Legenden, Mär und tiefere Bedeutung.

Anfang der 1960er-Jahre gärte es in Graz. Meinungsbildner der studentischen „Aktion“ waren unterwegs. So schien es. Ich jedenfalls war ihnen nicht entkommen. Sie waren überall und nirgends. Sie waren genau dort, wo ich mich ebenfalls umhertrieb. Sie waren nur einige Wenige, dafür waren sie aber flott und tüchtig unterwegs. Sie fanden auch ihren Weg in die damals noch so bedeutende lokale Presse. Und so wurde heiß diskutiert in den Clubs und Cafés und natürlich auch an den Stammtischen. Sicherlich diskutierte ich mit, aber viel, sehr viel interessanter fand ich alles, was ich aufsaugen konnte, alles wovon ich wußte, dass ich es zukünftig auch gebrauchen konnte. Zur Steigerung der Effizienz. Das reichte vom akustischen fließenden Übergang von Konsonanten zu Vokalen, oder dem Neu-Ansetzen von Wörtern im Gedanken- und Wortfluß, reichte vom sprunghaften „Ich liebe Dich“- zum „Ich hasse Dich“-Gefühl und der körpersprachlichen Mitteilung desselben. Alles das hatte absolute Priorität. Natürlich diskutierte ich mit über das Für und Wider bezüglich der Einreise eines Herrn Otto Habsburg, den ich Jährchen später in Strobl am Wolfgangsee als Kopf der „Paneuropa-Bewegung“ kennenlernen sollte. Der also – unter bestimmten Bedingungen – einreisen durfte. Aber damals berührte mich die Problematik nur am Rande, wurde gar nicht realistisch wahrgenommen – nicht nur von mir. Auch dass es überhaupt einen Innenminister gab, drang erst ins Bewusstsein vor, als FPÖ und Kronenzeitung mit größeren Geldsummen aus der Gewerkschaftskasse in Zusammmenhang gebracht wurden, was im klein gewordenen Österreich von damals die Wogen derart hoch gehen ließ, dass wohl niemand mehr unberührt geblieben war. Letztlich musste ein undurchsichtiger Herr namens Olah als Innenminister sein Amt einem Parteikollegen zur Verfügung stellen. Da traten auch die letzten Erdöl-Lieferungen an die UdSSR gänzlich in den Hintergrund, wurden von uns kaum wahrgenommen, genauso wie es für uns im „Westen“ ja nicht einmal die gefürchteten USIA-Betriebe gegeben hatte. Obwohl die Lösung des Problems jeden einzelnen Österreicher – auch die im sogenannten „Westen“ – betroffen hatte. Aber das wollte man gar nicht so genau wissen. Obwohl auf höherer und höchster Ebene alles getan wurde um Österreich einheitlich darstellen zu können, war der „Osten“ und der „Westen“ ganz eindeutig spürbar. Und auch dreiundsiebzig Jahre nach der Kapitulation irgendwelcher grauenhafter Träumer vor der Welt ist mancherorts diese Spaltung noch zu verspüren. Das hat zu tun mit grundsätzlichen Auffassungen von Demokratie einerseits und den vielfältigen gegenteiligen Herrschaftsformen andererseits. Ein Nimmer-wieder-fühlen dieser Trennlinien wird es nur dann geben, wenn wir irgend wann einmal die alten monarchischen und nationalistischen Fesseln abgesprengt haben, zu einem – für Nicht-Europäer sicherlich noch unerwünschten – Europa der Regionen gefunden haben. Wo es realistisch wird, dass es verschiedenartige Spanier und Franzosen und Italiener und Deutsche und so weiter gibt, wo „Seewinkler“ tatsächlich Seewinkler und nicht nur irgendeine Untergruppe von Ostösterreichern, der ehemaligen Krisenregion „Ost“, sein dürfen. Wir sollten uns selbst, den Bewohnern dieses Kontinents, diese Chance geben. Damit wäre auch der Versuch des allseitigen „Hochschwimmens“ beendet, was sowieso nur zum Spielertum führen muss.
