Im Werden… – Mitterndorf im Salzkammergut

Wir waren auf der Flucht damals, im Jahr 1945. Nur weg aus Graz, dorthin wo es sicherer war. Und im Salzkammergut war es das, dort gab es bereits die „Amerikaner“ bis zur Enns. Hinter dem Grimming befand sich die Demarkationslinie, die Enns und ihr Tal, das Ennstal, und damit war auch das Salzkammergut in den Händen der „Amis“. Das berühmte, bekannte, begehrenswerte Salzkammergut – das heimliche 10. Bundesland des wiederhergestellten Österreich. Der Rest der Steiermark gehörte 1945 den „Russen“, die waren schneller als die „Engländer“, und von ihnen hörten die Erwachsenen nichts Gutes. Noch bevor die Panje-Wagen aus dem fernen Osten die Stadt Graz erobert hatten, machte sich meine Mutter mit mir hochschwanger Richtung Obersteiermark auf. Wir hatten sowieso nix mehr zu verlieren. Eine Bombe war vorher schon in das Haus gegenüber explodiert und hatte alles niedergemacht, ob lebendig oder nicht. Der Luftdruck hatte auch meine Mutter weggetrieben. Die Sicherheit unserer Existenz war mit einem Schlag dahin. Das heißt mit einem Druck der rechten Hand des Bombenschützen da oben. Er hatte wohl den Grazer Ostbahnhof im Visier, getroffen hat er jedenfalls die Steyrergasse 76, das Haus gegenüber. Und die Überlebenden ringsumher dürften darüber sehr froh gewesen sein, dass jetzt auch noch meine Mutter nicht mehr anwesend war.  Da konnte man sich auch aus dem Geschäft holen, was man wollte. Eine Mitterndorfer Familie hat uns Unterschlupf gewährt. Ich möchte mich heute noch dafür bedanken.

Bad Mitterndorf um 1900
Bad Mitterndorf mit Blick zum Grimming – um 1900

Meine Großeltern mütterlicherseits domizilierten damals in der Rohrbachhöhe im Stiftingtal bei Graz. Die Höhe war tatsächlich ein Tal. Sie hatten dort einen kleinen Bauernhof. Dazu gehörte ein Teil des Stiftingbaches und Wald drumherum. Der wurde von Veterinär-Russen annektiert. Meinen Großeltern passierte nichts. Die Veterinär-Ärzte erwiesen sich als sehr tolerant, entsorgten sie doch alles was nicht mehr überlebensfähig war, in Bach und Wald. Noch viele Jahre nach dem großen Krieg stießen wir immer wieder auf die Reste diverser Nutz- und Gebrauchstiere, vor allem hattens uns Kinder die Schädelknochen angetan.
An jener Stelle, an der heute die Schaftalstraße von der Stiftingtalstraße abzweigt, hatte ein echter Pferde- und Hufeisenschmied seine Werkstatt. Das war der „Schmied König“. Die Autobus-Haltestelle heißt heute noch so. Bis vor Kurzem bestanden die Original-Gebäude, sodass nur mehr die Haltestelle und diese Zeilen an das Schicksal des „Schmied König“ erinnern. Der Hufeisenschmied selbst schaffte es nicht so lange, nur bis sie da waren, die „Russen“. Jahre danach durfte ich hin und wieder seinen Arbeitsplatz inspizieren. Es war alles noch so, wie er es verlassen hatte, von heute auf morgen, innerhalb weniger Stunden, so schien es mir. Seine Frau, die noch dort wohnte und so schlecht und recht dort lebte, sagte kein Wort zu mir und den Erwachsenen, die mich begleiteten. Ihr hatte es die „Red‘ verschlagen“, wie man sagt. Sie verständigte sich nur mit Gesten. Erst später habe ich erfahren, dass er durch ein Fenster hindurch erschossen worden war. Mich hat das ziemlich lange beschäftigt. Ich bekam auch keine Antworten auf meine Fragen von den „Erwachsenen“, nur Ausflüchte. Klar wurde nur, dass es nicht so einfach gewesen sein musste, jemanden mit einem Feld-Karabiner durch ein Fenster hindurch zu erschießen, dass niemand wusste, wie viele an diesem Vorkommnis beteiligt waren und was da tatsächlich und überhaupt vorgegangen war. Das Wissentliche wurde offensichtlich „weggekehrt“. Naja, man war ja in diesen Jahren sowieso dabei, reinen Tisch zu machen oder was man gerne dafür halten lassen wollte…

Mein Vater – er hatte seinen zweiten Welt-Krieg gerade überlebt – flüchtete zu Fuß aus dem damaligen Jugoslawien nach Mitterndorf. Aus Sicherheitsgründen von Berggipfel zu Berggipfel, so wie im ersten Welt-Krieg im Gebirge, in den Dolomiten, gelernt. Letztlich schwamm er durch die kalte Enns, hinüber ans rettende Ufer. Irgendwo zwischen Liezen und dem unübersehbaren Grimming, in der Gegend des Schlosses Trautenfels. Erst als Steiermark und Kärnten von den scheinbar friedlicheren Engländern endgültig erstritten wurden, getrauten sich meine Eltern wieder zurück nach Graz, in die Steyrergasse 69, meine Heimstatt für die nächsten Jahre. Wo das Türschild so ziemlich das Einzige war, was noch original verblieb.

