„Die Dilettanten“ im Forum Practicum

Möglicherweise war er jener Pressefotograf, welcher Jürgen, meinen Jugendfreund, und mich am Grazer Hauptbahnhof ablichtete als wir einen Schluck des sprudelnden Wassers aus dem ersten jungfräulichen Grazer Trinkwasserbrunnen entnahmen. War er das tatsächlich, hat er uns das ganze Grazer Leben lang begleitet. Er war bei jedem Event in der nicht gerade eventarmen Grazer Welt zu treffen, immer mit Kamera und Blitzlichtapparatur: Stefan Amsüss, Pressefotogaf. Fünf seiner Fotos haben bei mir noch überlebt. Vielleicht entdecke ich noch mehr in den unergründlichen Tiefen meiner Sammlung aus dem ersten friedvollen Jahrhundert Europas. Stefan Amsüsss jedenfalls hat Grazer lebendige und tatsächliche Geschichte dokumentiert. Auch diesbezüglich erfolgt in den gegenwärtigen Jahren ein sehr tief gehender Eingriff in unsere Denk- und Vorstellungsweisen. Auf Grund der Digitalisierung und des erforderlichen logischen Gedanken-Aufbaus bekommt „Leben“ langsam die Oberhand, das analoge und zwingend einfache „Einfach-Nur-Tun“ – mit welchem Hintergrund auch immer – wird immer unwichtiger. Das lehrt uns etwa die neue investigative Archäologie mit all ihren aktuellen Analysemethoden bis hin zu den Bodenscans. Das lehrt uns die neue Geschichtsschreibung, da wird uns erst klar, dass wir jahrhundertelang das Falsche übernommen haben, aber wir werden korrigierend eingreifen, wir werden in den kommenden Jahren in vielerlei Hinsicht entlastet und wir werden uns selbst von so vielen Zwängen und Mißverständnissen befreien, wobei das größte Mißverständnis wohl im Analogen liegt. Es produziert ja auch Müll, jede Menge. Auch das in vielerlei Hinsicht. Und immer mehr  von den bisher führenden Vertretern der analogen Welt werden zur Verantwortung gezogen. Der Bereich der vitalen Menschheit ist eindeutig und klar im Werden. Stefan Amsüss hat sich aus diesem Grunde ein kleines Gedenken verdient.

Stefan Amsüss 1964 Graz Forum Stadtpark
Akribisch genau katalogisiert: Film 1.827, Bild 22A – Ort: Forum Stadtpark Graz, „Die Dilettanten“, Reneé de Obaldia „Das Opfer des Henkers“. – Vielen Dank, Stefan Amsüss!

Wir waren zwar noch keine akademischen, universitären, amtlich geprüften „Schauspieler“, aber wir waren immerhin „Eleven“ und mischten ganz tüchtig mit im Kulturbetrieb der Steiermark. Und damit auch Österreichs. Das Forum Stadtpark in Graz bot uns reichlich Gelegenheit dazu. Wir gaben uns den Namen „Die Dilettanten“ und dilettierten unter anderem mit dem revolutionären „Das Opfer des Henkers“ aus der Feder Renée de Obaldias am 20.4.1964 unter der Regie Hans Wotawas. Ein sehr engagierter „Dilettant“ war auch Klaus Witzeling, der nach einigen paktischen Theaterjahren seine Zukunft im Theaterjournalismus gefunden hat. Das letzte österreichische traditionelle politische Kabarett „Der Würfel“ fand ebenfalls seine Heimat im Grazer Forum Stadtpark. Der Atem unserer Generationen war plötzlich, über Nacht, unüberhörbar geworden und nicht mehr zu übergehen. Es waren so kleine Details, wie das alte Fahrrad meiner Mutter, das auf Grund einer Spontan-Idee von Wolfgang Bauer in seiner Show „Bauer heißt die Corneille“ eine nicht unwesentliche Rolle spielen sollte. Getreten wurde das Fahrrad auf der Bühne des Forums im übrigen vom Kollegen Ishwara Erhard Koren, damals war er noch schlicht und einfach der „Erhard“. Es gab damals noch keine eingeschworene Interessensgruppierung unter uns, es war alles unvoreingenommen, unbeschwert, frei und nicht normiert. Jeder hat jeden unterstützt. Ohne lange zu fragen oder hochargumentativ zu diskutieren. Gender-Debatten hat es damals sowieso nicht gegeben, das war unvorstellbar. Ausserdem bewegten wir uns in einer Welt, wo der Begriff „gender“ nicht existent gewesen war.

