…bis vor´s Grazer Meerscheinschlößl.

Das "Meerscheinschlössl in Graz. Ort der Aufführungen des "Peter Squenz" von Andreas Gryphius.
Ein ver­reg­ne­ter Pro­ben-Nach­mit­tag vor dem “Meer­schein­schlössl” in Graz. Die Kabel für die abend­li­che Büh­nen­be­leuch­tung sind bereits ver­legt. Die Büh­ne steht auch schon. Dies­mal mit tritt­fest ver­leg­ten Bret­tern. Die zwei Figu­ren an denen unse­re Kabel befes­tigt waren, stam­men aus den Jah­ren um 1730. Sie ste­hen auch heu­te noch.

Ein “Aha-Erleb­nis” waren auch unse­re Auf­füh­run­gen im Meer­schein­schlößl zu Graz. Sie fan­den zu einer Zeit statt, als die Exis­tenz die­ses Schlos­ses gera­de dis­ku­tiert wur­de. Es ging dar­um, ob man die­ses Bau­werk aus den Jah­ren um 1580 ein­fach abrei­ßen soll­te, um Neue­rem Platz zu machen. Es war schon ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men, das alte Schloss. Und es haben sich dar­an schon eini­ge zu schaf­fen gemacht, was nicht zu über­se­hen war. Wir waren der letz­te Ver­such die­ses Objekt wie­der zu bele­ben. Irgend­je­mand woll­te jeden­falls wis­sen. Wie auch immer, im soge­nann­ten “gro­ßen Saal”, unter den Fres­ken aus den Jah­ren um 1700, haben wir uns umge­zo­gen und geschminkt. Es war unse­re Gar­de­ro­be. Über unse­ren Köp­fen, ziem­lich nahe an den Decken­fres­ken, war bereits ein soge­nann­ter Akus­tik­vor­hang ange­bracht, bestehend aus ein­fa­chen Plas­tik­schnü­ren. Es war damals der Tech­nik letz­ter Stand. Angeb­lich hät­te sich das bereits bei klas­si­schen Kon­zer­ten vor eini­ger Zeit sehr posi­tiv aus­ge­wirkt. Auf uns strahl­te aber nichts ab davon, wir benutz­ten die­sen ehr­wür­di­gen Saal auch nur als Gar­de­ro­be. Gespielt wur­de drau­ßen, im Frei­en. Das Publi­kum saß auf Park-Bän­ken. Wir taten alles, um mög­lichst authen­ti­zi­tär zu wir­ken. Auf Fackeln muss­ten wir aus feu­er­po­li­zei­li­chen Grün­den ver­zich­ten. Das Schloss dien­te nur als Kulis­se, ide­al für das baro­cke Schimpf-Spiel um die “Absur­da Comi­ca oder Herr Peter Squenz” von Andre­as Gry­phi­us. Die­ser Lyri­ker ist eine der beein­dru­ckends­ten Per­sön­lich­kei­ten des Barock. Durch mei­ne inten­si­ve lite­ra­tur-geschicht­li­che schu­li­sche Aus­bil­dungs­zeit war ich außer­dem Gry­phi­us-min­ded. Unge­fähr um 1650 ent­stan­den bei­de, sowohl Schimpf-Spiel als auch Schloss. Authen­ti­zi­tät wohin man an den Aben­den der Auf­füh­rung blick­te! Es gab genug zu sehen, zu spü­ren und zu füh­len!

