Rhom als "Clavigo".
Herbert Rhom als „Clavigo“, Wolfram Berger und Meinrad Nell im Grazer Schauspielhaus. Die Wiedereröffnung des Schauspielhauses gab dieser Stadt einen unschätzbaren Impuls. Diesen Impuls spürt man bis heute – 2019. Wir alle haben an diesem Impuls teil, ob in Form von Steuern oder Subventionen, in Form von Leistung. Wir haben uns und unserer Stadt ein Zeichen gesetzt. Wir sind die Münchhausens, die sich selbst aus dem Sumpf ziehen.

Heute, im Jahr 2019, liegt die Geschichte des deutsch-sprachigen Theaters nach 1945 noch ungeschrieben und weit entfernt von universitärer historischer Aufarbeitung. Nicht nur, dass der ganze Raum in einen nördlichen und einen südlichen Teil zerfällt, zusätzlich wurde er noch in Ost und West geteilt,vor Jahren sogar noch politisch, sogar noch durch eine Grenz-Mauer. Obwohl die ärgsten Trennungen beseitigt worden sind, obwohl die westlichen „Eleven“ heute schon im ehemaligen Osten spielen könnten: sie tun es kaum. Man kann diese Trennung noch viele Jahre später fühlen. Schauspieler*innen und Regisseusen und Regisseure aus dem Westen sind US-geprägt, jene mit Ost-Wurzeln haben sich die traditionelle deutsch-sprachige Theater-Kultur und damit auch das dieser Kultur innewohnende Know-How erhalten. Viele Schauspieler in Graz sind damals aus dem Osten gekommen, Leo Steinhart etwa, der phänomenale „Idiot“ in Max Frischs „Andorra“. Oder unser unmittelbarer Boss Ernst „Therwi“ Therwal. Und mancher ist den umgekehrten Weg gegangen, so wie unser Kollege Gerhard Printschitz. Erst jetzt, 2019, beginnt sich die westdeutsche, US-dominierte Prä-Potentia und der ostdeutsche Komplex der Minderwertigkeiten zu normalisieren, positiv zu vermischen. Kultur ändert sich nicht so schnell, folgt nicht den krankhaften Zielen und Vorstellungen menschlichen Wollens, Kultur läßt sich auch nicht verordnen. Diese Zeiten hat Europa erlebt und grossteils hinter sich gelassen. Diese Zeiten können auch nicht wieder her gestellt werden, sind nicht reproduzierbar. Es reicht wenn ein paar wenige überleben, wie in den US-Staaten an Hand der indigenen Nationen dokumentiert ist. Wahrscheinlich wächst der Riesenraum EU in Jahrzehnten doch noch zusammen. Vor allem dann, wenn dieser ganze Raum zu einem einzigen Raum der EU-Regionen wird. Wenn konkret und konsequent daran gearbeitet und nicht nur „Show As Show Can“ von sich gegeben wird, was zu einem Mangel an Entschlusskraft führt. Es hat vor vielen, vielen Jahren bereits den Versuch gegeben eine europäische Identität zu finden, ich denke da an den künstlerischen Output Skandinaviens, an die frankophonen Staaten, ich denke an de Gaulle , die Italiener und Spanier, an die Produktionen der „Cinecittá„. Über den deutsch-sprachigen Raum haben sich allerdings immer wieder Anglo-Amerikaner vorgedrängt, haben denkenden Europäern keine Chance gelassen, sich selbst zu finden! Bis heute verhält es sich so. Die Geschichte Nordamerikas muss über das entstehende Europa gestülpt werden, sodass nur mehr drei Polit-Player übrigbleiben: China, die USA und Russland. Für einen Vierten ist da kein Platz, es sind ja schon Zwei zu viel!

Ilse Knoll als Minna von Barnhelm, Herbert Rhom als Tellheim und Meinrad Nell als Feldjäger im Schauspielhaus Graz.
Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“ im Schauspielhaus Graz. Ilse Knoll als Minna, Herbert Rhom als Tellheim und Meinrad Nell als Feldjäger.