Wer hätte damals gedacht, dass die Welt mit Anbruch meiner akademischen Ausbildung vergleichsweise leer war, unbesiedelt, wer hätte damals gedacht, dass Schilderungen über die Eroberungen der „Dampfrösser“ bei weitem übertroffen werden würden, dass kein Stein auf dem Anderen bleiben, dass alles ganz anders werden würde und keiner wußte wie das ausschauen würde, wer hätte damals gedacht, dass es in Europa eine Vielzahl von Radio- und Fernsehprogrammen geben würde, dass vom ehemaligen elektronischen Medienmonopolisten möglichst viele Frequenzen belegt werden müßten, um seine Existenz abzusichern, dass er neid- und eifersuchtsvoll beobachtet werden würde, wegen der sogenannten Hörer- und Sehergebühren. Denn alles hatte und hat seine Be-Gründung auf dem „Damals“. Das Damals allerdings sollte mit einem Mal wegbrechen. Das war mit dem Auftauchen der Digitalisierung schon klar und konkret. Es wurde zwar versucht, dem Einhalt zu gebieten, aber elementare Ereignisse lassen sich nicht aufhalten, also ließ man es wegbrechen. Nach welchen Gesetzen dieses „Elementare“ abläuft, weiß die Menschheit nicht. Wir Menschlein wissen nicht einmal warum es vor grauen Jahren so wenige Männer auf dieser Welt gab, dass durchschnittlich siebzehn Frauen auf einen einzigen Mann gekommen sind. Möglicherweise stammen daher die geheimen Träume von der Macho-Existenz!
Rund um mich herum waren in diesen Zeiten – mit ganz wenigen Ausnahmen – nur Studenten. Das bedeutete auch, dass sich für mich eine ganz eigene Welt öffnete, zu öffnen begann. Prioritäten verschoben sich, Oberflächlichkeiten begannen sich zu vertiefen, Ausdrucksweisen präzisierten sich, Sichtweisen und Panoramen wurden bunt und vielfältig. Änderungen am politischen System hierzulande wurden konketer und konkretisiert. Eine Ahnung von Unzufriedenheit befiel uns und mich.
Da platzte auf einmal das Wort „Ich bin ein Berliner“ in das Geschehen rund um mich herum, damit wurde auch die internationale Rolle dieser ehemaligen Hauptstadt des nicht mehr existenten Nachbarstaates wieder klar und als in diesem Jahr dann noch der Sprecher dieser „4 Wörter“ ermordet wurde, und der angebliche Mörder selbst auch noch, da wurde es schön langsam unbehaglich. Bis heute. Dieses Unbehagliche verbindet sich mit der „I Have A Dream“-Rede von Martin Luther King, verbindet sich mit dem Beginn des Bürgerkriegs auf Zypern, den Vorkommnissen im Iran rund um das mühsam aufgebaute Märchenpaar Farah Diba und Reza Pahlevi, dem Schatz im österreichischen Toplitzsee, bestehend aus gefälschten britischen Pfundnoten. Die Unterzeichung des Atomteststopp-Abkommens drängt sich mir da noch auf und der legendäre Postzug-Raub in Groß-Britannien, deren Täter ganz Österreich bewunderte. Warum wohl? Der abstrakte Begriff des Geldes scheint der größte Feind des Menschen zu sein – global und generell und überhaupt. Was mich an unsere syrischen Freunde Yussuf und Hussein erinnert, die behaupteten, dass bei ihnen zu Hause die Feinde der Menschheit auf den Palast-Vorplatz  bei Damaskus verbannt worden seien, um sich dort gegenseitig zu bekämpfen und den Rest der Bevölkerung in Ruhe zu lassen. Wie sich dies wiederum mit dem Islam von damals vertragen hatte, wer von den Beiden welcher Islam-Gruppierung angehört hatte, haben wir nie hinterfragt. Aber offensichtlich waren Beide auf Seiten der Liberalität. Wie man allerdings heute hört und sieht und liest hat dieses Experiment auch nicht den gedachten Effekt erreicht, ganz im Gegenteil.
Schwer betroffen hat mich in dieser Zeit der Tod von Edith Piaf. Es hat schon ein paar Tage gedauert bis ich begriffen hatte, diese Persönlichkeit aktiv nur noch von Konserve zu hören und zu sehen. Nie wieder würde sie mich mit aktuellen Bemerkungen, mit neuen Gedanken, mit ihren intuitiven Chansons und Liedern weiterhelfen. Ich hatte sie schon begriffen. Das war auch gut so. Und das war es dann.