Die Familie des "Henkers" von Renée de Obaldia im Forum Stadtpark Graz
v.li.n.re.: Christine Wallner, hinter dem Schafott ein Kollege an den ich mich nicht mehr erinnere als Henker, Meinrad Nell als „Opfer des Henkers“ von Renée de Obaldia im Forum Stadtpark Graz. Bild: Stefan Amsüsss

Die Rolle der Geschlechter war und ist aber immer noch ein nicht ganz verarbeitetes Problem der Menschheit. Literatur und Unterlagen darüber gibt es jede Menge. Zurückzuführen scheint es auf die „Jäger und Sammlerzeit“ der Menschheit zu sein. Die berüchtigte, berühmte, gefürchtete und beliebte Rolle der „Besetzungscouch“ hatte sich unter uns Eleven sehr bald als geflügeltes Wort herumgesprochen, war uns nicht nur bekannt, sondern wurde als gegeben hingenommen und als Machtspielchen akzeptiert. Unabhängig vom Geschlecht. Unabhängig vom Beruf. Unabhängig vom sozialen Status oder der Kultur. Besetzungscouches waren und sind allgegenwärtig.
Allgegenwärtig war unter uns Jugendlichen auch der Ruf eines bestimmten Bereichs des Grazer Stadtparks. Betroffen war der Weg von der Glacisstraße bis hin zur Erzherzog-Johann-Allee. Vor allem wenn es dunkel wurde. Die Beleuchtung durch Gaslaternen fiel da sehr, sehr oft aus und es trieben sich dunkle, finstere Gestalten umher. Wir getrauten uns nur in männlichen Gruppen in diese Allee oder zu zweit – gespielt händchenhaltend. Es war die berühmte Grazer „Schwulenallee“, genauso berühmt wie der „Blakomuniplatz“, der Grazer „Jakomini-Platz“ mit dem kreisrunden Buffett in seinem Zentrum und den abendlich finsteren Marktständen an seiner Seite. Aber diese Plätze und Zeiten sind ja bereits überwunden. Hoffentlich. Es war eine schrecklich verlogene Zeit. Und es hat eine Zeit lang gedauert, bis sich meine geschlechtliche Orientierung gesichert festgesetzt hatte und ich dahinterkam, dass alles andere in Bezug auf Gendereien sowieso nur heiße Lüfte waren und zur Instrumentalisierung weidlichst genutzt wurde. Ich kann mich an die unterhaltsamen Abendessen bei Marion und ihrem Freund erinnern, wobei Marion realiter Mario hieß und ihren gemeinsamen „freundschaftlichen“ Haushalt führte. Die Beiden waren Solotänzer an der Grazer Oper. Mario war eine ausgezeichnete Köchin. Da fällt mir auch wieder jener Kollege im Klagenfurter Funkhaus ein, der da im ersten Stock vor unserem großen Hörspielstudio mitten unter Kolleginnen und Kollegen auf seine Aufnahme wartete und an dem ich auf dem Wege in ein anderes Tonstudio im gleichen Stockwerk vorbei musste und dem ganz „excited“ entfuhr: „Mensch doch, der Nell, der hat schon was in der Hose!“. Wem wäre so ein zwingender Ausruf schon geschehen? Noch dazu hat mich dieser erst aufmerksam gemacht auf meine privatimen Eigenheiten, in deren Genuß nur heterogene Partnerinnen kamen. Oder Jahre später als ich genüsslich schlafend in der Nachmittagssonne am oberen Pool des heute bereits zur Geschichte Maltas gehörigen „alten“ Malta-Hilton lag und durch eine vibrierend-erotische offensichtlich weibliche Stimme geweckt wurde, die irgendetwas wissen wollte. Totenstille herrschte ringsumher. Auch der Pool selbst schien erstarrt zu sein. Als ich meine Augen schlaftrunken aufschlug, stand vor meiner Sonnenliege ein perfekt ausgestaltetes Traumwesen im ebenso perfekt knapp sitzenden Bikini. Die Blicke und Gedanken der anwesenden Pool-Besucher waren fixiert von diesem ausserirdischen Wesen. Und dieses Wesen annektierte und verführte mich an die Pool-Bar. Ab diesem Augenblick gehörte ich diesem Wesen, eine ganze Woche lang! Tony Buttigieg de Piro, Hotel-Manager und verdienter Malteser, hatte versucht mich – wie man auf gut österreichisch sagt – zu „legen“ indem er mir die Ankunft des weltweit bekannten Londoner Transvestiten verschwieg. Aber mein ausgeprägtes Gefühl für Zusammenhänge und schlagartige Erkenntnisse ließen mich auch in Malta nicht im Stich. Noch dazu waren Flugpläne damals noch sehr überschaubar. Also stieg ich in das schöne Spielchen ein und ließ mich annektieren. Ich habe diesen seltenen Momenten viel zu verdanken. Ich habe sehr, sehr viel gelernt von jenen, die da in unseren geographischen Breiten verdammt waren, verflucht, verleugnet und was weiß ein Unwissender und deswegen Verlorener sonst noch alles! Ich habe jedenfalls die Vorurteils-Freiheit, die Akzeptantz, schätzen gelernt. Schon in diesen Jahren. Natürlich zählten dazu die Besuche im lokalen Bereich im Grazer Theater-Café inklusive Pianistin, bei der man ein Stein im Brett hatte, wenn man sie aufforderte „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“ zu singen und zu spielen. Wenn man sich auch nur ein wenig mit diesem Lied beschäftigte, hatte man bald heraußen, warum und wieso. Bis in die frühen Morgenstunden wurde hier geredet und diskutiert, gesungen und manches mal auch gestritten, jeder mit jedem. Dieses Theater-Café war voller Atmosphäre, rauchverhangen, plüschmöbliert. Jeder Besuch brachte Neues in jederlei Hinsicht. Wenn man wollte lernte man neue Bekanntschaften, entdeckte neue Welten, lernte Dinge, von denen man bis dato keine Ahnung hatte.