Das barocke Schimpf-Spiel "Absurda Comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius vor dem Meerscheinschlößl in Graz: Erhard Koren als Pyramus im "Spiel im Spiel" während einer kurzen Hauptproben-Pause.
Erhard Koren als Pickel­hä­ring bzw. Pyra­mus im “Peter Squenz” vor dem Gra­zer Meer­schein­schlößl wäh­rend einer kur­zen Rauch-Pau­se in einer der Haupt­pro­ben.
Die Mannschaft des "Peter Squenz" bei der Vorstellung.
Die angeb­li­chen Schau­spie­ler wer­den vom Schul­meis­ter und Schrei­ber Peter Squenz vor­ge­stellt. Ganz nor­ma­le Hand­wer­ker geben vor, pro­fes­sio­nel­le Schau­spie­ler zu sein. Der Vor­hang im Hin­ter­grund der impro­vi­sier­ten Büh­ne spielt eine wich­ti­ge Rol­le, dahin­ter soll sich Peter Squenz als Souf­fleur und Regis­seur ver­ber­gen. Die Akteu­re im Spiel von links nach rechts: Kol­le­ge Plat­zer (so ich mich rich­tig erin­ne­re) als Mond, Kol­le­ge Ster­nik als Mau­er, Erhard Koren mit wuch­ti­gem und wich­ti­gem Holz­schwert als Pyra­mus, Mein­rad Nell als This­be mit blon­der Perü­cke und zwei köst­li­chen Äpfeln an Stel­le der kna­cki­gen Brüs­te, und Kol­le­ge Schüt­zen­ho­fer (falls mir die Erin­ne­rung kei­nen Streich spielt) als Brun­nen.
Kollege Sternik als Mauer und Meinrad Nell (rechts) als Thisbe in "Absurda comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius im Meerscheinschlößl in Graz.
Kurt Ster­nik mit sei­ner bereits leicht lädier­ten Mau­er, davor ver­zehrt von Lie­be Mein­rad Nell als This­be. Von Mal zu Mal, also von Vor­stel­lung zu Vor­stel­lung, ent­deck­ten wir das Aus­maß der Outra­ge. Von Mal zu Mal wur­de der Erfolg grö­ßer. Von Mal zu Mal dank­te uns das Publi­kum inten­si­ver. Wir begrif­fen, was wir unter “Mas­sen-Intel­li­genz” zu ver­ste­hen hat­ten. Und es wur­de uns klar, dass der baro­cke Autor die­ses Schimpf-Spiels genau die­ses Pro­blem­feld, die­se “Weis­heit der Vie­len”, in ein Büh­nen-Stück gesetzt hat­te.
Meerscheinschlößl Graz. "Absurda comica oder Herr Peter Squenz" von Andreas Gryphius. Von links nach rechts: Josef Schwarz (Peter Squenz), Erhard Koren (Pyramus), Meinrad Nell (Thisbe), Koll. Schützenhofer (Brunnen).
Peter Squenz (Josef “Pep­perl” Schwarz), Regis­seur und Souf­fleur der Auf­füh­rung von “Pyra­mus und This­be”, kann nicht glau­ben, was sich da vor sei­nen Augen auf der Büh­ne abspielt: Da liegt Pyra­mus (Erhard Koren) angeb­lich tot auf den Bret­tern, This­be (Mein­rad Nell) kommt hin­zu, sieht ihren Gelieb­ten bewe­gungs­los dar­nie­der lie­gen, fasst den Ent­schluß auch nicht mehr wei­ter­le­ben zu wol­len, greift sich das wuch­ti­ge Schwert Pyra­mus´, rammt es mit dem Griff nach unten in die Bret­ter, greift sich den lin­ken Apfel im Büs­ten­hal­ter, holt ihn her­vor, spiesst ihn auf das Schwert und bricht selbst wie leb­los über Pyra­mus (Erhard) zusam­men. Ob der Komik die­ser Sze­ne müs­sen alle herz­lich lachen, auch der gelieb­te Pyra­mus. Die blon­de Perü­cke This­bes mit dem Köpf­chen Mein­rads dar­un­ter fiel dar­ob in ein ewi­ges rauf und run­ter… So hat es im Park des Meer­schein­schlößls zu Graz wohl noch nie gebebt.
Arbeitspause vor dem Meerscheinschlößl in Graz. Meinrad Nell im Zuschauerraum.
Aus­ru­hen und Rau­chen. Uner­läss­lich im aus­klin­gen­den 20.Jahrhundert. Die Park­bän­ke im Zuschau­er­raum. In aller Ruhe ein­wir­ken las­sen der Gar­ten­fas­sa­de des Schlo­ßes, der jahr­hun­der­te alten Figu­ri­nen, der auf­ge­bau­ten Büh­ne. Über die Reflek­ti­on mei­ner dar­zu­stel­len­den Rol­le stell­te sich mir dann ein modi­scher Neu­bau an Stel­le des Meer­schein­schlößls dar. Um so enga­gier­ter war dann die Dar­stel­lung des Meis­ters Klotz-Geor­ge und der This­be.