Auch der weltweite Rechnerverbund mit seinen Abarten und verschiedenen Formaten ist Bestandteil der Kultur. Das Web bedeutet reibungsfreien Austausch von Meinungen und Information zwischen den diversen Kulturen, wird damit zur interdisziplinären kulturellen Kommunikation. Natürlich wird dieses „Web“ vor allem in den Anfangsjahren zu allem Möglichen und Unmöglichen mißbraucht. Das analoge und spekulative Denken ist im „menschlichen“ Bereich explicit vorhanden und hat sich dort noch für einige Generationen festgesetzt. So ergeht es allen „Medien“. Wie lange existieren Print-Medien schon? Und noch immer „verraten“ hier Schreiberlinge etwas, was sie bisher vor uns allen anderen anscheinend verheimlicht haben. Etwa „wo und wann man den Mond sieht“ (futurezone, Feber 2019). Auch die Moderatoren von Radio und TV „verraten“ uns täglich irgendwas, was wir sowieso wissen und umgeben sich dadurch mit einer schillernden Seifenblase, die ein paar Meter wunderschön dahinblubbert, um beim nächsten fast nicht spürbaren Widerstand zu zerplatzen. Hätte uns in den 1960er Jahren die Linguistik mit all den Erkenntnissen aus den vielen Teil-Wissenschaften, etwa der Psycho-Linguistik, der Bio-Linguistik und der Neuro-Linguistik, unterstützt, hätte ich nicht im Park hinter der Akademie in Graz meine, fallweise unsere, linguistischen Experimente durchführen müssen. Und letztlich hat mir auch das mangelnde Verstehen der Zusammenhänge den Abschied vom nationalen Hörfunk-Bereich des ORF – obwohl hauptsächlich aus privaten Gründen (siehe Buch 3) – leichtgemacht.
Der Abschied von den bereits zur Tradition zählenden Kammerspielen fiel allen schon einigermaßen schwer. Natürlich freuten wir uns auf „unser“ Schauspielhaus und natürlich wussten wir, dass für „unsere“ Stadt eine neue Ära begann. Wir ahnten, dass mit diesem Bauwerk Impulse verbunden waren und verbunden sein werden, Impulse, die nicht nur das Theater betrafen und betreffen. Wir waren diejenigen, die das erste Mal in dieser Stadt vor 600 GrazerInnen die neueste Bühne Europas betreten durften, uns bewegen durften, zeigen durften, dass wir die Botschaften, die wir darstellten auch begriffen hatten und was wir begriffen hatten, auch an die 600 Anwesenden weitergeben mussten. Wir durften das „Spannung halten“ und den Mut „zur Häßlichkeit“ innerhalb der berühmten und gefürchteten Chargenrollen beweisen. Auf dieser Bühne wurde uns erst bewußt, dass wir uns selbst und unserem Publikum die Chance gaben und noch immer geben, Botschaften zu begreifen, jeden Abend.

Mein Burgfräulein in Shakespeare´s "Was Ihr wollt": Renate hat meine ersten Schritte auf der großen Bühne des Grazer Schauspielhauses begleitet.
Das war die Begleiterin meiner erste Schritte auf der großen Bühne des Grazer Schauspielhauses. Wir schritten gemeinsam und Arm in Arm im ersten Stock des Bühnenbildes zu Shakespeare`s „Was ihr wollt“. Ich durfte allabendlich vor 600 GrazerInnen ein paar lockere Worte als Shakespeare-Teeniebopper an sie verlieren.
Meiner Begleiterin wärend der ersten Schritte auf einer wirklich großen Bühne verdanke ich sehr viel: Danke, liebe Renate!
Renate hat mir sehr viel gegeben während der Unterstützung meiner ersten Schritte auf den Bühnen im damals noch ganz kleinen Universum. Ich erinnere mich gerne an diese Momente. Danke.
Meinrad Nell als "Feldjäger" in Lessing´s "Minna von Barnhelm". Dies ist wohl die gefürchtetste aller Chargenrollen.
In der gefürchtetsten aller Chargenrollen: Meinrad als „Feldjäger“ in Lessing´s „Minna von Barnhelm“. Mit über 70 erfahrenen Jahren hat man auch vor den Feldjägern keinerlei Ängste mehr.