Meinrad Nell als Sohn des Henkers im Grazer Forum Stadtpark.
Johannisbeerensaft und Fliegen interessierten Meinrad Nell mehr als die Opfer des Henkers und seines Schafotts. – Bild: Stefan Amsüsss

Nicht die geringste Ahnung hatte ich über die Beziehungen, welche zwischen einem Schafott und ganz normalen Stubenfliegen existieren können, zumindest nicht den Gedanken Reneé de Obaldias nach. Eine Fliege als gesellschaftliches Reflexionsobjekt auf der Bühne des Forum Stadtpark. Besser: Mehrere Fliegen, jede einzelne ein Objekt der Reflexion. Jeden Abend neu Erstanden, mit molekülhaften Änderungen, Verbesserungen vielleicht. Die Liebe zu den Fliegen. Mit den Fingern der hohlen Hand aus der Luft vor dem Schafott gekidnapt, ganz leicht geknupst und daraufhin in der leicht geöffneten Hand krabbeln gelassen, mit dem Zeigefinger der anderen Hand den Weg gewiesen, gefühlvoll gestubst, solange bis sie wieder den vollen Lebenswillen gefunden, die beiden Flügel zum Dahinschwirren gesetzt hatten und sich verabschiedeten, neugierig verfolgt von den Blicken des Henkerssohnes. Dieses Spiel spielte ich mehrmals pro Abend, das heißt, ich spielte mit mir und mit dem fühlbaren Dasein der Anwesenden, ließ sie teilhaben an der fiktiven Existenz der Fliegen, wobei immer wieder „Die Fliegen“ von Jean-Paul Sartre im Hintergrund lauerten. Ich spielte mit den fiktiven Fliegen, so als wären sie real hier und da. Ich sah sie vor mir, musste sie sehen. Und sie taten, was ich wollte. Es fiel mir viel ein, was sie zu tun hatten. Den Hügel des einen Fingerglieds mussten sie hinauf, dann in die eine Spalte zwischen zwei der Finger hinunter, den einen Finger entlang bis auf die Kuppe, den äußeren Grat des Zeigefingers etwa entlang bis auf den Daumen oder so. Ich kostete die jeweiligen Reaktionen des Publikums aus, konnte spüren dass ich ihre Gedanken lenkte, wobei es immer wieder andere waren, jeden Abend jedes Mal andere – ich und das Publikum. Es war die erste Rolle welche mich den Unterschied erleben ließ zwischen Schau-Steller und -Spieler. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich den Einen, vielfältigen Organismus.