Ein echter Luis, dieser Nell
Damals hatte ich keine Ahnung, dass es einmal einen zweiten Luis geben könnte…

Original verblieb auch die strenge Trennung zwischen Rufname und Schreibname. Mein Vater etwa bestand Zeit seines Lebens darauf, dass er „Luis“ gerufen wurde, von allen und jeden, und demzufolge auch so hieß und geschrieben wurde und dass nur irgendein Schreiberling, der es besser wusste als eben diese „alle und jede“ ihm einen Taufschein ausstellte auf den Vornamen „Alois“, weil „Luis“ könne man ja nicht schreiben, Luis sei ja auf gut deutsch gleichbedeutend mit Alois. Luis hätte man schreibschriftsprachlich mit „Alois“ zu übersetzen, Punkt-Um und Schluss. Dass diese unbeschreibliche, nicht fassbare Mentalität viel verbreiteter ist im Beamtenapparat hätte ich nicht angenommen. Bis zu dem Augenblick, als ich selbst davon betroffen wurde. Bis zu dem Augenblick, als ich vor einem der Wiener Standesbeamten stand und den Wunsch äußerte eine Ehe einzugehen und die Dokumente vorlegte, die zu diesem „Behufe“ nötig waren.

Teil der Geburtsurkunde
Ein Jahr der Verwirrungen?

Da musste ich nämlich feststellen, dass ich gar nicht existent bin, dass ich anscheinend in einer quantenspezifischen Parallelwelt existierte, obwohl ich schon ein Kind gezeugt hatte, schon einmal verheiratet gewesen war, in dem Land in dem ich gerade lebte, ja wirklich gerade lebte oder doch nicht gerade lebte, weil es mich auf einmal gar nicht mehr gab.

Ist es wirklich richtig?
Der korrigierte Ur-Eintrag stellte alles wieder richtig?

Weil es da einen angeblichen Mit-Menschen gab, der allen Ernstes behauptete, dass es mich nicht gäbe, dass es mich auch als Steuerzahler dieses Landes nicht gäbe, dass ich zwar Steuern bezahlt hätte und diese verfallen wären, dass ich mit einem Wort nicht existierte, ich sozusagen tot sei. Eine Leiche sozusagen, eine „Kartei“-Leiche, meiner Ansicht nach, obwohl ich noch 2016 atmete, in einer anderen Welt möglicherweise. Da hatte dieser Standesbeamte mit Dienstort Wien-Hietzing schon recht, rein Quanten-Mäßig. Im Wissen darum, dass es in dem Land, in dem ich lebe, noch immer, tatsächlich noch Mitmenschen gibt, mit Betonung auf „Mit“, wandte sich die „Leiche“ an das Ursprungsstandesamt in Bad Mitterndorf. Dem dortigen Standesbeamten Pliem ist es zu verdanken, dass aus dem Meinrad kein Meinrat oder gar Meinrad-Alois geändert werden musste. Dass aus dem Meinrad ganz einfach ein Meinrad bleiben durfte. Ich habe keine Ahnung wieviele denkend-arbeitende und natürlich auch mit-arbeitende Menschen ihm dankbar sind dafür. In deren Namen jedenfalls: Danke!

BHEistadt
4 Jahre vor dem Einstieg in ein neues Jahrtausend…

Ich hoffe, dass mit dem Beginn eines Zeitalters der Digitalisierung sich so weitreichende Miss-Verständnisse wie etwa, dass aus „Nell“ ein halbwegs amtlicher „Nett“ – aus welchen Gründen auch immer – geworden ist, selbst persiflierend von sich aus erledigen werden.

Doch zurück in die Steyrergasse 69 zu Graz, die nichts mit der Steiermark sondern eher mit der Stadt Steyr zu tun hatte und hat. In der nahen Conrad-von-Hötzendorf-Straße lebte eine Schwester meines Vaters, noch ein paar Jährchen bis nach dem Ende des großen Krieges. Zu Weihnachten war immer Tee-Zeit. Da durfte ich bei ihr den besten Tee schlürfen, den ich je bekommen hatte. Selbst gemacht, gebrüht, gekocht… ein Traum. Nicht lange. Irgendwas raffte sie hinweg, sie musste auch schon ziemlich alt gewesen sein. Den Bruder meines Vaters, Onkel Martin, raffte eine Panzergranate bei El Alamein in Nordafrika, im heutigen Libyen, dahin. Schließlich gabs also nur meinen Vater. Naja, und mich. Ich durfte dann, nachdem die Bombenschäden beseitigt und vor allem die Existenz wieder aufgebaut worden war, zur üblichen Sommerfrische ins Salzkammergut, auf dass es mir besser ergehe, worüber ich sehr froh war…

