Es gibt keine Abenteuer…

Das wurde mir klar in den Jahren rund um den Grimming, zwischen Pichl-Kainisch und Sonnenalm, Zauchen, Krungl und der Kulm Schanze, Tauplitz und Trautmannsdorf, Öblarn, Gröbming, St. Martin am Grimming und dem Pass Stein. Das war unsere Gegend. Wenn jemand irgendwas nicht wusste, wurde es ihm erzählt. Ohne sich lustig zu machen, ohne selbst den Alleswisser zu geben. Dass der Kulm die größte Naturschanze der Welt sei oder noch immer ist erfuhren wir auch so, ganz selbstverständlich. Voneinander, manchmal – und das eher selten – von etwas Größeren, von Erwachsenen. Wir kletterten den Schanzentisch und den Turm da hinauf und versuchten uns vorzustellen, wir seien im Winter da oben, stünden am Ablauf. Das reichte uns schon. Da zu stehen. Entfernungen zu schätzen, den Winkel abzuschätzen in dem es zum Schleudertisch geht. Nein, das Dastehen allein reichte uns. Wir taten sonst überhaupt nichts, setzten keinerlei Aktion. Das Stehen allein ließ uns wie Schiffsjungen auf einem Dreimaster fühlen. An der obersten Spitze des Mastes. Darüber hatten wir damals oft genug gelesen. Es fehlte nur noch der letzte Ruck, der letzte Impuls um anschließend ein paar Sekunden nur zu fliegen. So wie es der Adler vom Grimming aus tut. Tief unter sich die bunte Menge der Leute, ganz, ganz weit weg, eingebettet in Watte eine Stimme, die Stimme des Platzsprechers und dann Ruhe, die Momente des Fluges. Die man nicht einmal richtig bemerkt. Als Flieger spürst Du nur den Wind, spürst die eigene Haltung, fühlst Dich nur ähnlich wie das Geschoss des Scharf- oder Präzisionsschützen. Ja, wir genossen den Blick von da oben. Den abenteuerlichen Blick, denn der war das einzige Abenteuer dabei. Dann fuhren wir wieder nach Hause, still und leise, versunken in unseren eigenen Gedanken.

Genauso erging es uns mit der Bergbahn auf die Tauplitzalm. Dass der Doppel-Sessellift hinauf in zwei Teilbereichen geführt wurde und damit ebenfalls zu den längsten der Welt gehörte, machte auf uns zwar Eindruck, viel bedeutender war aber die Länge der Bergfahrt, die Dauer des am-Sessel-Sitzens, hochgezogen zu werden über die Wipfel und Gipfel, dem Kommen und Gehen von allem was tief unter unseren Füßen lag. Und wieder waren wir ganz still, sahen nicht nur Wipfel und Gipfel, sahen auch Vögel und erdgebundene Tiere, manche Rehe und Häschen. Ganz oben zeigten sich im Sommer nur mehr Kühe, hörten wir auch nur mehr das dumpfe Scheppern der Muhkuhglocken. Nichts konnte die Eindrücke der Tauplitzalm, dieser Seenplatte mit seiner Flora und Fauna, und des Lawinenstein von damals zerstören. Es gab noch keine Schlepplifte, keinen Skizirkus, kein Tam-Tam-Tam, nur Schnee, Schnee und immer wieder Schnee. Und die eigenen Füße und Hände. Mit denen wurden die Skier geschultert, Essen und Trinken wurden am Rücken zur nächsten Hütte transportiert und drinnen war es schon „bacherlwarm“, so dass man gar nicht mehr hinauswollte, zum Treten mit den Skiern, die kurzen Abfahrtsstrecken hinauf und hinunter etwa. In den traditionellen Riemen-Bindungen. Schul-Skikurs auf der Tauplitzalm. Kurz blitzt die Erinnerung auf und verlöscht gleich wieder. Schöner und ereignisreicher war der Sommer. Und auch das war kein Abenteuer, es war die Erfahrung jeder Teil-Sekunde, dass Du bist, dass Du lebst.

Die Sonnenalm in der Nähe des Dorfes war unser Birkenwäldchen. Damals noch. Kein Gedanke an Appartementhäuser. Nur einige wenige haben insgeheim damit gespielt. Während wir uns zu dritt auf die Wipfel der jungen Birken gehängt haben, so dass sie sich mit uns zur Erde bogen. Zwei von uns haben dann auf Kommando losgelassen damit das Bäumchen den Dritten von uns wegschleudern hätte sollen.  Ein paar Mal ging das auch ganz gut, wenn auch nicht immer. Es bedurfte schon einiger hartnäckiger Versuche. Ein Versuch war doch etwas zu hartnäckig. Der stürzte dann ab, nahm ein paar Äste mit und kam unten hörbar auf dem Allerwertesten auf. Es war viel Moos da und glücklicherweise viel kleines Grün, Unterholz. Unser Partner konnte nicht mehr aufstehen, erst nach ein paar Minuten, ließ sich nichts anmerken. Aber man merkte beim Gehen und kurz darauf beim Fahren mit dem Rad schon, dass da irgendwas war. Das Sattelsitzen funkte nicht so richtig, und mit dem Treten haperte es auch. Wir sahen ihn einige Tage nicht. Wir wussten nicht, was los war, auch später. Er war darüber still. Wie ein Grab. Aber das war so. Die Methode hat sich, abgesehen vom schlechten Gewissen, zusätzlich nicht sehr bewährt. Eigene Fehler gab man ja nicht zu, da schwieg man lieber. Man war ja immer voller Erfahrung, welche man zwar sammelte, schweigend sammelte. Aber das tat oder tut ja jeder: Schweigend sammeln.