Christine Wallner und Meinrad Nell und der Henker (Unbekannt).
Christine Wallner, Meinrad Nell schocken den Henker (Unbekannt) als glückliches Pärchen. „Das Opfer des Henkers“ von Reneé de Obaldia im Forum Stadtpark Graz – Bild: Stefan Amsüß

Etwas später durfte ich erfahren, was in den Sechziger-Jahren wirklich professionelle Rollen-Vorbereitung bedeutete. Über Vermittlung von Prof. Therwal , unserem „Therwi“, des Leiters der Abteilung „darstellende Kunst“, durfte ich drei oder vier Mal das Landeskrankenhaus Graz besuchen und mir Rat aus der Praxis holen. Da nahm sich einer der Primarii die Zeit – es war ein Herr Univ.-Prof. Dr. Berta, meiner Erinnerung nach – um mir den Krankheitsverlauf des Osvald in Henrik Ibsens „Gespenster“ mitfühlen zu lassen. Zu diesem Zweck durfte ich auch einmal einen „Ordinationsgang“ durch die sogenannte „geschlossene“ Abteilung der psychiatrischen Klinik miterleben. Hinterher haben wir dann über jene Fälle gesprochen, die mir besonders aufgefallen oder mich besonders beeindruckt hatten, wie jener Patient der im „Gitterbett“ saß und ununterbrochen versuchte, die Knoten des Netzgeflechtes zu lösen, welches sein Bett wie einen Käfig umhüllte. Man nannte ihn übrigens „Jesus“, er wollte das so. Es war von Ibsen zwar nicht explizit so beschrieben, aber es war anzunehmen dass sich Osvald im letzten Stadium der Syphilis befunden hatte. Von Szene zu Szene sollte sich sein Zustand verschlimmern. Natürlich gibt es da den allgemeinen medizinischen Zustand und natürlich die Interpretation der Regie und ganz natürlich noch die persönliche Meinung und Auffassung der Darsteller. Das geht bis hin zu Pausen und Päuschen in Nebensätzen, die urplötzlich zu Hauptsätzen werden können. Jeder Atemzug hat ja auch im realen Leben seine Bedeutung und dasselbe gilt mit ein wenig Überhöhung auch für die Bühne oder den Film oder das Multimediale. Das reicht bis zu körpersprachlichen Ausdrücken, die genau das Gegenteil zu dem Gesagten bilden können. Das alles war neu für mich. Es war eine Reise ins Abenteuer des Mensch-Seins. Und diese detailreiche Reise begann schon lange vor den Vorbereitungen zu ersten Proben. 

Ernst Therwal, der Leiter der Abteilung "Darstellende Kunst" der damaligen "Akademie für Musik und darstellende Kunst" in Graz.
Ernst Therwal, der Leiter der Abteilung „Darstellende Kunst“ der damaligen „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ in Graz. Er wirkte auch in einer der ersten österr. Nachkriegs-Filmproduktionen „Weg in die Vergangenheit“ mit. Gemeinsam mit Leo Steinhart und Fritz Zecha. Der erste österr. Sportreporter der Mediengeschichte, Heribert Meisel ist in diesem Film ebenfalls zu erleben.

Denkwürdig war auch die Arbeit an einem Drama von Marcel Achard. Das Stück hieß „Darf ich mitspielen?“. Das ganze Publikums-Areal des Forum Stadtpark wurde zu einem Zirkusrund umgebaut. Ich selbst saß mitten im Publikum. Bis zu dem Augenblick, als ich aufstand und mit  dem Satz „Darf ich mitspielen?“ in das Geschehen im Zirkusrund eingriff. Sollte ich diesen Satz noch im Sitzen von mir geben oder sollte ich zunächst aufstehen und dann die Frage stellen? Was wollte und sollte ich mit der Frage überhaupt erreichen? Sollte ich mich selbstüberheblich geben oder schüchtern? Fragen über Fragen. Teilweise wurden sie beantwortet von der Regie. Diese führte – meiner Erinnerung nach – Klaus Kemetmüller. Die restlichen Fragen wurden im Laufe der Proben oder auch danach in den vielen Stunden der Diskussion beantwortet. Viele Fragen wurden meinerseits auch gar nicht gestellt. Die waren zu kompliziert, zu komplex. Das fand ich jedenfalls. Sie lagen im sprechsprachlichen Bereich in Verbindung mit dem Körpersprachlichen. Ich konnte es fühlen, dass diese Fragen nicht hierher gehörten. Wir wollten in erster Linie etwas darstellen, wir wollten „spielen“, wir wollten aktiv sein, etwas „tun“. Wir wollten das bieten, was man zur damaligen Zeit nirgendwo sonst zu sehen bekam, wir wollten „avantgardistisch“ sein. Das Forum Stadtpark Graz bot uns die Möglichkeiten.