Wir hatten uns schon sehr auf die große Bühne gefreut, auf eine Bühne, die man drehen konnte, die sich schräg stellen ließ, die man absenken konnte, auch teilweise, die sich auch hochstellen ließ, eine Bühne mit der damals neuesten Lichttechnik, mit Projektoren, mit akustischen Verstärkern. Wir hatten uns schon sehr gefreut auf standes- und zeitgemäße Garderoben auf eine ebensolche Kantine, auf entsprechende Räumlichkeiten für den oder die Maskenbildner*innen gleich im Erdgeschoß. Und wen hab ich da getroffen, als Theaterfriseur und Maskenbildner-Chef? Meinen Nachbarn Kurti Malik. Steyrergasse 76! Da lebten wir beinahe Haus an Haus, kannten uns vom Sehen, grüßten einander und hatten keine Ahnung, dass wir ab dem Tag des Schauspielhaus-Bezuges einige Jährchen unseres Lebens gemeinsam verleben würden. Kurti wurde sofort mein Leib-Friseur und Berater in allen maskenbildnerischen Angelegenheiten. Zu Kurti hatte jeder, der auf der Bühne darstellerisch zu tun hatte, Vertrauen. Kurti durfte alles. Kurti steckte zusammen mit seiner Assistentin, die ebenfalls aus Ost-Deutschland stammte, hinter jeder „Maske“, egal wer es auch im Original war, auch Helmuth Lohner oder sonst ein Star.
Dieses Neue Haus wurde sofort erfüllt von Leben, es wurde ein Haus durchflutet von Licht und Luft. Alles roch ganz neu und frisch, alles glänzte und strahlte. Ein wenig Stolz schwang ebenfalls mit, schließlich hatte unsere Stadt erstmals in seiner Geschichte eine Kunst-Akademie und dazu noch ein neues Schauspielhaus und wir gehörten zu all dem. Es wurde ein häusliches Haus, das wir alle sehr gerne betraten, auch wenn wir gar nichts zu tun hatten, sondern nur andere bei den Proben beobachteten, im großen Probensaal etwa. Und das durften wir, als Studierende. Nur bei den Stars nicht, bei Helmuth Lohner etwa. Mit ihm als „Hamlet“ wurde das Schauspielhaus Graz 1964 schließlich eröffnet. Die Hauptproben durften wir schon besuchen, im Gegenteil, das war sogar gewünscht. Da „spielten“ wir sogar Publikum. Dann gab es noch ein paar kleinere Säle, für Leseproben beispielsweise oder Zusatz-Proben. Da lernten wir die Arbeit des Regie-Assistenten kennen, im konkreten Fall war es Claus Homschak. Wir exerzierten hier in einem der kleineren Probenräume das Dasein der asiatischen Soldaten, des Erschießungskommandos in „Die dritte Front“ von Harald Zusanek. In diesen Räumlichkeiten entstanden auch die vier frechen Edelmänner in Shakespeare´s „Was ihr wollt“, Regie Helmuth Ebbs, dargestellt von Harald Perscha, Dietmar Pflegerl, Sepp Gartlgruber und Meinrad Nell, die Arm in Arm mit ihren hochverehrten Burgfräuleins über die Bühne flanierten. Jahre später, mit Beginn der 1970er Jahre, erfasste die Besucherkrise auch das Sprechtheater . Das Angebot an das Publikum wurde immer größer, das Kino entwickelte sich, das Fernsehen, die Unterhaltungsszene der Konzerte jeglicher Größenordnung. Es wurde immer eindeutiger: Je intensiver die Synchronisation unseres vorhandenen Wissens, je detaillierter dessen Vernetzung ist, desto weniger Mißverständnisse gab es und wird es geben. Mit der Popularität des Rechnerverbundes synchronisieren die Meisten sowieso schon ohne es zu wissen, via Wikipedia etwa. Und im Jahre 2019 – die Zeit in der diese Zeilen geschrieben werden – gehören Kommunikationswissenschaft und Medienwissenschaft zur Gegenwart, mit all ihren Untergruppen, mit der Sprecherziehung, der Sprechwissenschaft oder der Linguistik . Schauspieler*innen, Regisseusen und Regisseure, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Sie müssen sich für eine der beiden Wissenschaften oder gleich für beide entscheiden. Die Zeit der Quereinsteiger*innen ist vorbei. Es gibt im ganzen deutschen Sprachraum nur einige wenige Ausnahmen. Ein befreites Aufatmen geht durch die ganze Medienbranche. Etwas Belastendes fällt ab von uns, groß und schwer wie ein ganzer Himalaya. Wir gehen die vorgegebenen Wege der Synchronisation. Diese Wege werden immer klarer und einfacher. Heute hat es niemand mehr nötig, auf Gerüchte und einfach Dahingesagtes zu hören.