Schloss Trautenfels
Das Tor zum steirischen Salzkammergut

Damals – in den letzten 1940er-Jahren, den ersten 1950er-Jahren – hieß es noch Mitterndorf im Salzkammergut. Später wurde es dann zu dem bekannten „Bad“, durfte es sich „Bad“ nennen. In der Gegend des Stein-Passes, zwischen Grimming und dem Kamm, der „Kammspitze“, hinüber ins Ennstal, hat es zwar schon „immer“ ein Bad gegeben, aber bis zur offiziellen Anerkenntnis dauerte es noch. Ganz stimmt es zwar nicht. Die Abenteurer des Imperium Romanum kannten die Heilung bringenden Quellen schon. Ein echter und tatsächlicher römischer Kaiser hat sich hier sogar niedergelassen, hat kurlich sozusagen das Rest-Imperium regiert. Aus dem Salzkammergut heraus. Im Sommer ließ es sich ja herrlich baden und „gebadet“ hat man in jenen Zeiten, da ist man nicht geschwommen…

Danach wurde "Bad Mitterndorf" benannt.
Das alte Badhaus mit der Kammspitze

Das Tal durch das die Salza die Kur-Abwässer in die Enns hinüberschwemmte war ein Kerbtal, geeignet, ja fast geschaffen, für Österreichs erstes Staukraftwerk. 1949 wurde es in Betrieb genommen. Ein Sträßlein mit 2 Tunnels begleitete den zu erwartenden Salza-Stausee. Dieses Sträßlein, vor allem die 2 Tunnels sollten später eine wichtige Rolle spielen, gehörten sie doch zu meinen ersten Abenteuer-Erfahrungen auf dem Fahr-Rad. Später. Jahre später. Zunächst musste ich meine ersten Sommerfrische-Monate in Stifting bei Graz abdienen, bei den Schweinchen, den Kühen und Kälbern und Ziegen und Hühnern meiner Großeltern, „Prinzi“ dem Nachbar-Hund, dem Heuboden, wo so manche Henne ihre Eier versteckte, dem großen und weiten Wald mit seinen heimeligen Plätzen und Plätzchen, dem leise dahinplätschernden Bach, der nach ausgiebigen Regenfällen schon ganz schön anschwellen konnte. Und in dem ich auf Bad Heilbrunn vorgreifend auch badete. Vor allem aber gab es da meinen ständigen Begleiter von damals, der mir das Lesen beigebracht hatte, mühsam und mit Unterstützung der Fingerchen zunächst – Karl May. Alle 74 Bände. In einem Zug habe ich sie durchgelesen, in einem „Sommerzug“ sozusagen. Tagelang. Und tatsächlich: Ich wurde ein phänomenaler Leser und Vorleser. Aber es war ja nicht nur Karl May, der mich fasziniert hatte damals. Am Dachboden meines Großvaters gab es jede Menge agronomische Fachliteratur und Fachzeitschriften. „Wie baue ich einen professionellen Hühnerstall“ etwa, oder Schweinestall. Mein Großvater hat mich aber glücklicherweise immer wieder in meinem Tatendrang stoppen können. Stoppen konnte mich jedenfalls alleine schon der Geruch eines der vielen Sulmtaler-Brat- oder Backhühner die da in unserem Hof und dem anschließenden Wiesengelände umherliefen. Ein kurzes Gackern und das abgebrochene „gackjackwiiiiiieeee“, unterbrochen durch den kurzen Hieb mit der barbarischen Hacke, sonst ein sehr hilfreiches Instrument, wurde sie, die Hacke, zum infernalischen Zeichen, mich auf einen der vielen Obstbäume zurückzuziehen oder den Hausgarten – für Männer war der Zugang sowieso verboten – einige Male zu umrunden und mich erst wieder in Küchennähe sehen zu lassen, wenns nach Braten oder Backen roch. Vor dem Haus gab es einen ganz primitiven Holz-Tisch mit zwei ebenso primitiven Holz-Bänken. Und dieser Ess-Platz stellte sich für mich als Paradies dar. Auf vier Seiten war diese Holzkonstruktion von Wein um- und zugewachsen. Man ist mitten im Wein gesessen, und dabei hat sich der Tisch noch dazu gebogen von Essen: Reis, Salat, Back- oder Brathühner, dann die Hühnerleber… der frisch gepresste echte, natürliche Apfelsaft. Herz – besser: Magen oder Verdauung – was willst Du mehr!! Leider kann ich mich an die zwei Weinsorten nicht mehr erinnern. Die Trauben waren voll und groß und schmeckten gar köstlich. Die Blauen waren etwas süßer und auch etwas größer. Natürlich griffen wir zu – während des Essens, bei den Weintrauben. Nur in Supetar hab ich so etwas wiedergesehen und -geschmeckt. Supetar ist die Hauptstadt von Brac, der größten dalmatinischen Insel, gleich gegenüber von Split in Kroatien. Da gibts ein Gasthaus, ein Restaurant „Gusti Mori“, wo man ebenfalls mitten im Wein sitzt und die Wirtsleute nichts dagegen haben, wenn man sich frei bedient. Wo der Koch nach Bedarf die Feigen durch das Küchenfenster pflückt und zum Genuss einfach weiterreicht. Köstliche, kulinarische Erinnerungen…