Rare… Medium… Well Done!

Gesetzt den Fall ich wäre solch ein köstliches Steak: Würdest Du mich dann „Rare“ vereinnahmen wollen, innen noch schön blutig, also roh? Oder „Medium“, nicht mehr so blutig, aber doch noch rosarötlich? Oder doch schon „Well Done“, gleich ganz durchgebraten, klassisch beinahe? Die Frage nach dem jeweiligen Zustand ist ja durchaus berechtigt, was dem Einen „Rare“ ist, ist für den Anderen „Medium“, ist also eine Sache des Geschmacks, des kulinarischen Fortschritts. Wobei im Fall des Falles das „Well Done“ gar kein Problem mehr ist, weil so sehr dieses auch ein Ziel sein sollte, sehr begehrt ist und erstrebenswert, weil wir diesen Zustand nie bewusst erreichen werden. Ein bischen blutrot bleiben wir immer. Selbst im letzten Augenblick bleiben wir einfach nur Mensch. Aber das wird jeder Einzelne erst dann erfahren, wenn es soweit ist, auch ob es Konsequenzen hat, wenn zum Beispiel keine Chance aufs Well-Done gegeben ist, wenn es also nur beim „Rare“ bleiben sollte. Also alles nur eine halbe Sache bleibt.

Das Tee-Haus oder T-House
Da so viele „G´schichterln“ erzählt wurden – da konnte man sich schon was vorstellen…

Im Zuge dieses sogenannten Reifungsprozesses, wurde ich auch zum Kehlsteinhaus oder Tee-Haus geführt. Mein Vater führte mich dorthin, beileibe nicht ganz uneigennützig. Es gab ja jede Menge Geschichten und Geschichtchen um dieses Bauwerk am Rande der Alpen in ca. 2.000 Meter Höhe. Ein Haus, ein richtiges Haus direkt auf der Spitze eines Berges, eines Hoch-Gebirges! Keine Biwak-Schachtel, keine Hütte, ein richtiges großes Haus zum Leben und Wohnen, mit allem Drum und Dran! Jedenfalls wollte mein Vater es einmal anschaulich selbst sehen, mit dem unterirdischen Lift da rauf fahren und tatsächlich, es war so, wie man sich erzählte. Da ging man zunächst einmal in den Berg hinein. In einem wunderschönen Gang, einem Tunnel, der den Besucher sehr beeindrucken sollte, was an mir aber vorbei ging, möglicherweise andere ansprach. Am Ende des Tunnels öffnete sich eine Tür zu einem Wohnsalon. So hätte ich dieses Zimmer bezeichnet. Die Tür schloss sich wieder. Da stand ich also. Mit vielen Anderen. Wir starrten erwartungsvoll aneinander vorbei. Ein paar Minuten. Dann tat sich was. Die Tür öffnete sich wieder. Nur: der Tunnel war kein Tunnel mehr. Wir waren direkt im berühmten Teehaus, dem Kehlsteinhaus. In ein paar wenigen Minuten. Ohne irgendwas zu spüren, zu fühlen. Ich kannte ja das Gefühl mit einem Lift zu fahren, zu „Lifteln“. Aber das hier, das war ein „Stehen“, das war kein „Lifteln“. Die heutige „Virtual Reality“ ist noch am ehesten zu vergleichen, wenn auch „Reality“ in Wahrheit nicht zu ersetzen ist, auch nicht durch „Virtual“.

Direkt gegenüber. Auf dem Kehlstein
Auf dem Kehlstein direkt gegenüber gefiel es mir schon viel besser…

Mit diesem „Kehlsteinstehen“ stand mein Vater schon ein wenig näher dem Zustand „Well Done“. Was mich betrifft, war ich gerade im Werden des Zustands „Rare“. Viel Ahnung hatte ich ja, was die Ereignisse vor meinem Existenz-Antritt auf dieser Welt betraf, ja nicht gerade. Das Haus stand auf einem Spitz neben dem Kehlstein, man hatte einen herrlichen, zauberhaften Ausblick auf das Berchtesgadener Land, das ich bis dahin ja auch nicht gekannt hatte. Das erste Mal durfte ich sowas erleben, durfte ich sowas erfahren. Solch einen Blick gibt es nur von Gipfeln aus, und da sind diese Blicke in diesen Dimensionen nur selten. Jedenfalls, das war ja nicht Österreich, das war ja unser Nachbarland, das war Deutschland, und davon war es auch nur ein Teil, nämlich ein Teil des Bundeslandes Bayern. Es gehörte zu dem Land woher die „Deutschen“ kamen, jenes Land in dem das Wirtschaftswunder ablief. Jenes Land aus dem wir armen Österreicher überschwemmt wurden von Touristen, die viel Geld hatten und von denen wir uns viele Ecken abschneiden konnten. Auf die wir auch hinaufschauen durften. Und denen wir folgen konnten, ja mussten, wenn´s nach jenen ging, die unsere wirtschaftlichen und außen- und auch innenpolitischen Ziele vorgaben. Die einen sahen das Kapital dort und die anderen das Geld da und die Dritten beides in den Taschen von anderen, welche aber doch bald zu ihnen gehören würden, zumindest in nicht ganz legalen Arten und Weisen.

Mein Vater auf dem Kehlstein
Obwohl ganz „foin gesackelt“ scheint es ihm auch zu gefallen…

Auf den Kehlstein selbst führte damals ein Pfad durch und über Gestein, zwischen kleinen Latschenfeldern hindurch. Für berggewohnte Mitmenschen auch in dem dokumentierten touristischen Aufzug einigermaßen leicht zu begehen. Und das Schöne daran war die Belohnung. Jene Momente die einem das Herz – so glaubte man – übergehen ließen. Der Ausblick, die endlose Weite, die einmalige Vielfältigkeit der Umgebung, in der sich die Vielfalt des Daseins manifestiert hatte. Und wieder waren wir einen Schritt näher zum „Well Done“ meines Vaters und dem „Rare“ des Selber-Seins.
In meinen Gedanken, die ja vorwiegend aus Ganglien, besser als Nuclei basales, bestehen, blieb das Kehlsteinhaus und der Kehlstein, die Terrasse davor mit Menschen die irgendwas getrunken haben, die sich nicht sehr laut unterhalten haben, miteinander gesprochen haben ohne zu lachen und fröhlich zu sein. Die durch irgendwas irgendwie be- und gedrückt zu sein schienen. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Damals, 1956.

Nasenbohrenderweise auf dem Kehlstein.
Anfang 1956. Im Anzug. Auf circa 2.000m Höhe. Ein Berg mit sehr seltenem Lift und der Kunst des Balgenfotografen. Ist doch wirklich zum Nasen…