"Darf ich mitspielen" von Marcel Achard. Den Clown ganz links spielte Kollege Hartwig, so ich mich recht entsinne, den rechts gab Klaus Kemetmüller, der auch Regie führte. Die Dame in meinen Armen ist Inga Weber, damalige Freundin von H.C. Artmann, spätere Frau und Ex-Frau. Sie domizilierten in der Gegend des berühmten Glockenspielplatzes. Da spielte ich also schon ganz intensiv mit.
„Darf ich mitspielen“ von Marcel Achard. Den Clown ganz links spielte Kollege Hartwig, so ich mich recht entsinne, den Clown rechts gab Klaus Kemetmüller, der auch Regie führte. Die Dame in meinen Armen ist Inga Weber, damalige Freundin von H.C. Artmann, spätere Frau und Ex-Frau. Sie domizilierten in der Gegend des berühmten Glockenspielplatzes. Da spielte ich also schon ganz intensiv mit. – Bild: Stefan Amsüß

Es war eine Zeit des  Aufbruchs. In der Steiermark. Es war – und ist noch immer – die Zeit des Aufbruchs in den Umbruch. Das wussten wir damals noch nicht. Das konnten wir auch nicht im Entferntesten ahnen. Die Erwachsenen damals waren beschäftigt mit dem Bewältigen der Nach-Kriegs-Wirren. Sie hatten noch nicht einmal die Zeit sich mit dem Krieg selbst, geschweige denn mit den Ereignissen zu beschäftigen, welche sie dorthin gebracht hatten. Das wissen auch heute, 2018, nur einige Wenige. Die Möglichkeiten zur Synchronisation wurden unterbrochen. War auch gar nicht gewünscht. „Transparenz“ war vollkommen unbekannt. In der breiten Öffentlichkeit. Was wir damals auch nicht wissen konnten, war, dass wir Gelegenheit bekamen und natürlich auch weiterhin bekommen, uns auf diesen Umbruch vorzubereiten, teilweise einfach nur Erfahrung zu sammeln, denn wer hätte uns das nötige Wissen beizubringen vermocht? Wer hat das nötige Wissen? Noch dazu befindet sich unsere Generation in einem Alter, welches es zuvor nie gegeben hatte. Die meisten von uns, würden sich schon längst die Radieschen von unten ansehen, wie wir damals meinten, dafür hätten schon die „Herren“ der einzelnen Nationen gesorgt. Vielleicht hat die Schwarm-Intelligenz der Menschheit die richtige Antwort darauf. Die immer lauter werdende bisher schweigende Mehrheit wird immer unbequemer und die verschiedenen Strömungen auf dieser Welt, die ja nur von einigen wenigen verströmt werden, endkämpfen um die vorherrschende Macht, welche immer schwächer wird. Das globale System  wird den damaligen lokalen Bewegungen immer ähnlicher. Jedenfalls bekamen wir unsere Chancen, von wem auch immer. Und ergriffen sie.  So gesehen hatte die Frage „Darf ich mitspielen?“ von Marcel Achard damals beinahe programmatischen Charakter. 

Inga Weber und Meinrad Nell im Zirkusrund des Forum Stadtpark. Die Gender-Problematik wurde damals schon von Marcel Achard angespielt. Heute eine sehr berührende Dramatik. "Darf ich mitspielen?" in den 60er-Jahren in Graz.
Inga Weber und Meinrad Nell im Zirkusrund des Forum Stadtpark. Die Gender-Problematik wurde damals schon von Marcel Achard angespielt. Heute eine sehr berührende Dramatik. – Bild: Stefan Amsüß