Auto mobil autonom sein…

1988. Willi Dungl hat mir in Gars am Kamp ein Gerät mitgegeben, mit dem man die Leistungsfähigkeit eines Menschen messen kann. Solange man will, es für wichtig erachtet oder es nötig erscheint. Den Sender hab ich mir sofort um die Brust geschnallt, den Empfänger an das Armgelenk.
Die Fahrt zurück nach Wien war die Hölle! Unvorstellbar! Erstmals in meinem Leben wusste ich zu jeder Sekunde ganz genau was ich tat! Was ich mir antat. Und meinem Körper. Und dann kam erst das Vorfeld der Großstadt. Und die Großstadt selbst. Das Wien von damals. Unbeschreibbar! Ein zum Leben wieder-erweckter Hieronymus Bosch. Zu Hause angekommen, stellte ich einmal das Ding-da, das man als Automobil bezeichnet, ab. Die Maschine, die mich in die verschiedensten Situationen vorwärts getrieben hatte, verstummte. Ich atmete ein paar Mal ruhig und tief durch. Zwerchfell-Tiefatmung. Hatte ich doch jahrelang gelernt. Beherrschte ich.
Ich hielt es nicht für möglich, glaubte es kaum. Ich vollbrachte doch tatsächlich, nachweislich, real messbar, Leistungen eines Schwerarbeiters! Am Steuer eines PKW, während der Fahrt, die ja das reinste Vergnügen sein sollte! Am nächsten Tag der zweite Versuch inklusive Fahrt, ad hoc, weil ich’s wissen wollte: Eine Live-Sendung im Funkhaus Wien. Ein Ö3-Magazin. Ein ähnliches Ergebnis, nicht so schwerwiegend, aber immerhin: schwerste Arbeit. Der dritte Tag: Fahrt ins Tonstudio Holly in Wien, Produktion eines Hörfunk-Werbespots. Wiederum Schwerstarbeit messbar. Da begann es zu arbeiten in mir. Ich dachte. Und dachte. Da kauft man sich etwa ein Auto. Nimmt sich ziemlich sicher Kredit auf, zahlt Gebühren und Kapital und Zinsen und Zinsen von den Zinsen. Verschuldet sich also, nur um Leistung erbringen zu können, Arbeit zu erbringen. Arbeit, die man größtenteils für sich selbst erbringt. Und nur um der Arbeit willen. Von der Allgemeinheit bekommt man zwar ein wenig zurück, aber nur ein wenig. Ein ganz klein wenig. Da gibt’s dann die Fahrten ins berühmte „Blaue“ am Wochenende, Fahrten in den Urlaub. Nur die Fahrten alleine schon. Das Fahren. Leistung. Arbeit. Fahren. Kuppeln, Schalten, Bremsen. Sich Ärgern. Über andere. Notbremsen. Blinken. Auf- und Abblenden. Es regnet und schneit. Nebelschwaden, Regen und Gewitter und Hagel, Muren. Fahrsituationen ändern sich. Glatteis, Tiefschnee, salznasse Fahrbahnen. Wie oft wirft man während einer Fahrt die Nerven in den Abfalleimer? Ich kann mich an Fahrten über den Perchauer Sattel ins Mur- und Mürztal über den Semmering nach Wien und zurück nach Klagenfurt erinnern, wo ich mir die einzelnen Stellen vorgesagt habe, an denen ich halbwegs gefahrlos „ausreiten“ hätte können. Wo ist der Gendarm, der um halb Fünf in der Früh irgendwo an einer Mürztaler Ortsdurchfahrt plötzlich und überrascht am Fahrbahnrand dastand, mich schockiert anzuhalten versuchte, mich zum Zurück-Fahren veranlasste, mir zurief: „Wos is? Mochma an Fuffzga?“ (Was ist? Machen wir einen Fünfziger?).
In ein paar Jahren ist das alles vorbei. Nur ein paar Reste wird es noch geben. Hätte ich in diesen Jahren gewusst, dass es ein paar wenige Menschen gibt, die an der Realität von übermorgen bereits arbeiten, mit fliegenden Fahnen wäre ich zu ihnen gehetzt. Information ist der Schlüssel zu Allem.
Anstatt Schwerarbeit zu leisten, sich während der Fahrt ausschlafen zu können, anzukommen, ausgeschlafen, voll gefrühstückt, geduscht, geschneuzt und gekampelt. So wie es mit der Eisenbahn möglich ist oder war. Oder auch nur eine Viertelstunde lang mich vorzubereiten auf den nächsten Termin. Was wir Menschen uns da alles an Unnötigem ersparen würden, wir könnten schlafen, essen, trinken, lesen, irgendetwas für uns jedenfalls Sinnvolleres tun, als gratis Zeit zu vertrödeln, eingeredet zu bekommen, man würde etwas Gutes tun. Sicher würde die Unterhaltungsindustrie von uns wieder irgendwas wollen, wenn das überhaupt noch reingeht. Gibt es sie überhaupt noch, diese traditionelle Industrie?
Wie viele Verkehrs-Tote würden pro Jahr überleben, würde man den Menschen mit seinen größtenteils emotions-geladenen Reaktionen einfach ausschalten. 1-2 % des jeweiligen nationalen BIP wird man sich ersparen an Kosten verursacht durch Verkehrs-Tote und Verletzte. Bei allem, wo es darauf ankommt, nicht emotional zu reagieren, wird man in naher Zukunft Lebewesen einfach wegschalten. Wie wichtig das ist, oder wäre, erfährt man jeden Tag im Fluge, im Flugverkehr, und letzten Endes bei den etwas teureren Kfz-Vorstufen-Modellen.

Der „neue“ Verkehr wird – ähnlich unserer Kommunikation heute – fließen, ständig fließen. Es wird parallel dazu mehr Grünflächen geben, mehr Platz, um unser Leben, unsere Existenz existenzwerter werden zu lassen. Eisenbahn und Schienen, Wege und Strassen, Autobahnen, das alles wird Eins sein – noch dazu in Kürze, in wenigen Jahren. Woher sonst soll wohl das Wachstum kommen, von dem Politiker immer reden? Noch dazu handelt es sich um ein Wachstum, das nicht schon nach 100 oder 200 Jahren satt und zu Ende gefressen ist. Jedenfalls: Seit unserem „Honeymoon“ in Thailand, auf der damals nur Insidern bekannten Insel Koh Samui, hab ich mich vom Autofahren abgewandt, um mich in ein paar Jahren der positiven neuen Mobilität zuzuwenden. Dieses Abwenden erfolgte sicher auch aus Protest und Kritik an dem herrschenden Irrsinn. Der aber endlich als beendet bewertet werden muss.