Vasoldsberg – Das Sulmtaler Huhn

Ich habe keine Ahnung wie alt die Linde war. Sie war jedenfalls riesig, breitete ihre Krone über Tische, Sessel und Bänke der Gäste, bot Schutz vor Wind und Wetter und hatte in Ihrer Kronen-Mitte Platz genug für eine ganze Tanz- und Musik-Plattform. Wenn gerade keine Musik spielte, waren hier heroben die begehrtesten Plätze. Gleichzeitig war dies auch der abenteuerlichste Spielplatz für uns Kinder. Man konnte auf den Ästen der Linde tatsächlich „spazieren“, so wie ein paar Meter tiefer unten im Gastgarten. Man konnte sich auch hinter dem Linden-Laub verstecken und andere Gäste heimlich beobachten, was sie gerade taten oder worüber sie redeten. Diese Linde war die Großartigste und Mannigfaltigste von ihrem Wuchs her, die ich jemals gesehen und auf der ich umhergeklettert bin, währenddessen unter uns fröhlich gegessen, getrunken und gelacht und genauso gesungen wurde.

Das Wirtshaus stand auf dem Gipfel eines Hügels, den meine Eltern „Vasoldsberg“ nannten. Es war eines unserer Stamm-Ausflugslokale. Meine Eltern waren da schon sehr wählerisch, als Lebensmittel-Einzelhändler kannten sie sich auch einigermaßen gut aus. Meine Mutter überhaupt. Wir waren da gut aufgehoben in den Händen, den Geschmacksnerven und dem Magen einer ehemaligen Schülerin der Ursulinen, noch dazu einer Schülerin der sagenumwobenen und ruhmumworbenen Mater Johanna!

Die Brathühner kamen fast an jene meiner Mutter heran, der Reis der dazu gereicht wurde, der Saft in dem das Huhn mit seiner knusprigen, goldgelben Haut noch köstlich bruzzelte, das saftige Hühnerfleisch, gegessen mit den Fingern, klar, der frische knackige Salat dazu, selbstverständlich mit steirischem Kernöl! Mir bleibt auch das G’selchte mit Erdäpfelpüree in Erinnerung oder das Naturschnitzel – alles hausgemacht, alles aus eigener Produktion, vom Fleisch bis zu den Beilagen, bis auf den Reis.

Natürlich benötigten wir das richtige Wetter, um nach Vasoldsberg zu fahren, mit unseren Fahrrädern. Es gab noch keine öffentlichen Verkehrsmittel, die uns dorthin gebracht hätten. Das war zu dieser Zeit auch ganz gut so. Ich lernte dadurch Land und Leute und Gegenden, ganze Regionen, ganz einfach und selbstverständlich kennen. Ich lernte auch Akzeptanz und Toleranz, erfuhr was Demokratie bedeutete. Nicht nur ich, mit mir viele jener, die wie ich aufwuchsen und miteinander redeten. Wir fuhren also immer mit den Rädern nach Vasoldsberg. Ich kann mich an eine langgezogene Gerade erinnern, die steil bergauf führte – und natürlich wieder bergab. Es war eine unasphaltierte Makadam-Straße, mit sehr viel Schotter am Rand und in der Mitte. Auf diesem kam „Vati“ auch zum Sturz. Bei der Bergabfahrt. Nach dem Essen und Trinken. Bei hoher Fahrgeschwindigkeit. Es geschah in meinem Rücken. Ich fuhr voraus, genoss den Fahrtwind und beherrschte mein Rad, mich selbst und die ganze sommerliche Gegend rund um mich herum, als ich plötzlich jene Geräusche hörte, welche mit einem Unfall auf Landstraßen verwoben waren. Ich dreht mich informativ um, bremste ab und sah meinen Vater im Straßengraben liegen. Ich ließ Rad Rad sein und lief zurück. Da lag „Vati“ ganz benommen, hatte sich bis auf ein paar Schürfwunden nicht verletzt, schüttelte mehrmals den Kopf, murmelte etwas Unverständliches, rappelte sich auf und inspizierte sein altes Waffenrad. Es war unversehrt. Und so blieb es. Dieses Waffenrad und mein Vater. Sie waren unzertrennlich. Ein Gedanke an meinen Vater ist auch gleichzeitig ein Gedanke an das alte, schwere Steyr-Waffenrad. Wir lebten ja auch in der Grazer Steyr-ergasse.