Die Zeit beim und für das “Jun­ge Thea­ter” hat mir sehr viel bedeu­tet. Da habe ich nicht nur gelernt, mit Men­schen umzu­ge­hen, son­dern dies auch erfah­ren, mit Men­schen in Grup­pen, gleich­gül­tig wie vie­le sie waren. Je umfang­rei­cher, des­to kom­pak­ter war die­se Men­ge, die­se “Mas­se”. Bis zum “Jun­gen Thea­ter” hat­ten wir im dra­ma­ti­schen Unter­richt wohl die Umset­zung der soge­nann­ten “Rol­len” erlernt und erfah­ren, inklu­si­ve dem gan­zen Drum­her­um, aber nie­mand erklär­te uns die Zusam­men­hän­ge des Wech­sel­spiels zwi­schen Sen­der und Emp­fän­ger. Wei­ter als bis zum Regis­seur – Frau­en in die­ser Funk­ti­on waren äußerst sel­ten damals – hat­te es nicht zu gehen, was immer wir zu sen­den bereit waren. Vor der Büh­nen­ram­pe schien das Unaus­sprech­li­che zu exis­tie­ren. Da saß ja auch die Regie. Bis zur Pre­miè­re. Ab die­sem Augen­blick saßen da nur noch Emp­fän­ger, vie­le, vie­le Emp­fän­ger, wel­che vor­ga­ben ein Ein­zi­ger zu sein. Und die­sem stell­ten wir unse­re Vor­stel­lung gegen­über. Unse­re – im bes­ten Fal­le jenes, was wir uns gemein­sam mit der Regie erar­bei­tet hat­ten. Wir hin­gen also alle vom Nicht-Arti­ku­lier­ten ab. Gere­det wur­de über aus­lö­sen­de Mecha­nis­men oder Effek­te nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, in ver­trau­li­chem Gespräch, so als ob es ein Geheim­nis wäre, wel­ches mir anver­traut wor­den ist. Jeder Ein­zel­ne blieb sich dem­zu­fol­ge sel­ber und den Gerüch­ten, dem Hören-Sagen, über­las­sen. Hat­test Du ein­mal begrif­fen, dass vor der Ram­pe Dei­ne Emp­fän­ger sas­sen, wur­dest Du auch nur ein ein­zi­ges Mal mit ihnen kon­fron­tiert, warst Du schon Bestand­teil die­ser Welt. Ein klei­ner Teil des Bestan­des die­ser Welt, wel­che zu die­ser Zeit aus Büh­nen, Mikro­fo­nen und Lauf­bild-Auf­nah­me- und Wie­der­ga­be-Gerä­ten bestand. Warst Du ein­mal die­ser Teil, kam es nur mehr dar­auf an, wie inten­siv Dei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den Emp­fän­gern war, wie groß dem­entspre­chend auch Dein per­sön­li­cher Erfolg gewor­den ist.
Das “Jun­ge Thea­ter Graz” aller­dings wur­de mit Die­ters Gang zum ORF-Wien und mei­nem Gang zum ORF Kärn­ten mit einem Mal alt. Alt­klug mög­li­cher­wei­se.

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