Aber da gabs noch etwas, was mich an Vasoldsberg so reizte, warum ich so gern dorthin gefahren bin. Klar, da war das Essen und der köstliche Apfelsaft, aber gleich neben dem Gastgarten gabs einen kleinen von Bewuchs befreiten, aperen, Abhang. Und an diesem begann ich meine praktischen Studien zum Straßenbau. Ich habe ja schon mehrmals darauf hingewiesen, wir waren alle auf Mobilität, Auto-matisierung und Maschinen fixiert. Das brachte Arbeit und dazu passende Plätze, und Lohn sprich Geld. Mich interessierten die Wege und Straßen die man zu diesem Behufe benötigte. An diesem Abhang in Vasoldsberg experimentierte ich mit allen denkbaren Arten von Straßen-Unterbau. Ich begann mit großen und grobem Felsgestein in Form von größeren Steinen, wurde immer feiner bis hin zum feinen Sand als Straße. Die Serpentinen machten mir noch Kopfzerbrechen. Bis ich endlich die Lösung fand. Damals – mit der Technologie der 1950er Jahre benötigte man nur etwas mehr Platz und schon schaffte man es, in miteinander verschlungenen Kurven, Schleifen und Schlingen, den Abhang hinauf zu graben und zu schlürfen ohne dass das Kunstwerk wieder in sich zusammenbrach, wieder zum Abhang geglättet wurde und das Ganze von vorne begonnen wurde. Und wahrscheinlich hatte ich ein Vorbild: Die Großglockner-Hochalpenstraße. Allerdings: Das war kein Spiel, kein Spielen. Das war Ernst. Ernstliches Lernen in Form von Spielen. Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit machen durfte, blieben mir mein ganzes Leben lang. Sie bleiben auch heute noch und aktualisieren sich ununterbrochen.

Auf halbem Wege zwischen Graz und Vasoldsberg lag und liegt Hausmannstätten. Bis dorthin ist man auch mit dem Autobus gekommen. Mit einem ganz speziellen Autobus. Er hieß auch Omnibus. Omnibusse hatten nämlich keinen Motor. Dafür hatte er unter den Füssen der Fahrgäste einen gigantischen Rotor.  Erklärte mir mein Vater. Dieser Rotor musste sich ununterbrochen drehen. Denn über ein Getriebe drehte er wieder die Räder die zum Fahrwerk gehörten. So fuhr dieser Omnibus zwar nicht Omni – also überall – sondern nur zwischen Graz und Hausmannstätten und wieder retour. Blieb der Rotor einmal stecken oder stehen, brachte man den Rotor wieder über Muskelkraft und viel Schweiß in Schwung. So viel zur Funktionsweise. Mir hat sich die Funktion in meiner Nase festgefressen. Heute noch kann ich diese Art Busse riechen oder besser nicht riechen. Es schnürte mir die Kehle zu, musste ich einmal nach Hausmannstätten fahren. Und das taten wir tatsächlich. Denn es geschah, dass in dieser Ortschaft ein ganzes Jahr lang niemand, ich wiederhole: ein Jahr lang niemand geheiratet hatte! Das war nach den damaligen steirischen Gebräuchen unmöglich, beinahe ein Verbrechen. Das gabs ja nicht, dass sich nicht wenigstens 1 Büblein und 1 Mägdelein gegenseitig zumindest sympathisch fanden und so die Ehre der Gemeinde retteten. Zur Strafe musste ein Bloch, ein Stück Baum, gezogen werden. Durch die ganze Ortschaft. Das Publikum musste Strafzoll zahlen. Nagut, dafür gabs zu essen und viel zu trinken. Natürlich gabs in Gefolge des Blochs auch einen sogenannten „Umzug“, kann mich noch an das Schubert’sche Dreimäderlhaus erinnern, von Kühen gezogen und mit viel Applaus bedacht. Es gab da noch viele, viele Wägelchen in diesem Straf-Umzug. Und Faschingskrapfen gabs, jede Menge. Auch daran kann ich mich erinnern. Und dass es kalt war. Und der Glühwein und Punsch und Tee mit Rum floss, hektoliterweise. Und ich eigentlich nach Hause wollte, in diesem Unding von öffentlichem Omnibus nach Graz in die Steyrergasse zu meinem „Bärli“ kuscheln und schlafen, nur schlafen wollte. Ob das wohl am Anlass zum „Blochziehen“ lag?

Ich als Lollinger
1958. Eine Zeitlang traten einige Mitglieder unseres Kreises (evang. Jugend) als „Lollinger“ auf. Jeder schriftstellerte und hatte einen eigenen Vornamen. Ich schrieb auf der Schreibmaschine meiner Schwester. Im Hintergrund meine Kindheitsbeziehung, mein „Bärli“.